Der Mensch erfüllt sich nicht im Alleingang. Er wird an einem Du groß, das ihn nicht bloß bestätigt, sondern formt, begrenzt, schützt und freisetzt.
Dies soll im zweiten Teil unserer Serie mit drei weiteren Paaren vertieft werden: Gilbert K. Chesterton mit Frances, Franz Jägerstätter mit Franziska und Clive Staples Lewis mit Joy Davidman.
Gilbert Keith Chesterton (1874–1936), oft als „Apostel des gesunden Menschenverstands“ tituliert, war in seinem praktischen Leben alles andere als organisiert: chaotisch, vergesslich, körperlich eher unbeholfen. So bekannt er selbst auch ist, seine Frau Frances steht auf ihren eigenen Wunsch hin ganz im Hintergrund und bat ihn sogar darum, sie in seiner Autobiografie nicht zu erwähnen.
Chesterton – Apologet mit Rückgrat
Frances, selbst eine gebildete, charakterstarke Frau aus dem englischen Mittelstand, wählte ihr Leben als seine Frau und stand neben ihm als eine Mischung aus Sekretärin, Managerin und geistiger Dialogpartnerin. Sie führte seine Termine, regelte Korrespondenz, sorgte dafür, dass Manuskripte rechtzeitig abgegeben wurden und ihr Mann nicht in der eigenen Zerstreutheit versank.
Wo er keine Ordnung fand, stiftete sie eine, damit sein Talent freigesetzt werden konnte. Obwohl sie selbst schriftstellerisch, vor allem poetisch, kreativ und in der Nächstenliebe sehr aktiv tätig war, gab sie mit der Eheschließung ihren geliebten Beruf als Lehrerin auf. Sie wollte sich und ihrem Mann das offene und liebevolle Zuhause schaffen, in dem sie beide aufleben konnten.
Das gelang: Sie hatten einen großen, künstlerischen und schriftstellerischen Freundeskreis und ein offenes Haus für Gäste, die sehr gerne zu ihnen kamen. Frances war an Menschen interessiert, auf eine leise und liebevolle Art. Ihr lag besonders daran, dass es den Menschen um sie herum gut ging und diese wussten, dass sie jemandem etwas bedeuten und ihr Leben wichtig ist.
Geistliche Wegbegleiterin
Die Ehe blieb zum lebenslangen Schmerz von Frances kinderlos – ein Leiden, das sie tief spürte, gleichzeitig aber trotz einer familiären Veranlagung zu Depressionen und zeitlebens eher schwacher Gesundheit nicht in Selbstmitleid versinken ließ: Sie lebte ihre Mütterlichkeit in der Beziehung zu Freunden, Armen, Kranken und anderen bedürftigen Menschen aus, vor allem Kindern wie ihre Nichten und Neffen, ihren 25 Patenkinder und Schülern. Sie und Gilbert verehrten den heiligen Franziskus so sehr, dass sie in ihrem Garten eine Statue des Heiligen aufstellten.
Auch spirituell spielte Frances eine subtile, aber zentrale Rolle: Sie begleitete seine religiöse Entwicklung und stützte seine Suche nach Wahrheit. In den ersten Ehejahren besuchten sie beide die anglikanische High Church, wobei eine Liebe zur sakramentalen Dimension der Kirche entstand, die sie schließlich in die katholische Kirche führte.
Die kraftvollen, humorvollen Verteidigungen des Glaubens Gilberts verdanken sich auch dieser unspektakulären, treuen Lebensgemeinschaft. Die Frau an seiner Seite machte aus einem genialen, aber unpraktischen Intellektuellen einen verlässlichen Zeugen des Glaubens.
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Jägerstätter – Gewissen im Bund
Die Größe Franz Jägerstätters (1907–1943) liegt in seiner Verweigerung. Der einfache Bauer aus dem Innviertel in Österreich stellte sein Gewissen über politische Macht und gesellschaftlichen Druck – weshalb er 1943 wegen Wehrkraftzersetzung zum Tode verurteilt wurde. Doch wer nur auf den Märtyrer blickt, übersieht die Hälfte: Seine Standhaftigkeit wuchs in einer Ehe, die ihn innerlich trug.
Die Lebensgeschichte von Franz und Franziska zeugt von einer tiefen Partnerschaft und den moralisch denkbar schwersten Herausforderungen, vielleicht am ehesten vergleichbar mit Thomas Morus. Im Mittelpunkt steht zunächst ein junger Mann voller Lebens- und Abenteuerlust, dessen Prioritäten die Begegnung mit Franziska grundlegend veränderte. Zwischen ihnen entwickelte sich ein Weg im Glauben, der ihnen Sinn, Halt und Erfüllung gab. Ihre Lebenswelt wurde jedoch durch die politischen Umbrüche Anfang des 20. Jahrhunderts zunehmend erschüttert und schließlich existenziell infrage gestellt.
Gemeinsamer Glaube, gemeinsame Opfer
Franziska war eine gläubige, kluge, praktisch veranlagte Frau, die mit ihm gemeinsam betete, las und den Glauben in den Alltag brachte. Ihre Ehe wurde zu einer geistlichen Schule für den bis dahin nicht als außergewöhnlich gläubig auffallenden Franz.
Sie wurde das Gegenüber, das den harten Weg ihres Mannes mit Opferbereitschaft und Stärke mittrug. Als sie später auf seine Entscheidung, 1938 als Einziger im Ort gegen den „Anschluss“ zu stimmen, angesprochen wurde, sagte sie: „Wenn ich nicht zu ihm gehalten hätte, hätte er gar niemanden gehabt.“ Allerdings scheint sie durchaus versucht zu haben, ihn davon abzubringen. Auf Vorwürfe, sie hätte seinen Tod mitverschuldet, sagt sie: „Ich habe es dem Franzl nicht ausreden können.“ Sie überlebte ihn um 70 Jahre.
Das Verhältnis beider wird vielleicht am stärksten von einem Satz Jägerstätters selbst erhellt: „Vom Einfluss einer Frau auf den Mann erwartet der Apostel mehr als von der Predigt eines Missionars.“ Franziska wirkte nicht laut, nicht öffentlich, sondern durch Treue, Geduld, Klarheit und die Bereitschaft, mit ihm den Glauben bis in die Konsequenzen hinein ernst zu nehmen.
Der unbequeme Weg zwischen Wahrheit und Familie
Und doch darf man das Opfer nicht ausblenden, das sie diese Treue kostete. Franz war durch seine heroische Weigerung, sich dem Nationalsozialismus zu beugen, auch der Mann, der seine Frau und die drei Töchter mit einer Entscheidung belastete. Es liegt eine Tragik in seiner Gewissensentscheidung zwischen zwei Verantwortlichkeiten: dass er zwischen Wahrheit und Familie nicht den bequemeren Weg wählte.
Er wusste, dass sein Nein zum Unrecht die Seinen ins Leid stürzen würde, und doch hielt er es für unmöglich, aus Rücksicht auf die Familie die Wahrheit des Gewissens zu verraten. Seine Treue zur Wahrheit war ein gemeinsames Kreuz – eines, in welchem sie in die irdische Trennung um der größeren Liebe willen einwilligte.
Treue in widrigsten Umständen
In den Jahren der Verfolgung zeigte sich, wie tragfähig diese Beziehung war. Während Franz im Gefängnis Einsamkeit, Schikane und geistliche Dunkelheit ertrug, blieb Franziska diejenige, die den Hof weiterführte, die Kinder großzog, den Unmut der Nachbarn aushielt und das Andenken ihres Mannes bewahrte.
Der Nachlass Franziskas ist von zentraler biografischer Bedeutung, auch für die Entwicklung der Gedenkstätten- und Erinnerungskultur. Sie war die Hüterin und Verteidigerin seiner Wahrheit nach seinem Tod, auch schon, als er von katholischer Seite noch für seine Wehrdienstverweigerung kritisiert und in den Nachkriegsjahren zunächst nicht als Widerstandskämpfer anerkannt wurde.
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Lewis – Gesprächsraum der Liebe
live Staples Lewis (1898–1963) ist der große Apologet des christlichen Glaubens, ein Denker von Klarheit, Witz und scharfer Unterscheidungskraft. Auch bei ihm ist das Spätwerk durch sein geistiges Gegenüber geprägt, das ihn herausforderte und veränderte: Joy Davidman (1915–1960). Sie war eine hochbegabte, sprachlich gewandte und eigenwillige Autorin, die für ihre Gedichtsammlungen in den USA mehrfach ausgezeichnet wurde. Als Atheistin und Mitglied der Kommunistischen Partei der USA heiratete sie 1942 ihren ersten Mann, mit dem sie zwei Söhne hatte.
Nachdem die missbräuchliche Ehe enormen Schaden bei ihr hinterlassen hatte, beschreibt sie ein eindrückliches Erlebnis: Zum ersten Mal musste ihr Stolz eingestehen, dass sie nicht „Herrin ihres Schicksals“ war. Für einen Moment brachen all ihre Schutzmechanismen zusammen – die Mauern aus Überheblichkeit und Selbstsicherheit, hinter denen sie sich vor Gott verborgen hatte: Gott trat in ihr Leben, wie sie selbst berichtet.
Glaube ist nicht Flucht vor der Vernunft, sondern ihre Vollendung
Nach ihrer Hinwendung zum Christentum und der Scheidung verließ sie die USA und zog mit ihren Söhnen nach England, wo sie Lewis kennenlernte und sich in ihn verliebte – was allerdings zunächst nicht auf Gegenseitigkeit beruhte. Sie kam aus einer Welt von Skepsis, politischer Überzeugung und persönlicher Zerrissenheit. Dass sie sich schließlich dem christlichen Glauben öffnete, geschah als Antwort auf Wahrheitserfahrungen, die sie nicht mehr abweisen konnte. In ihrer Bekehrung wird etwas sichtbar, das Lewis selbst immer wieder beschrieben hat: Glaube ist nicht Flucht vor der Vernunft, sondern ihre Vollendung.
Joy war Lewis vor allem als Gesprächspartnerin wichtig. Ihre Korrespondenz begann mit theologischen und literarischen Fragen; er fand in ihr eine Frau, deren Intellekt seinem ebenbürtig war und die mit ihm über Glauben, Fantasie und Wirklichkeit nachdenken konnte. Joy war stark, unruhig, suchend und zugleich von einer großen inneren Wahrheitssuche getragen, was sie zu einem Gegenüber machte, das geistige Bewegung erzeugt. Vor ihrer Ehe bezeichnet er sie als „meine verlässliche Gefährtin, Freundin, Kameradin, Mitstreiterin. Meine Geliebte; und zugleich all das, was mir je ein männlicher Freund (und ich habe gute) gewesen ist. Vielleicht mehr.“
Erfahrung von Verletzlichkeit und Endlichkeit
Ihre Ehe begann zunächst als Vernunftehe, da Lewis anbot, sie zivil zu heiraten, damit sie in England bleiben konnte. Erst als Joy sterbenskrank im Spital lag, heiratete er sie aus Liebe in einer kleinen anglikanischen Zeremonie am Sterbebett erneut – sie sollten dennoch noch drei gemeinsame Jahre haben. Gerade diese Endlichkeit gab ihrer Beziehung eine große Dichte, auch adoptierte er ihre Söhne und zog sie nach ihrem Tod bei sich mit seinem Bruder auf.
Ihre Krankheit und ihr Tod brachten Lewis sowohl eine bis dahin unbekannte Nähe als auch eine Erfahrung von Verletzlichkeit und geteiltem Schmerz. Für einen Mann, der den Glauben oft intellektuell verteidigt hatte, wurde hier sichtbar, dass Wahrheit nicht nur gedacht, sondern auch erlitten und geliebt werden muss.
Buchempfehlung: Alister McGrath: C.S. Lewis – Die Biografie. Prophetischer Denker. Exzentrisches Genie, Basel 2014.
Die Autorin ist promovierte Theologin, begeisterte Leserin und macht derzeit eine Ausbildung in Bibliotherapie.
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