Erforschung des Weltalls

Günther Hasinger: "Gott ist die Kraft aus dem Nichts"

Der Astrophysiker Günther Hasinger ist Wissenschaftsdirektor der Europäischen Weltraumagentur ESA - und damit aus europäischer Perspektive hauptverantwortlich für das "James-Webb"-Weltraumteleskop. Er wird zudem als Leiter des Deutschen Zentrums für Astrophysik (DZA) das Weltall nach neuen Energieformen erforschen. Ein Gespräch über die ewige Faszination des Alls.
Hubble-Teleskop
Foto: (465844658) | Die Astronomie ist die älteste Wissenschaft, die die gesamte Menschheit von Anfang an beeinflusst hat.

Herr Hasinger, das "James-Webb"-Teleskop hat eine abenteuerliche Reise hinter sich. Der Transport zum Raumfahrtzentrum in Französisch-Guayana wurde streng geheim gehalten, da eine Entführung durch Piraten drohte. Sind gute Wissenschaftler auch Abenteurer?

(Lacht) Ein Überfall durch Piraten drohte zwar nicht, aber man wollte auf Nummer sicher gehen, denn das Teleskop ist das teuerste Gerät, das je ins All geflogen wurde. Es gab aber früher einen Fall, wo Piraten Lösegeld für ein Gerät erpresst hatten. Das Abenteuerliche der Wissenschaft ging bereits los mit Alexander von Humboldt. Diesen Typus des durch Reisen gebildeten Universalgelehrten gibt es zwar nicht mehr, heutzutage ist die Wissenschaft sehr spezialisiert. Im übertragenen Sinn sind wir aber noch Abenteurer. Wir wagen uns über Grenzen, die noch nicht überschritten wurden. Zu neuen Welten fliegen, wie die ESA jetzt zum Merkur - das sind Abenteuer!

Gibt es einen Zusammenhang zwischen der Sehnsucht nach Erkenntnis und der Faszination des Alls?

Die Astronomie ist die älteste Wissenschaft, die die gesamte Menschheit von Anfang an beeinflusst hat. Die einzige Message, die die Hirten zu Bethlehem und die Babylonier von der jenseitigen Natur bekommen haben, war der Blick gen Himmel. Da haben sie schon gesehen, dass es Wandelsterne und feststehende Sterne gibt. Die Verbindung zwischen Erkenntnis und Licht ist über die Astronomie direkt gegeben. Ich sorge mich aber, dass die persönliche Beziehung des Menschen zu den Sternen heute immer schwieriger wird aufgrund der Lichtverschmutzung. Wer von uns hat denn heutzutage die Milchstraße mit eigenen Augen gesehen? Dabei ist das ein herzzerreißender Anblick, der einen direkt mit dem Kosmos verbindet.

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Geburt, Wachstum, Altern und Tod sind nicht nur menschliche Lebensphasen. Auch im Universum gibt es diese Zyklen. Ein Sternenleben kann Milliarden Jahre währen. Was bedeuten diese Dimensionen für die menschliche Vorstellungskraft?

Wenn der Mensch versucht, die Natur zu verstehen, dann versucht er das in menschlichen Dimensionen. Sobald man sich jenseits der menschlich erfassbaren Dimensionen bewegt, muss man sich mit Rieseneselsbrücken behelfen: Ich teile die Geschichte des Universums in ein Jahr ein. Wenn der Urknall an Silvester stattfindet, dann ist die Sonne zum Beispiel am 9. September geboren worden. Der Mensch selbst ist dann um sechs Minuten vor Mitternacht auf die Welt gekommen. Jesus Christus fünf Sekunden vor Mitternacht und ich ungefähr 0,2 Sekunden vor Mitternacht. Ein menschliches Leben in der Geschichte des Universums ist ein Wimpernschlag.  

"Ein menschliches Leben in der Geschichte
des Universums ist ein Wimpernschlag"

Es gibt Sterne, die länger überleben als andere. Von welchen Faktoren ist dieses Überleben abhängig?

Der Grund für den Tod eines Sterns ist folgender: Im Zentrum der Sonne wird Wasserstoff zu Helium verbraten. Kernfusion also. Das Helium wird dann weitergebraten zu Stickstoff, Sauerstoff, den ganzen schweren Elementen. Im Zentrum entsteht eine Art Aschehaufen. Wenn die Sonne nicht mehr genügend Wasserstoff zu verbrennen hat, wird der Rest der Hülle abgestoßen. Wenn ein schwererer Stern sein Leben aushaucht, gibt es eine Supernova-Explosion. Übrig bleibt ein sogenannter Neutronenstern. Bei noch schwereren Sternen bildet sich ein Schwarzes Loch. Der Sternenfriedhof besteht aus Weißen Zwergen, Neutronensternen und Schwarzen Löchern. Überleben kann ein Stern, wenn er sich einen anderen einverleibt oder wenn zwei Sterne "heiraten". Alle Sterne hauchen ihr Leben am Ende selbst aus. Nur der Rote Zwerg kann fast ewig leben. Er geht sehr vorsichtig mit seinen Ressourcen um. Irgendwann stirbt aber auch er.

Heinrich Heine schrieb in seinem Gedicht "Kluge Sterne": "Die Sterne sind klug, sie halten mit Fug/Von unserer Erde sich ferne." Der Mensch aber strebt hinaus ins All. Stellt er eine Bedrohung für die "Lichter der Welt" am "Himmelszelt" dar?

Als Hitler 1936 seine Ansprache zu den Olympischen Spielen ins Weltall gepustet hat, war das eine der größten Radiointensitäten, die wir ausgesendet haben. Seitdem kommen Radiowellen von der Erde, die das ganze All durchschreiten. Das ist nicht katastrophal. Sterne aber, die siebzig, achtzig Lichtjahre entfernt sind, könnten gerade die Rede von Hitler hören. Es gibt aber Leute wie Elon Musk, die den Himmel verändern, die zusätzliche variable Lichtpunkte an den Himmel projizieren. Die Verschmutzung des Himmels durch Satelliten ist ein Problem. Allerorts Internet zu haben, ist zwar schön, gleichzeitig aber ist der Nachthimmel ein Kulturgut, das dabei zerstört wird.  

Genügt uns die Erde nicht? Ist es der Eroberungsdrang, Gier oder reiner Erkenntniswille, der uns hinaustreibt in das All?

Von allem ein bisschen. Wenn der Mensch etwas sieht, dann möchte er es erkennen und am liebsten auch Besitz davon ergreifen. Deshalb ist es wichtig, dass man auf der Erde und im Weltraum Verabredungen trifft, dass der äußere Weltraum nicht zu kriegerischen Zwecken benutzt wird. Jetzt aber mal auf lange Sicht gesehen: Die Sonne wird zum Roten Riesen werden. Auch wenn wir es schaffen, die Erde nicht zu zerstören, indem wir zu viel Kohlendioxid in die Atmosphäre pumpen, wird die Erde zu heiß zum Leben werden. Es wäre gut, wenn wir uns rechtzeitig einen Ausweichplaneten suchen würden. Wenn wir das technisch nicht schaffen, wird es uns eines Tages nicht mehr geben. 

Angesichts der Weite des Alls empfinden viele Menschen Demut. Der Begriff ist religiös konnotiert. Wie erklären Sie sich diese Empfindung?

In dem Moment, wo der Mensch etwas nicht mehr erfasst, neigt er dazu, gläubig zu werden. Früher warf Thor Blitze. Später begriffen wir den natürlichen Vorgang. Es besteht die Gefahr, dass man Gott dort verortet, wo man etwas nicht mehr versteht. Der Lebensraum Gottes wird so aber täglich kleiner, weil man täglich mehr versteht. Das ist nicht der richtige Platz für Gott.

Im All gibt es denkwürdige Vorgänge: Reflexionsnebel reflektieren das eingestrahlte Licht naher Sterne. Dunkelnebel leuchten nicht, sondern absorbieren Licht. Sind Sie geneigt, diese Phänomene auf das menschliche Miteinander zu übertragen?

In einem erweiterten Sinne ja, nicht aber in den zwischenmenschlichen Beziehungen. Wir sehen am Himmel eine Evolution, die wir auch von Mensch und Tier kennen. Mutation und Selektion, die Besseren gewinnen - das gibt es auch im Kosmos. Da fließen in die Erklärung menschliche Bezüge hinein. Bei Reflexions- und Dunkelnebeln hängt es aber davon ab, von welcher Seite das Licht scheint. Die sogenannten Sternentstehungsregionen, Kreißsäle, wo tausende von Sternen gleichzeitig entstehen, sind bunte, strukturreiche Gebiete. Da kann man viele Figuren erkennen, den Pferdekopfnebel zum Beispiel. Das ist charakteristisch für unser menschliches Verständnis.

Günther Hasinger

Außerirdische stellt man sich in Science-Fiction-Filmen immer grotesk oder erschreckend vor. Warum fällt es uns so schwer, uns Leben im Weltall gut oder zumindest menschlich vorzustellen?

Es sind ja nicht alle horrorhaft: E.T. zum Beispiel ist ja sehr sympathisch (lacht). Unser Problem ist unsere anthropozentrische Sicht. Wir scheren alles über einen menschlichen Kamm. Wenn es außerirdische Lebewesen gäbe, müssten wir versuchen, uns mit diesen zu verständigen. Auf der Erde haben wir aber bereits hochintelligente Lebewesen wie Wale und Delphine. Bevor wir über Aliens reden können, müssten wir erstmal lernen, mit Tieren zu reden. Ich bin fest davon überzeugt, dass es Leben im All gibt. Ich glaube aber nicht, dass in tausend, auch nicht in Millionen Jahren Aliens auf der Erde auftauchen werden, weil wir einfach zu weit weg sind. Das Wichtigste ist, dass wir unsere Art so lange erhalten, dass wir eines Tages in der Lage sind, mit anderen Außerirdischen in Kontakt zu treten.  

"Auf der Erde haben wir aber bereits hochintelligente
Lebewesen wie Wale und Delphine. Bevor wir über Aliens
reden können, müssten wir erstmal lernen, mit Tieren zu reden.
Ich bin fest davon überzeugt, dass es Leben im All gibt"

Parallel zur Lust an der Entdeckung des Universums entwickelt sich auch eine neue Spiritualität. Wird die Sehnsucht nach dem Göttlichen dort draußen gestillt?

Das ist eine hochspannende Geschichte. Spiritualität muss nicht unbedingt etwas mit Gott zu tun haben. Der Buddhismus zum Beispiel ist auch eine Philosophie und gar nicht inkompatibel mit manchen unserer christlichen Anschauungen. Auch die katholische Religion ist mit den Erkenntnissen der Astronomie ganz zufrieden, weil es eine Art Schöpfungsakt gab. In der Kosmologie lernen wir aber gerade, dass es möglicherweise die Kraft aus dem Nichts gibt. Die sogenannte dunkle Energie ist eine Kraft, die im Nichts vorhanden ist. Diese Kraft ist größer als alles andere. Das Universum leiht sich Energie aus dem Nichts, bildet sich und verschwindet später wieder. Dieses Konzept, dass das Nichts wichtig ist, ist im Buddhismus verankert. Man strebt dieses Nichts an. Aber auch Thomas von Aquin sagte, dass das Nichts übrig bliebe, wenn man alles auf der Welt entfernte. Dieses Nichts, das ipsum esse, ist das Sein an sich. Die Kraft aus dem Nichts, aus dem alles andere entsteht, ist für mich Gott. Es heißt, am Anfang war das Wort, für mich aber ist es diese alles umfassende Urkraft.

Der Blick durch das Teleskop - wie verändert er die Sicht auf die Zukunft? Sehen Sie eine dystopische oder eine hell erstrahlende Zukunft?

Wenn Sie mit eigenen Augen durch ein Teleskop sehen und den Saturn betrachten zum Beispiel, dann werden Ihre Sinne weit geöffnet. Sie schweben mit. Das ist ein tief spirituelles Gefühl. Man muss jedoch das Gesamtbild sehen, ein Puzzle, von dem wir jeden Tag ein Teil mehr finden. Unser Wissen steigt exponenziell an, unser Unwissen aber steigt noch stärker an. Wir werden unsere Neugier niemals befriedigen.

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Was wir auf der Erde machen, sehe ich eher dystopisch. Wir müssen versuchen, unsere Erde zu retten, denn sonst sind wir nicht mehr da, wenn diese ganzen fantastischen Dinge kommen, die noch warten auf uns im Kosmos. In vier Milliarden Jahren könnte eine Generation von Astrophysikern sehen, wie sich der Andromedanebel auf die Milchstraße zubewegt. Der ganze Himmel wäre voll von einer wunderschönen Galaxie. Diesen Anblick möchte ich der Menschheit ermöglichen. Dazu brauchen wir aber einen Planeten, auf dem wir leben können.

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