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Kunst kommt von Christus 

Quellen der Kreativität sind so verschieden wie Künstler und Künste. Beim Maler Michael Mohr gehört die Gotteserfahrung dazu.    
Malen als handwerklicher Prozess: Werkstatt und fertiges Bild atmen die tätige Auseinandersetzung mit Idee und Material.
Foto: Rocco Thiede | Malen als handwerklicher Prozess: Werkstatt und fertiges Bild atmen die tätige Auseinandersetzung mit Idee und Material.

Ein später Nachmittag am Frankfurter Osthafen. Das Licht ist bereits weich geworden, als sich die schwere Tür in der Schwedlerstraße schließt und der Straßenlärm der vielbefahrenen, nahen Hanauer Landstraße abrupt verstummt. Wer in den Gebäudekomplex mit den sechs Etagen und seinen Atelier-, Veranstaltungs- und Theaterräumen eintritt, spürt sofort, dass dies ein Ort ist, an dem Zeit anders verläuft. Rund 150 Künstler arbeiten derzeit im Atelierfrankfurt e. V., einem der größten Künstlerhäuser in Deutschland – jeder für sich, und doch verbunden durch das stille Wissen, nicht allein zu sein. „Es ist einfach ein schönes Gefühl, wenn man mit Gleichgesinnten am selben Ort künstlerisch arbeiten kann“, sagt Michael Mohr, der seit über einem Jahrzehnt hier kreativ wirkt. 

Mit dem Fahrstuhl geht es in die vierte Etage, wo sich Mohrs Atelier in dem ehemaligen Kontorhaus von 1914 befindet. Von den Fenstern aus ist die Europäische Zentralbank zu sehen – Sinnbild eines sich wandelnden Stadtviertels. Das Quartier rund um die Hanauer Landstraße ist seit Jahrzehnten ein Ort der Kreativen, in dem zahlreiche Ateliers und Büros angesiedelt sind. 

Michael Mohrs Bilder verbinden Gesehenes und Imagination. Landschaft und Figur bestimmen die Herleitung der Bildmotive.
Foto: Rocco Thiede | Michael Mohrs Bilder verbinden Gesehenes und Imagination. Landschaft und Figur bestimmen die Herleitung der Bildmotive.

Wer dem gebürtigen Fuldaer Michael Mohr (Jg. 1964) begegnet, trifft keinen lauten Redner. Der eher unauffällige Mann mit blauen Augen, wenigen Haaren, Basecap und Schal ist ein konzentrierter Beobachter, der wenig Aufhebens um sich selbst macht. „Was soll ein Künstler über die eigenen Sachen sagen? Das ist immer schwierig, denn man macht die Arbeiten ja erstmal für sich selbst“, gibt er offen zu. Tatsächlich verweigert sich Mohr jeder schnellen Selbstdeutung. Seinen Kunstwerken wird von Kennern eine „zeitlose Qualität“ bescheinigt oder – wie Florian Illies es formulierte: „Es gelingt ihm durch intensive Naturbeobachtung und fußend auf seinem reichen malerischen Repertoire, die Gegenwart zu einer Vision zu machen.“ 

Landschaft im Zentrum 

„Sich in der heutigen Zeit auch als Landschaftsmaler zu bezeichnen, ist für manche Künstler fast ein Schimpfwort“, sagt Mohr. „Aber das ist Kern meines Werkes, auch wenn das im zeitgenössischen Diskurs provoziert.“ Nach jahrzehntelanger abstrakter Malerei hat er konsequent zur Landschaft zurückgefunden. Die Erfahrungen mit der Abstraktion sind geblieben: Sie strukturierten seinen Blick für das Wesentliche, schärften das Gespür für Farbbeziehungen, Schichtungen und Komplexität. „Die ausgewählten Naturausschnitte sind von der Struktur und der koloristischen Vielfalt so komplex – das kann ich mir gar nicht selbst ausdenken.“ 

Mohr arbeitet direkt plein air in der Landschaft. „Das geht natürlich nur im Rhythmus der Natur, und das stundenlange Beobachten und gleichzeitige Arbeiten vor dem Motiv ist ein ebenso meditativer wie beglückender Zustand.“ Seine Ölstudien sowie Kohle- und Farbstiftzeichnungen entstehen schnell und konzentriert auf Holz, Papier oder Karton. Im Atelier hängen sie dicht nebeneinander. Erst hier, im neutralen Raum, zeigt sich ihre Qualität. „Da sieht man schlagartig, ob es wirklich gut oder sehr gut oder vielleicht auch weniger gelungen ist.“ 

Seine Landschaftsbilder sind rückseitig immer datiert, das jeweilige Datum dient als Titel. Mohr entzieht sich bewusst der Benennung, um Assoziationen nicht in falsche Richtungen zu lenken. Und doch erzählen die Bilder etwas – nicht Geschichten, sondern Zustände. Vorder- und Hintergrund können sich verschieben, Abstraktion und Gegenständlichkeit bleiben oft in der Schwebe. „Das Paradoxe an diesen Bildern ist die Geschwindigkeit suggerierende Darstellung und gleichzeitig ihre statische, in sich ruhende Erscheinung“, sagt er. 

In Michael Mohrs Frankfurter Atelier lagert ein reicher Fundus: Leinwände, Holztafeln und Papierarbeiten aus fast vier Jahrzehnten. „Als Künstler schleppt man immer das ganze Lebenswerk mit sich herum.“ Mohr ist sich dieser Last bewusst – und ihrer Notwendigkeit. Rückbezüge sind Teil seines Arbeitens, vorwärts und rückwärts, Schicht um Schicht. Wurzeln dafür legte schon sein Vater Ferdinand Mohr (1920–2005), der selbst eindrucksvolle Arbeiten hinterließ. Einige davon werden heute in Michael Mohrs Atelier in den Schubläden der Grafikschränke verwahrt – stille Zeugnisse einer künstlerischen Kontinuität über Generationen hinweg. Mohrs Ausbildung begann früh. Nach einer Malerlehre in einer Restaurierungswerkstatt wurde er bereits mit siebzehn Jahren an der Frankfurter Städelschule zum Studium der Malerei aufgenommen – als jüngster seines Jahrgangs. 

Wandmalerei in katholischen Kirchen 

Bekannt und geschätzt wurden später auch seine Wandmalereien in der St.-Paulus-Kirche in Steinau an der Straße in der Diözese Fulda sowie die Ausmalung der Kirche St. Maria Himmelfahrt in Rommerz. In diesen Arbeiten zeigt sich seine besondere Sensibilität für Raum, Farbe und kontemplative Wirkung. In Rommerz entwickelte Mohr im Zuge der Sanierung der Kirche ein umfassendes Farbkonzept für den gesamten Innenraum. Ziel war keine dekorative Ausmalung, sondern eine „zeitgemäße Verkündigung und ein ausdrucksvolles Zusammenspiel von Architektur, Ausstattung, Ausmalung und Lichtwirkung“, wie der Kunsthistoriker Götz J. Pfeiffer schreibt. 

Gute Bilder brauchen keine Rahmen: Michael Mohrs Arbeiten entwickeln in der Hängung skulpturale Kraft.
Foto: Rocco Thiede | Gute Bilder brauchen keine Rahmen: Michael Mohrs Arbeiten entwickeln in der Hängung skulpturale Kraft.

Die Wandflächen sind dort nicht illustrativ gefasst, sondern in fein nuancierten Farbschichtungen aufgebaut. Gelb-, Weiß- und Grautöne strukturieren den Kirchenraum, während Chor und liturgische Zonen in wärmeren, verdichteten Farben erscheinen. Pfeiffer betont, dass diese Malerei „nicht als autonomes Kunstwerk, sondern als Teil der Architektur verstanden werden will – und erst im Begehen des Raumes ihre Wirkung entfaltet“. Gerade in dieser zurückhaltenden, nicht symbolisch aufgeladenen Farbigkeit zeigt sich eine Nähe zu Mohrs freier Malerei. Auch hier entsteht Bedeutung nicht durch erzählerische Setzungen, sondern durch Wahrnehmung, Zeit und Konzentration. Die Wandmalereien in Rommerz wirken – so Pfeiffer – „still, meditativ und sammelnd“ und ordnen sich dem Raum unter, ohne sich ihm zu entziehen. 

Das Steinauer 11 × 11 Meter große Wandbild unter Verwendung von Keim Farben aus Augsburg ist Michael Mohrs persönliche Hommage an den 1992 verstorbenen Komponisten Olivier Messiaen, den er noch kurz vor seinem Tod kennenlernen durfte. „Der künstlerische Prozess in Musik und Malerei beruht bei beiden Künstlern auf christlicher Grunderfahrung“, schreibt Busso Diekamp in einer Rezension. Heute malt Mohr bevorzugt auf Holz. Die starre Oberfläche zwingt zu Präzision. Parallel dazu arbeitet er als Zeichner mit Kohle sowie Schwarz-Weiß- oder Farbstiften. Die Zeichnung ist für ihn kein Vorstadium zum Bild, sondern ein autonomer Bereich. 

Der Künstler als Sammler 

Hinzu kommt eine weitere, seltene Facette: Michael Mohr ist Sammler alter Kunst. Er ist ein Maler, der seit Jahrzehnten auch als Bibliothekar am Städel Museum in Teilzeit arbeitet. Früh schon, über die Druckgrafik des 19. Jahrhunderts, fand er Zugang zu den alten Meistern. Seine Sammlerleidenschaft ist kein Nebenschauplatz, sondern Teil seines Denkens. Im Atelier finden sich daher auch Zeichnungen und Gemälde aus mehreren Jahrhunderten sowie historische Malerpaletten. 

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„Für Künstler sind Paletten was Großartiges“, sagt Mohr und holt eine farberfüllte Palette von Wilhelm Leibl aus dem Schrank. „Das sind sozusagen Reliquien der Arbeit des jeweiligen Künstlers – gespeicherte kreative Zeit.“ Diese doppelte Perspektive – als Künstler und als Kenner – prägt auch seine gelegentliche kuratorische Tätigkeit. In der Ausstellung Pure Drawing (Zeichnungen von 1600 bis 2025), die er gemeinsam mit dem Frankfurter Künstler Jochem Hendricks verantwortet, treten ab März Zeichnungen verschiedener Jahrhunderte in einen spannungsreichen Dialog mit zeitgenössischen Positionen aus Frankfurt. Die Schau ist vom 21. März bis 11. April in der Frankfurter Galerie H8H.space zu sehen. 

Auch Mohrs eigene Arbeit steht aktuell wieder stärker im Fokus. Für eine geplante Ausstellung in Frankfurt bereitet er neue Serien vor, darunter Landschaftszeichnungen und ausgewählte Malereien, die den Übergang zwischen Abstraktion und Gegenständlichkeit markieren. Die Präsentation knüpft an sein zentrales Thema an: das genaue Sehen. Ein besonderer Werkkomplex sind seine Silvesterbilder. Seit 25 Jahren malt Mohr am letzten Tag des Jahres ein Atelier- oder Selbstbildnis – spontan, ohne Vorbereitung. „Das muss am 31. Dezember immer sehr schnell gehen.“ Diese Arbeiten sind Tagebuch und Spiegel zugleich: ausschnitthaft, manchmal rätselhaft, immer persönlich. Die Frankfurter Galerie Hanna Bekker vom Rath zeigte diese Serie 2024. Es war eine vielbeachtete Ausstellung. 

Am Ende des Atelierbesuchs bleibt der Eindruck stiller Konsequenz. Kein Programm, kein Manifest, kein Pathos – aber die tiefe Liebe zur Malerei, als Künstler, Sammler und Kenner. Michael Mohr arbeitet draußen und drinnen, mit Farbe, Linie, Blick und Geduld. Seine Kunst entsteht aus Aufmerksamkeit. Und vielleicht liegt genau darin, in Zeiten ungeahnter Beschleunigung und Verunsicherung, ihre besondere Aktualität – als stiller Halt im Alltag. 


Der Autor schreibt als Historiker zu Kunst und Kultur. 

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