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Liebe und Licht    

Das göttliche Licht macht sichtbar, wir hingegen sind blind für die Dinge, wie sie wirklich sind. Eine Reflexion über Gott und die Gotik.
Die gotische Bauweise setzte das Licht an erste Stelle: Ein Blick in den Innenraum der Basilika von Saint Denis in Frankreich.
Foto: IMAGO/Manuel Cohen (www.imago-images.de) | Die gotische Bauweise setzte das Licht an erste Stelle: Ein Blick in den Innenraum der Basilika von Saint Denis in Frankreich.

Es dunkelte in Saint-Denis. Oder besser: Es dunkelte dort bis zum Jahr 1137, bis man mit dem Umbau der romanischen Abteikirche begann. Zuständig für das Epochenprojekt war Abt Suger, der – nach den Schriften des Dionysius von Paris suchend – versehentlich die Schriften von Dionysius dem Pseudo-Areopagiten studierte und auf dessen Auslegung des Satzes stieß: „Gott ist Licht.“ Durch diesen glücklichen Fehler angeleitet, stolperte er über den Gedanken, eine Kirche mit hohen und farbigen Fenstern zu bauen: Dies ist die Geburt der Gotik. Wo zuvor die romanischen Kirchen mit wenigen kleinen und bleichen Fenstern Gott in der Finsternis huldigten, da wurde der Altar von Saint-Denis plötzlich von hellbunten Strahlen umflutet. 

Der Gedanke ist hilfreich und trägt einen über die Architektur hinausreichenden Sinn: Wir sehen die Dinge selbst nicht. Was wir sehen, ist im Wesentlichen nur reflektiertes Licht von den Gegenständen um uns. Und vielleicht nur wenig weniger wichtig: Es bedarf auch des Lichtes, um die Schatten zu erkennen, auf die nie ein Sonnenstrahl fällt: Das Licht sei da, „um die Geister zu erleuchten und sie durch wahres Licht zu dem wahren Licht zu führen“, so Suger. Das ist kein rührseliges Sinnbild, sondern eine handfeste Analogie: Im Dunkeln kann man überhaupt nicht sehen. Das will meinen, dass die Schatten eigentlich nicht echt sind, sondern ganz spezifische Fehlbilder der sie Werfenden. Ähnlich verhält es sich mit der Sünde: Wir sagen zwar, dass ein Mensch ein bestimmtes Laster hat, doch eigentlich ist es eher ein Mangel, der auf eine ihm ganz bestimmte Weise anhaftet und erst bei göttlichem Sommerwetter zur Sichtbarkeit gelangt. 

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Stellen wir uns nur mal vor, die Mutter Adolf Hitlers hätte den Weltkrieg überlebt und würde bei den Nürnberger Prozessen in den Zeugenstand gerufen werden … Was würde sie wohl sagen? Womöglich: „Eigentlich war er ganz anders.“ Sein grausamer Hass war nicht das, was seine Mutter in ihm sah. Auch käme kein Historiker auf den Gedanken, das deutsche Wesen mit dem brutalen Geist des Nationalsozialismus gleichzusetzen – jedenfalls keiner, der die Geistesfülle von Weimar kennt. Gewiss, die Schreckensideologie war eine spezifisch deutsche Verirrung, weil sie eine Summe deutscher Untugenden war: ein allzu lutherisches Misstrauen gegen die Vernunft; eine allzu hegelianische Allmacht des Staates; eine allzu nietzscheanische Überbetonung des Tierischen gegenüber dem Geistlichen. Kein anderes Volk hätte diesen schrecklichen Schatten werfen können, und doch ist der Schatten eben nicht das Wesentliche, sondern ein Mangel an Licht: eine spezifische Perversion dessen, was das Wirkliche eigentlich ausmacht. 

Unser Leben ist ja so oft nur ein Trugbild aus Schatten und Rauch! Doch das Licht allein hat Gültigkeit. Es ist Gottes Widerleuchten auf dem Antlitz seiner Schöpfung. Da umweht uns die tiefe Geistigkeit der Gotik, wo wir uns bewusst werden, dass unser wahres Wesen eben nicht in unseren mannigfaltigen Verfehlungen besteht. Der Schatten ist keine einfache Silhouette, sondern eine Untreue zum Licht, vor welchem der Mensch sich immerfort verantwortet. Nicht was einer in der Wut sagt, ist entscheidend, sondern was er in der Liebe sagt. 


Der Autor studiert an der päpstlichen Universität Angelicum in Rom. 

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