Am Samstag vor 752 Jahren ist Thomas von Aquin gestorben. Grund genug für meine römische Universität, die Verschiebung seines liturgischen Gedenktages in den Januar zu ignorieren und ihn ein zweites Mal zu feiern. Das hat Methode und ist mit dem Wesen der Universitäten überhaupt verbunden: Denn „Universität“ kommt von „Universum“ – es soll ein Ort sein, an dem man sich mit dem Ganzen der Welt, also mit allem Möglichen, beschäftigt. Und für Thomas war es eben das, was den Menschen ausmacht: Anders als das nur auf mühselige Nahrungsbeschaffung konzentrierte Vieh ist der Mensch mit Geist begabt, kann sich in müßigen Stunden auch für das Unpraktische interessieren und Kunst, Poesie oder Wissenschaft betreiben. „Des Menschen Seele kann zu jedem Ding kommen“, sagt Thomas.
Den Menschen „hervorbilden“
Gerade das macht Wissenschaft universitär, dass nicht jeder seine eigene Fachsuppe kocht, sondern dass die Leute ins Gespräch kommen! Eine Universität soll kein gepanzerter Elfenbeinturm sein, sondern ein offener Dorfplatz, auf dem ein Ingenieur die Idee für klimaanlagenfreie Gebäude bekommen kann, weil ein Biologe ihm die intelligent belüftende Bauweise von Ameisenhügeln erklärt. Des Menschen Seele kommt eben nur dort zu jedem Ding, wo sie offen für das Fremde und das Ganze ist. So entwickelt sich die Eigenschaft, die Thomas zufolge den Menschen ausmacht: Bildung meint ja wörtlich, dass ein Mensch hervorgebildet wird, dass also das zutiefst Menschliche in ihm gedüngt und herangezogen wird, sodass er nicht schlauer wird, sondern menschlicher. Da geht es nicht zuerst um die Kundgabe und das Eintrichtern von Informationen, sondern um die Pflege von interessierter Zuwendung zum größeren Ganzen. Hierzu vielleicht zwei praktische Punkte, die wir vom Aquinaten lernen können.
Zuerst ist bemerkenswert, dass Thomas als Lehrform die Diskussion etablierte: Die Studenten mussten gegeneinander – oder besser: miteinander – diskutieren. Und das war kein wildes Gebrüll, sondern eine äußerst methodische und maßvolle Angelegenheit, die klaren Regeln folgte: So musste man, bevor man gegen das Argument des anderen etwas sagen durfte, sein Argument wiederholen und sich von ihm bestätigen lassen, dass man es recht verstanden hatte. Eine Regel, die den politischen Talkshows unserer Zeit auch heilsam zugutekommen würde. Zweitens ist beachtlich, dass Thomas eine eigene Diskussionsform erfand, die sich keinem Argument und keinem Partner verweigerte: die Debatte über die „Quodlibetales“ – also über das, was die Leute gerade umtreibt. Hier war es nicht die Aufgabe des Schülers, Stoff zu pauken, sondern das Thema vorzugeben, über das dann gemeinsam diskutiert wurde. Würden wir auch das wieder einführen, müsste meine beste Freundin (eine empathische Junglehrerin) auch nicht ständig über die Realitätsferne der Lehrpläne an unseren Schulen klagen. Warum nicht mal die Schüler fragen, was sie interessiert und was sie voneinander lernen können? Die Idee der Universität ist schließlich nicht Lehrplan-Akkordarbeit, sondern der Einfall Gottes am sechsten Tag: Lasst uns Menschen machen!
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