In den Medien war es keine große Meldung, es geht ja nur um zwanzig Zentimeter, und die wurden auch noch mit „Hochwasserschutz“ garniert. „Der Ausbau der Donau als Wasserstraße schreitet zwischen Straubing und Vilshofen weiter voran“, so Niederbayern TV am 19. März 2026. Das klingt doch positiv. Es geht um den Donau-Streckenabschnitt von Deggendorf bis Vilshofen. Auf den 32 Kilometern soll die Fahrrinnentiefe um zwanzig Zentimeter erhöht werden, um durchgehend Schifffahrt zu ermöglichen. Dazu braucht es 40 Buhnen, die das Wasser auch bei Niedrigpegel stets in die Mitte des Flusses lenken, sowie sechs weitere Parallelwerke und Ufervorschüttungen. Die Stellungnahme der EU zur Umweltverträglichkeit der Ausbaumaßnahmen liege vor, so die Nachricht. Das Gebiet, um das es geht, fällt unter die „Fauna-Flora-Habitat-Richtlinie“. Es handelt sich bei diesen 32 Flusskilometern um einen der letzten frei fließenden Abschnitte der Donau.
Der geplante Eingriff in den Verlauf des Flusses hat eine lange Geschichte, an der die Benediktinerabtei Niederaltaich in besonderer Weise mitgewirkt hat. Als Anfang der 1990er-Jahre die Absicht der bayerischen Landesregierung bekannt wurde, die Donau zwischen Deggendorf und Vilshofen auszubauen, das Flussbett zu begradigen, einen Stichkanal anzulegen und die Donau mit Staustufen zu versehen, regte sich im Kloster Widerstand. Der in der Bevölkerung hoch angesehene damalige Abt Emmanuel Jungclaussen wurde zum größten Widersacher dieses Vorhabens. Er wollte partout nicht, dass sich der Fluss in eine, wie er sagte, „seelenlose Schifffahrtsrinne verwandelt, mit allen Folgen für die Tier- und Pflanzenwelt der Uferauen“.
Am (orthodoxen) Tag der Taufe Jesu
Seine Idee für den Widerstand gegen die Pläne der Landesregierung war, die Donau zu segnen. Dies geschah erstmals am 6. Januar 1994. Damals war es noch ein eher stilles, feierliches Ereignis, bei dem Abt Emmanuel ein mit Efeu umwickeltes Holzkreuz nach byzantinischem Ritus dreimal in die Donau warf, es ein Stück im Wasser treiben ließ, um es mit einer Schnur wieder aus dem Fluss zu ziehen und in einer Prozession zurück in die Klosterkirche zu tragen. Den Tag, den 6. Januar, Epiphanias, hatte er bewusst gewählt, denn er gilt in der orthodoxen Kirche als Tag der Taufe Jesu, die im Ritual der Wasserweihe gefeiert wird. Schon im Jahr darauf war die Donausegnung ein großes und ökumenisches Ereignis, zu dem Abt Emmanuel vom evangelischen Stadtpfarrer Norbert Stapfer begleitet wurde und zu dem Gläubige wie Nichtgläubige aus allen Teilen Bayerns ans Ufer der Donau in Niederaltaich kamen.
Bis kurz vor seinem Tod 2018 hat Abt Emmanuel, seit 2001 Altabt, die Donau nach dem Ritual der Wasserweihe Jahr für Jahr gesegnet und auf diesem Wege Tausende Menschen nicht nur in Bayern auf die Würde des Flusses und die Würde der Natur verwiesen. Der Widerstand hatte Erfolg: War der damalige Ministerpräsident Edmund Stoiber zunächst schwer entrüstet über die Einmischung der Kirche, so gab die Landesregierung die Pläne 2013 zumindest vorläufig auf. Auch nach Emmanuels Tod führten die Benediktiner die Segnungen weiter fort. 2018 war sogar der Passauer Bischof Stefan Oster einer der drei, die das Kreuz in die Donau warfen. Viele hundert Menschen verfolgen weiterhin jedes Jahr die Donausegnung und den anschließenden Gottesdienst in der überfüllten Klosterkirche von Niederaltaich.
Vergeblich waren die Donausegnungen nicht. Die jetzigen Ausbaupläne schonen den Fluss. Die Mühlhamer Schleife unmittelbar vor Niederaltaich wird nicht zum toten Arm, und es wird auch keine Staustufen mit stehenden Gewässern geben, ebenso wenig einen Stichkanal, wie zunächst beabsichtigt. Die Donau darf weiter fließen. Die Landesregierung nennt dies einen „sanften“ Donauausbau und einen tragfähigen Kompromiss. Ob Abt Emmanuel damit besänftigt worden wäre, weiß der Himmel.
Der Autor hat 25 Jahre lang die Hamburger ZEIT-Stiftung geleitet und ist weiterhin als Buchautor und publizistisch tätig.
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