Gottes Strafen im Alten Testament sind oft nicht auf den ersten Blick einsichtig. Dann schreibt man gedankenlos Gott eine unbarmherzige Härte und Grausamkeit zu und verkennt den Sinn solcher Geschichten. Bei der Sintflut ging es um die Sündhaftigkeit der Menschen, aber zuvor auch darum, dass sie noch nicht durchweg Menschen im uns vertrauten Sinn waren. Noch gab es unter ihnen übermäßig große Exemplare: „Damals lebten die Riesen auf der Erde und auch später noch.“ (Gen 6, 4) So wenig wie Körpergröße und -kraft hatte sich die Lebenszeit schon eingependelt; Set, einer der vorsintflutlichen Patriarchen, wurde 912 Jahre alt. Noch nicht einmal die Grenze zwischen Himmel und Erde war wirklich stabil: Menschentöchter paarten sich mit Gottessöhnen. (Gen 6, 2)
Wer genau diese „Gottessöhne“ waren, muss man nicht zu ergrübeln suchen; sie stehen hier nur als Zeichen für einen Weltzustand, in dem die Menschen ihr Maß, und zwar in jeder denkbaren Richtung, noch nicht gefunden hatten, sie kannten nicht die Grenzen ihrer Kraft und Macht. Halten wir also fest: Die Maßlosigkeit ist zu jener Zeit das weithin herrschende Prinzip. Wo Maßlosigkeit waltet, kann von menschenwürdigem Leben keine Rede sein. Der erste Entschluss Gottes angesichts dieser Lage ist nun, die Lebensdauer des Menschen zu begrenzen: „Seine Lebenszeit soll nur einhundertzwanzig Jahre betragen.“ (Gen 6, 3); das dürfte auch für die heutige Menschheit in etwa die Grenze sein. Der absolut älteste Mensch, dessen Alter wissenschaftlich zweifelsfrei belegt ist, war die Französin Jeanne Calment, die 1997 mit 122 Jahren starb. „Mein Geist“, sagt der Herr, „soll im Menschen nicht ewig mächtig sein, weil er Fleisch ist.“ Das heißt aber: Die Strafe hat den einzigen Sinn, den Menschen den Sturz in einen objektiven Wahnsinn zu verbauen, der sich überall da aufdrängt, wo Grenzen nicht anerkannt sind. Das ist die Lage, in der die Erde in Gottes Augen „voller Gewalttat“ ist. (Gen 6, 11) Nur Noah hat sich als „gerechter Mann“ bewährt.
Menschenwürde von Gott erzwungen
Wir überspringen die Erzählung von der Flut und von Noahs Söhnen und wenden uns gleich zur nächsten großen Geschichte: der vom babylonischen Turm. Noch hatte die ganze Erde „die gleiche Sprache und die gleichen Worte“. (Gen 10, 11) Die Babel-Leute bilden eine Art absolutes Einheitsvolk. Schon bei der Schöpfung hatte Gott den Menschen gesegnet und sozusagen im gleichen Atemzug aufgetragen: „Seid fruchtbar und vermehrt euch und bevölkert die Erde.“ (Gen 1, 28) Das ist ganz im Sinn des Lebens gesprochen, das immer auch Expansion bedeutet. Dem widersetzten sich aber die Babel-Bewohner: „Wir wollen uns einen Namen machen, damit wir uns nicht über die ganze Erde zerstreuen!“ (Gen 10, 4)
Auch ein Einheitsvolk, ein einziges, weiß nichts von seinen Grenzen. Erst wenn es andere sich gegenüber hat, erkennt es sich in seinen Stärken und Schwächen: Hier geht es kollektiven Bildungen wie dem einzelnen Menschen. Anerkennung zwischen Verschiedenen wird erreicht durch Kampf und Kooperation, und erst anerkannt ist man wirklich „selbst“. Gottes Strafen erzwingen Menschenwürde.
Der Autor ist Journalist und schrieb zuletzt das Buch „Die Kunst des Lebens, die Kunst des Sterbens“.
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