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Gott muss eine Schwäche für Schwächlinge haben

Eine Predigt über christliche Einstellung und lehrgemäßes Leben stellt Anfragen an das eigene Leben und rührt auf. Aber sie führt auch zu Gottvertrauen und Gelassenheit mit den eigenen, erkannten Schwächen.
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Die St. Clemens-Kirche in Berlin ist ein besonderer Ort. Der selige Bischof Clemens August von Galen ließ sie 1910 mitten ins Vergnügungsviertel setzen, in direkter Nachbarschaft des damals größten Verkehrsknotenpunkts der Welt, dem Anhalter Bahnhof. Gegenüber stand einst das legendäre Hotel Excelsior. Die Welt der Nachtklubs und Cabarets, die Erich Kästner in seinem Roman „Fabian“ beschrieben hat – genau hier lag sie. Es sagt viel über den „Löwen von Münster“, dass er gerade hier eine Kirche (nebst Kolpinghaus) errichten ließ. Mitten rein in eine unsaubere Welt.

Heute ist der Anhalter Bahnhof eine Ruine, die Gegend wirkt wie eine städtische Steppe. Die St. Clemens-Kirche ist aber ein Leuchtturm der Frömmigkeit geblieben. Die Priester hier sind allesamt Vinzentiner aus dem indischen Kerala.

„Wenn der Herr nicht eine Schwäche für Schwächlinge hätte,
hätte er nicht ausgerechnet hier eine Kirche errichten lasse“

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Neulich kam Pater Jilson Mathew Kakkattupillil VC aus Kerala zu Besuch. Jahrelang hatte er die bunt gemischte Innenstadt-Gemeinde geleitet, dann wurde er abberufen, um in Kottayam (Kerala) den Posten als Provinzialoberer der vinzentinischen St. Joseph-Provinz anzutreten. Er genießt unter den Gläubigen in St. Clemens fast schon den Ruf eines Propheten. Die Gottesdienste waren noch voller als sonst. Ich erzähle das alles, weil ich von einer dieser Predigten berichten will.

Sie ließ mich, ehrlich gesagt, verzweifeln. Er sprach davon, wie wir irdische Güter vergötzen: das Vergnügen, den Wohlstand, die Anerkennung und die Macht. Solange wir diesen Dingen hinterherjagen, sagte er, befänden wir uns auf dem Holzweg. Er sagte das viel besser und zitierte, glaube ich, den heiligen Thomas von Aquin. Meine eigenen Sehnsüchte im Auge, kam ich mir plötzlich wie der junge Mann aus dem Matthäus-Evangelium vor, der sich bedrückt vom Herrn abwandte, als er erfuhr, was von ihm verlangt wird – sein Vermögen hergeben. „(Da) ging er traurig weg, denn er besaß ein großes Vermögen.“ Auch ich habe inzwischen ein kleines, wenn auch immaterielles Vermögen angesammelt. Ich genieße als Autor Respekt, meine Bücher verkaufen sich gut, ich schreibe täglich eine „Bild“-Kolumne. Wenn mich etwas antreibt, dann die Sehnsucht, gehört zu werden. Öffentliche Anerkennung treibt mich an. Wie jeder Autor ist mir auch ein gewisser Narzissmus eigen. Sonst hätte ich einen anderen Beruf ergriffen. Vergnügungssucht ist mir ebenfalls nicht fremd.

Das gesunde Maß

Wenn der Herr von mir einen kompletten Persönlichkeitswandel verlangt, sehe ich schwarz. Die Sehnsucht nach den oben genannten irdischen Gütern ist zu meiner zweiten Natur geworden.

Inzwischen habe ich mich wieder ein wenig gefangen. Ich weiß, dass ich, auf meinen eigenen Willen gestellt, ohnehin keine Chance habe. Ich kann allenfalls darum bitten, verwandelt zu werden. Und auch dann wird meine Sehnsucht nach all den irdischen Gütern vermutlich nicht ganz verschwinden, sie wird dann aber vermutlich auf ein gesundes Maß gestutzt werden. So Gott will. Ich selber krieg das jedenfalls nicht hin. Wenn der Herr nicht eine Schwäche für Schwächlinge hätte, hätte er nicht ausgerechnet hier eine Kirche errichten lassen.

 

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