Hören Sie noch Radio – oder podcasten Sie schon? Für Einsteiger in den medialen Kulturwandel: Der Podcast (eine Wortverschmelzung aus pod von iPod und broadcast – Ausstrahlung) ist eine Audio-, seltener eine Videodatei, die man sich herunterladen und anhören kann. Er kann rascher auf aktuelle Ereignisse reagieren, er bietet verschiedene, individuelle Perspektiven auf ein Thema – und nimmt sich Zeit. Journalisten der großen Tageszeitungen, Musik- und Literaturkritiker, Wissenschaftler, Reporter von den Kriegsschauplätzen dieser Welt und nicht zuletzt Politiker diskutieren live, und das fertige Gespräch steht zum kostenfreien Abruf über Plattformen wie Spotify, Apple und andere zur Verfügung. Dabei sind es auch prominente Schauspieler, Comedians und Musiker wie Bill Kaulitz, Felix Lobrecht und Publizisten wie Robin Alexander, die mit Podcasts ihre Reichweite vergrößern, so auch der TV-Philosoph Richard David Precht, der mit dem Talkshow-Moderator Markus Lanz in einem Videopodcast regelmäßig über die heißen Themen des Tages diskutiert.
Precht und die Ukraine
Jüngst hat sich Precht auch zum Ukrainekrieg mit kontroversen Beiträgen zu Wort gemeldet, die, erstaunlich für einen eigentlich abwägenden Philosophen, weitgehend dem Narrativ des Kremls folgen. Precht erklärte, sichtlich empört, er glaube, Deutschland habe „gar kein Interesse am Ende des Konflikts“ in der Ukraine. Auch Precht weiß, dass der Ukrainekrieg kein „Konflikt“ ist und dass Deutschland (und die EU) alles tun, um die Ukraine gegen Russland militärisch zu ertüchtigen und damit den Krieg möglichst bald zu beenden. Zum Glück leben Podcasts nicht nur von den drastischen Meinungen der Diskutanten, sondern auch von deren fachlicher Expertise. Die Gespräche, die der Bild-Journalist Paul Ronzheimer mit Vladimir Klitschko und anderen Augenzeugen zum Ukrainekrieg führte oder mit dem engagierten und fachkundigen Militärhistoriker Sönke Neitzel zum besorgniserregenden Zustand der Bundeswehr, sind durchweg interessant, sachlich und erkenntnisfördernd.
Jüngst sprach Ronzheimer mit dem russisch-deutschen Journalisten Andrej Gurkov über die langsam kippende Stimmung unter der russischen Bevölkerung, da infolge des Ukrainekriegs die russische Wirtschaft abstürzt und die Ukraine mit ihren Raketen und Drohnen sogar Moskau erreicht. „Ich hätte niemals gedacht, dass der Krieg zu uns kommen würde“, zitierte Gurkov eine sichtlich erschütterte junge Russin. Der Titel des Podcasts „Ostausschuss der Salonkolumnisten“ spielt insbesondere auf die deutschen „Salonkommunisten“, die linken Entspannungs- und Russland-Romantiker an, die „sich fast nur für Moskau interessiert und Vilnius, Tallinn, Riga, Warschau oder natürlich Kyjiv entweder kaum beachtet oder bewusst ignoriert“ haben. Der Ostausschuss besteht aus dem höchst kundigen Ex-Militär und heutigen Experten für Sicherheitspolitik und Militärstrategie, dem Österreicher Gustav Gressel, und den drei Osteuropa-Historikern Gabriele Woidelko, Jan Claas Behrends und Franziska Davies, die einen Rechtsstreit mit der Putin-Apologetin Gabriele Krone-Schmalz gewann, der Davies eklatant unwissenschaftliches Arbeiten vorgeworfen hatte und dafür von der ehemaligen Russland-Korrespondentin verklagt worden war.
Vor den Trümmern der Ostpolitik
Der Sozialdemokrat Behrends, „einer von drei dissidenten Stimmen im Geschichtsforum seiner Partei“, meinte zusammen mit seinen zwei Kollegen, manche Parteifreunde würden „die Trümmer ihrer Ostpolitik mehr bekümmern als die Bomben in der Ukraine“. Was der Krieg in der Ukraine und die Diktatur Putins mit den Russen macht, versucht der Podcast „dekoder“ mit dem Untertitel „Russland entschlüsseln“ den Hörern zu vermitteln. Könne man sagen, alles sei Propaganda, wenn es um Berichterstattung in Russland geht, fragen die Macher von „dekoder“. Und was ist mit dem Russland-Bild in deutschen Medien? Dabei geht es nicht um die von Putin-Apologeten stereotyp bemühte „Russophobie“, wenn Kritik an Russland geäußert wird, sondern um die Frage, ob das Bild, das der Westen vom Russland unter Putin hat, realistisch sei, wobei man sich auf Autoren stützt, die aus Russland stammen und die Realitäten kennen. Ausgewiesene Koryphäen in ihrem Fach sind die Wissenschaftler der Stiftung Wissenschaft und Politik (SWP), die in ihrem eigenen Podcast aktuelle Themen der internationalen Politik diskutieren – jüngst die Frage, wie Iran- und Ukrainekrieg zusammenhängen, wer wirtschaftlich, politisch und militärisch profitiert und welche Rolle Europa spielt.
Auch der Podcast „Recht politisch“ befasst sich mit Weltpolitik, „gerne auch mit Gästen“ wie dem großen alten Mann der politischen Analyse und Zeitzeugenschaft, dem Ungarn Paul Lendvai, der den Ungarn-Aufstand 1956 als Journalist erlebte. Ob früher alles besser war, danach befragte Lendvai der Erfinder des Podcasts, Ralph Janik, Assistenzprofessor für Völkerrecht an der Wiener Sigmund-Freud-Privatuniversität. Die sicherheitspolitische Lage in Deutschland, Europa und der Welt, die heute vielen Angst macht, ist Thema des Podcasts „Sicherheitshalber“, an dem unter anderen der weithin bekannte Carlo Masala von der Bundeswehruniversität München mitwirkt. Über die Schrecken und den Abscheu, die einen beim Blick auf Osteuropa in Zeiten des Ukrainekriegs und der Autokraten beschleichen, aber auch über die Freuden sprechen im „Ostcast“ Alice Bota und Michael Thumann, die seit Jahrzehnten für die Wochenzeitung „Die Zeit“ über Osteuropa schreiben. Aktuelle Themen sind „Russlands Kindesraub“ und „Die Angst frisst sich in die russische Gesellschaft“.
Konspirative Narrative zum westlichen Imperialismus
Das Feld der Podcasts, die dergleichen Titel und Themen für bewusste westliche Propaganda halten, die die Einsprüche gegen den angeblich russophoben deutschen „Mainstream“ abbilden, ist groß. Beispiele sind Michael Lüders, der regelmäßig den Westen und damit auch Israel als eigentliche Ursache der Verwerfungen im Nahen Osten anprangert, oder der Schweizer Daniele Ganser, der mit seinem konspirativen Narrativ des „kriegstüchtigen“, imperialistischen Westens, der USA und der einst als Friedensprojekt gestarteten, heute aber aggressiven EU, eine riesige Fangemeinde anzieht, die ihn wie einen Propheten verehrt. Ganser durfte sich wie der Thüringer AfD-Chef Björn Höcke beim Videopodcast „Ben ungeskriptet“ von Ben Berndt über mehr als drei Stunden über sich, die „Wahrheit“ von 9/11, die „geheime Seite der Weltpolitik“, die nur er kennen würde, und seine „Friedensforschung“ verbreiten. Ganser verglich sich bei „Ben ungeskriptet“ in vollem Ernst mit JFK und Martin Luther King, die für ihre Überzeugungen vom „System“ getötet worden wären. Anhänger Gansers sind davon überzeugt, dass ganz Deutschland von „transatlantischen Netzwerken durchsetzt“ sei, in die Russland-kritische Experten wie Sönke Neitzel, Carlo Masala, Claudia Major oder Nico Lange eingebunden seien.
Während sich deutsche politische Podcasts noch immer schwer damit tun, Theorien zu diskutieren, die über die Fakten und direkten Folgen des Ukrainekriegs hinausgehen, und auch Vertreter der Bundeswehr offenbar das strategische Denken erst wieder lernen müssen, sind ihnen hier die englischsprachigen Podcasts oder die österreichischen Offiziere Markus Reiser und Gustav Gressel weit voraus. Die Engländer bieten mit Jonathan Finks’ Podcast „Silicon curtain“, immer wieder mit dem brillanten Ben Hodges, oder mit „Telegraph Ukraine: the latest“ militärischen Sachverstand, Einsichten in den Kriegsalltag und tiefgehende Analysen, die immer wieder auch sarkastisch zuspitzen. Den historischen und politischen Horizont erweitert auch der Podcast des ehemaligen Yale-Professors Timothy Snyder, der wie die streitbare Gulag- und Kommunismus-Historikerin Anne Applebaum die (pro-)russische bzw. anti-ukrainische Propaganda dekonstruiert, die mit der Geschichte die Identität der Ukraine zu zerstören versucht. In diese für das Land existenzbedrohende Konstellation bringt der hochinteressante Podcast „Explaining Ukraine“ ein erhellendes Licht. Das ist oft nicht gerade einfach, gelingt aber den zitierten (seriösen) Podcasts meist sehr gut. Ein Rest an Unverständnis oder Staunen wird aber immer bleiben. So zitierte etwa der englischsprachige Podcast „Ukraine Brief“ Konstantin Malofejev, den Gründer des russischen Fernsehsenders „Cargrad TV“, der angesichts der mittlerweile sehr greifbaren Möglichkeit, dass Russland den Ukrainekrieg verlieren könnte, mit entwaffnender Logik erklärte: Es sei keine Schande, gegen die Ukraine zu verlieren, denn schließlich seien Ukrainer eigentlich Russen.
Der Autor ist Slavist und Osteuropa-Historiker und bereitet ein Buch über den Ukrainekrieg und die Neuerfindung Europas vor.
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