Wie riesige Wattebällchen liegt der Nebel auf den Baumwipfeln. Ein einzelner Kormoran sitzt an einem Teich. Sein Gefieder hat er zum Trocknen ausgebreitet. Wir sind im UNESCO-Biosphärenreservat Nordvogesen. Geografisch liegen die Vogesen im Nordosten Frankreichs. Das Bergmassiv erstreckt sich zwischen den Regionen Grand Est und Burgund-Franche-Comté.
Die Stimmung hat etwas Mystisches und könnte nicht besser zur Geschichte der Glasbläsereien passen, die es hier einst überall gegeben hat. Dank dichter Wälder, der Sandsteinböden und Salzwerke bietet sich die Gegend für die Glasherstellung geradezu an. Daher gründete Ludwig XIV. Glasmanufakturen, um die französische Industrie gegen die Konkurrenz aus dem Ausland zu rüsten.
Erfolgsgeschichte des Kristalls
Die Silhouette des Glockenturms von Saint-Louis-lès-Bitche, auf Deutsch Münzthal, durchbricht die Waldlandschaft. Um 1780 begann hier die europäische Erfolgsgeschichte des Kristalls. „Dank Pottasche schmilzt Glas bei rund 1200 Grad, sonst erst bei etwa 1900 Grad“, erklärt der Kristallexperte während des Rundgangs durch die örtliche Kristallmanufaktur, die mit ihren altertümlichen Hallen mit den weitläufigen Gängen aus der Zeit gefallen ist.
Selbst die Besucher auf der Empore spüren die Hitze des Schmelzofens. Hellrot glühen die Enden der langen Pfeifen, so werden die Metallrohre bei der Glasherstellung genannt. Sie sind über einen Meter lang und über das Mundstück an ihrem Ende formen die Meister die Vasen, Gläser und Schalen. Die glühenden Kugeln werden immer wieder neu geblasen, geschnitten, geformt, erhitzt und gezogen - bis der Meister zufrieden mit ihrer Form ist.
Von der Empore führt der Rundgang weiter in die Werkstatt der Schleifer. Hier wird geschnitten, graviert, vergoldet und geschliffen. Eine Schleifmaschine reiht sich an die nächste. Im Gegensatz zum Dreischichtbetrieb der Glasbläser wird nur bis 23 Uhr gearbeitet. Männer und Frauen veredeln die Stücke mit aufwendigen Mustern. Einige Vasen sind so groß und schwer, dass zwei Mitarbeiter gemeinsam daran arbeiten. Zurück im Freien steht das nasskalte Wetter im Kontrast zu den Temperaturen im Inneren der Manufaktur.
Die gläserne Tradition
Nur ein Katzensprung ist es nach Meisenthal. Hier hat sich das „Internationale Glaszentrum“ der Bewahrung des traditionellen Wissens der Glasbläserei und moderner Glaskunst verschrieben. Besonders zu Weihnachten ist viel los, denn dann wird die Weihnachtskugel enthüllt, ein beliebtes Sammlerstück. Auch hier gibt es Gelegenheit, den Glasbläsern über die Schulter zu schauen. Jede der farbigen Kugeln ist ein kleines Kunstwerk für sich - Transparenz gepaart mit Leichtigkeit und Farbe. Auch das Lalique-Museum in Wingen-sur-Moder ist einen Besuch wert.
Das moderne Gebäude öffnet sich mit seiner Glasfront ganz der Natur. Die Dauerausstellung umfasst mehrere hundert Exponate. Westlich, am Rand der Vogesen, liegt Baccarat, weltweit bekannt für edles Kristall aus dem 18. Jahrhundert. Hier taucht man ebenfalls in die Geschichte der Kristallproduktion ein. Die außergewöhnlichen Stücke und gläsernen Kunstwerke werden in der ganzen Welt geschätzt. Die Wurzeln der Stadt reichen noch viel tiefer zurück - bis in die Römerzeit. Das architektonische Erbe zeigt sich bei einem Spaziergang durch die Altstadt.
Im Südwesten der Vogesen liegt Le Thillot. Hier geht es nicht um transparente Glaskunst, sondern um den Abbau von Kupfer. Die Stollen Hautes-Mynes, die zwischen 1560 und 1761 entstanden sind, können mit Helm und Stirnlampe besichtigt werden. Teilweise sind die Passagen sehr eng - an Platzangst sollte man besser nicht leiden und gutes Schuhwerk ist erforderlich. Immer tiefer geht es in die schmalen Gänge hinein, die einst über 50 Meter tief unter der Erde lagen, Teil eines Kilometer langen unterirdischen Netzes.
Münsterkäse und Rhabarberwein
Vor fast 500 Jahren wurde hier mit dem Abbau von Kupfer begonnen und noch heute ist die Mine in ihrem fast ursprünglichen Zustand. Immer wieder weist der Guide auf die Spuren im Gestein hin, die von Sprengungen zeugen. Denn hier wurde der erste Einsatz von Schwarzpulver in Europa dokumentiert. Im Museum, das sich im Ort befindet, sind Werkzeuge und Gegenstände aus den Minen ausgestellt. Auch das Leben der damals durchaus privilegierten Bergleute wird hier gezeigt.
Ein kulinarisches Erlebnis ist der Besuch einer der bewirtschafteten Hütten, kleine Bauernhöfe, um die im Sommer das Vieh weidet. Die Ferme Auberge Felsach in Fellering bietet das typische Melkeressen, bestehend aus regionalen Zutaten, meist mit Käse und Kartoffeln. Denn während die Viehhirten bei ihren Tieren waren, konnten die Kartoffeln stundenlang vor sich hin köcheln. Bei Familie Valentin in der Ferme Auberge Felsach gehören zum Melkeressen eine Gemüsesuppe oder eine gefüllte Fleischpastete (Tourte) aus geräuchertem Schweinefleisch.
Dazu werden die „Roïgabrageldi“ gereicht, fein geschnittene Bratkartoffeln, die mehrere Stunden lang mit Butter, Speck und Zwiebeln angebraten werden, und eine Art Kasslerbraten. Zum traditionellen Essen gehören der Münster- oder Bergkäse und ein Dessert, hier ist es frischer Münsterkäse, reichlich beträufelt mit Schnaps. Der Rhabarberwein, eine Spezialität der Hütte, passt gut dazu.
Vom Stoff zum Museum
Der Parc de Wesserling liegt am Fuße der Vogesen im Tal der Thur in Husseren-Wesserling. Das einstige Jagdhaus von 1635 wurde zum Schloss ausgebaut und von Textilfabrikanten erworben. Der Fluss Thur und die in ärmlichen Verhältnissen lebenden Menschen rund ums Schloss waren die Erfolgsfaktoren für die rasch wachsende Textilindustrie. Die Königliche Manufaktur ist 1762 gegründet worden und entwickelte sich zu einem textilen Zentrum von internationalem Ruf. Selbst das englische Königshaus wurde mit Stoffen beliefert.
Das gesamte Tal profitierte lange vom wirtschaftlichen Aufschwung. Doch dann kriselte in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts auch die Textilindustrie und damit auch die Manufaktur. Inzwischen beherbergt das imposante Gebäude ein interaktives Textilmuseum. Vor dem Museum stehen riesige bekleidete Skulpturen. In der Ausstellung wird anschaulich über die Herstellung der feinen Stoffe erzählt.
Romanik in den Vogesen
Eine Art Märchengarten befindet sich im angrenzenden Schlosspark, aufgeteilt in einzelne Bereiche - einen Gemüsegarten sowie einen Französischen und Englischen Garten. Im Jahresverlauf gibt es wechselnde Ausstellungen, Lichter- und Textilshows. Auch ein altes Kraftwerk gehört zur Anlage. Lichteffekte und Klangerlebnisse schaffen in dem monumentalen Industriedenkmal eine sphärische Atmosphäre. Auf dem Weg zur Elsässer Weinstraße liegt die Fürstabtei Murbach im gleichnamigen Ort.
Im elften und zwölften Jahrhundert war sie eines der mächtigsten Klöster des Römischen Reiches. Die romanische Fassade erstrahlt im Sonnenlicht in rosafarbenem Glanz. Auf einem Felsvorsprung darüber liegt die kleine Lorettokapelle, inspiriert von Santa Casa de Loreto. Sie entstand Ende des 17. Jahrhunderts auf den Ruinen einer früheren Kapelle und wurde vom Basler Bischof geweiht. Von hier hat man einen einmaligen Blick auf die Abtei von Murbach, die in die idyllische, grün bewaldete Vogesen-Landschaft am Fuße des Großen Belchen eingebettet liegt.
Die Autorin ist freie Journalistin mit dem Schwerpunkt Reisen.
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