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Geist und Macht

Der Philosoph Walter Schweidler sprach an der Hochschule Heiligenkreuz über die großen Fragen der Metaphysik.
Christoph Böhr, Rektor Wolfgang Klausnitzer, Referent Prof. Walter Schweidler, Abt Maximilian Heim, Forschungsdekan Wolfgang Buchmüller (v. l. n. r.)
Foto: Hochschule Heiligenkreuz

Alljährlich veranstaltet die Forschungsstelle Metaphysik an der Hochschule Benedikt XVI. Heiligenkreuz eine „Praelectio in Metaphysicam“, eine Vorlesung über Themen der Metaphysik, die sich den Grundsatzfragen der Philosophie zuwendet. Nachdem die seinerzeit in großen Teilen der Gesellschaft wie der Wissenschaft zu spürende anfängliche Begeisterung über den Eintritt in ein „postmetaphysisches Zeitalter“ schnell verraucht war, steht heute die Frage nach den Grenzen und Möglichkeiten metaphysischen Denkens wieder ganz oben auf der Tagesordnung längst nicht nur der akademischen Philosophie. Gerade die Ausführungen von Walter Schweidler – bis 1992 Assistent von Robert Spaemann in München und nach Professuren in Dortmund und Bochum seit 2009 bis zu seiner Emeritierung Inhaber des Lehrstuhls für Philosophie an der Katholischen Universität Eichstätt – im Rahmen seiner „Geist und Macht“ überschriebenen Vorlesung zeigen, dass es hier um weit mehr als nur im engeren Sinn verstandene akademische Fragestellungen geht. Es geht um das Selbstverständnis des Menschen und seine Möglichkeiten der Weltgestaltung – und damit auch um die Frage, ob die heute rund um die Uhr allseits beschworenen „Werte“ als bloß subjektive Wertschätzungen Gemeinschaft und Zusammenhalt von Menschen tatsächlich stiften können.

Schweidler, dessen Ausführungen hier meist wörtlich wiedergegeben werden, verwies eingangs auf ein bekanntes Wort des siebenmaligen italienischen Ministerpräsidenten Giulio Andreotti: „Die Macht reibt nur den auf, der sie nicht hat.“ Andreotti war praktizierender Katholik. „Wenn ich in die Kirche gehe, spreche ich nicht mit Gott, sondern nur mit dem Priester; denn Gott geht nicht wählen.“ Das Bekenntnis zur Macht, die nur diejenigen fertigmacht, die sie nicht haben, ist aber nicht nur politisch weise und christlich, sondern auch tief philosophisch. Denn es beleuchtet den Wesensbestand, auf dem letztlich alle Macht gründet. „Macht hat ihren Sinn wesentlich darin, einen vor dem Zustand zu bewahren, in dem man sie nicht hat.“

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Andererseits aber hat sie den Sinn, ausgeübt zu werden, betonte Schweidler. Ausgeübte Macht jedoch ist vergebenes Kapital, ebenso wie ausgegebenes Geld. Was immer man dafür eingetauscht hat, man hat sie aus der Hand gegeben und sich der Enttäuschung ausgesetzt, der der anderen wie der eigenen. „Einen Minister ernennen“, so einst der Sonnenkönig Ludwig XIV., „heißt sich vierzig Unzufriedene und einen Undankbaren schaffen.“ Eines der wichtigsten Strategeme im Schach lautet: „Die Drohung ist stärker als die Ausführung.“ Aber in der Ausführung besteht ihr Sinn. Die Macht treibt deshalb letztlich den, der sie hat, vor sich her. Er muss sie ausüben, um sie zu behalten und sie behalten, um sie auszuüben. Muss man sich also, um von ihr nicht aufgerieben zu werden, in ihre Hände begeben? Ist dann aber auch die Macht, die einen nicht aufreibt, also die eigene, nicht doch nur ein Zeugnis der Flucht vor der Leere, die sie schließlich hinterlässt? Schweidler: „Mit dieser Frage kommt man dem philosophischen Kern der Sache schon näher, denn sie bringt den Faktor ins Spiel, der allem Wechselspiel zwischen Bleiben und Vergehen ontologisch zugrunde liegt: die Zeit. Sollte die Faszination, die ihr innewohnt, auf etwas hindeuten, worin die Macht es sogar mit der Zeit aufnehmen kann? Das ist nun zweifellos eine philosophische und also eine Frage des Begriffs.“

Zusammenhang von Verstand und Wille

Wendet man sich nun dem Begriff zu, zeigt sich: Die Macht besteht wesentlich in ihrem Nochnichtverwirklichtsein. Politisches Denken kreist im Grunde um Grenzen der Herrschaft, die wir als Menschen übereinander und über uns selbst behalten müssen, wenn wir nicht unsere personale an die unbegreifliche Macht von Systemen, Strukturen, Funktionen, Algorithmen oder Organisationen abtreten wollen. Schweidler: „Es ist unsere vernünftige Natur, die uns vor die Machtfrage stellt, indem sie uns die freie Entscheidung darüber aufzwingt und überlässt, ob und wie wir zu ihr und zu uns selbst stehen. Weisheit bedeutet wesentlich auch, sich dieses unrevidierbaren Machtaspekts am Grunde aller Vernünftigkeit bewusst zu werden. Wir müssen vernünftig sein wollen, um vernünftig einsehen zu können, dass es vernünftig war, vernünftig sein zu wollen. Darin besteht der genuin zeitliche Zusammenhang von Verstand und Wille, den die Philosophie im Weisen sucht und den der christliche Glaube in der Wahrheit verankert sieht, die in ihrem Wesen Person ist. Für einen vernünftigen Begriff von Politik bedeutet dies, dass am Grunde der Staatsordnung der Respekt vor der Freiheit der Person stehen muss, dass dieser Grund aber die vernünftige Einsicht der Bürger erfordert, mit der sie erkennen, dass der Zusammenhang von Freiheit und Ordnung in der Wahrheit besteht.“

Aus christlicher Sicht zeigt sich in alledem der elementare Zusammenhang, „den die menschliche Weisheit nur berühren kann, indem sie sich der Einsicht fügt, die aus der Umkehr der Torheit hervorgeht und darum einem Akt der Selbstüberwindung folgt, den sie nicht noch einmal in Einsicht überführen kann.“ Von Fritzchens Antwort auf die Frage, was wir tun müssen, damit uns unsere Sünden vergeben werden können, nämlich: „sündigen“, bis zum Anruf in der Osternacht an unsere „glückliche Schuld: welch großen Erlöser hast du gefunden!“, reicht die Niveauskala dieser unüberholbaren Weisheit. Dazu Schweidler: „Die philosophische Reflexion auf das Thema ,Macht und Geist‘ kann den christlichen Glauben weder begründen noch ersetzen, sie kann aber zumindest die Gestalt rational verstehbar machen, in der dieser Glaube allein sich in der Welt behaupten kann, nämlich seine genuin politische Codierung. ,Mein Reich ist nicht von dieser Welt‘ (Joh 18, 36) ist die Zentralformel nicht eines menschlichen Herrschers, sehr wohl aber des Herrn der Menschheit.“

Die „basileia tou theou“, also die Herrschaft Gottes, „in der sich nach den wohl wichtigsten der zahlreichen ihr gewidmeten Aussagen in den synoptischen Evangelien ,die Zeit … erfüllt‘ (Mk 1,14) hat und das Reich begründet wird, das ,mitten unter euch‘ (Lk 17,21), eben deshalb aber für die Menschen unsichtbar, unerrechenbar und hinsichtlich seines Eintreffens in der natürlichen Zeit allem Wissen, sogar dem des Sohnes, entzogen ist, ist ein gedanklicher Topos, der weit hinter das Neue Testament ins Zentrum der es mit dem Alten Testament verbindenden Bundestheologie zurück weist. Christus jedenfalls stellt sich ganz in diesen Topos, sowohl als König wie als der Grund der die Menschheit zum Geschlecht formierenden Ordnung. Nicht um das Gesetz aufzulösen, sei er gekommen, so erklärt der Logos, sondern um es zu erfüllen. (Mt 5,17) Und die Erfüllung besteht in einem Akt der Wendung dieses Gesetzes von einem säkularen Zwangsmittel zum Sanktionsinstrument der Ablehnung Gottes durch sein Geschöpf.“ Was zuvor nur ein „Verstoß“ gegen die alte Ordnung war, ist nun „Sünde“ gegen den Herrn der neuen, universal menschlichen Gesellschaft. „Was sollen wir nun sagen?“, so schreibt Paulus in Röm 7,7: „Ist das Gesetz Sünde? Das sei fern! Aber ich hätte die Sünde nicht kennengelernt, wenn es nicht durch das Gesetz geschehen wäre.“ Zusammenfassend erläuterte Schweidler: „Die Sünde ist der Urakt des Ungehorsams, der indirekt die Einheit der Menschheit unter dem Gebot ihres wahren Herrn herbeiführt. Dass Gott von jeher Herr war, dass nicht die Harmonie des Kosmos, sondern das Gebot des Gehorsams gegen seine Macht den Ursprung der Gesellschaft, in die nicht der Mensch mit ihm, sondern in die er zum Menschen getreten ist, konstituiert hat, macht den Unterschied zwischen antiker Kosmosphilosophie und christlicher Schöpfungslehre aus.“

Vor allem darauf kommt es der christlichen Lehre an, dass Gott der alles und allem souverän Überlegene ist. Auch als solchen muss das Gottesvolk ihn bekennen. Die Frage nach dem Verhältnis von Macht und Geist bedeutet für die Gemeinde somit unweigerlich auch die Frage nach ihrem, dem politischen Selbstverständnis der Kirche.

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