Den gläubigen Katholiken Gaudí drängte es, seinem Staunen über das Wunder der Schöpfung Gestalt zu geben – seine Bauwerke sind weltbekannt, einige von ihnen sind von der UNESCO als Weltkulturerbe ausgezeichnet worden. Anlässlich des 100. Todestags des katalanischen Architekten referierte Prof. Jos Tomlow im Augsburger Haus Sankt Ulrich über „Die wunderbare göttliche Natur – Inspiration für Gaudís Sagrada Família“. Jos Tomlow war 1976 Mitbegründer der Gaudí-Forschungsgruppe der TU Delft und hat seine Dissertation über die „Rekonstruktion von Gaudís Hängemodell“ geschrieben. Im Gespräch mit der „Tagespost“ berichtet der Gaudí-Experte, warum die Sagrada Família auch Nichtgläubige aus aller Welt fasziniert und wie Architekten auf ihren möglichen neuen Schutzheiligen reagieren.
Gaudís Architektur erschließt sich nicht ohne die Perspektive des tief Glaubenden, der Antoni Gaudí war. Warum fühlen sich Gläubige und Nichtgläubige gleichermaßen durch seine außerordentliche Architektur angesprochen?
Es ist die Kraft und die Lebensfreude, die diese Bauten ausstrahlen. Weg von der Strenge und der grauen Fassade protestantischer Gotteshäuser, hin zu mehr Farbe. Davon fühlen sich auch Nichtgläubige angezogen, da sie die Einzigartigkeit seiner Architektur wertschätzen. In gewisser Weise ist Gaudí auch zu einem Modetrend geworden, ausgelöst durch unzählige Publikationen über ihn. Es gibt Hunderte Bücher über sein Leben und sein Werk.
Wissen wir denn schon alles über Gaudí?
Tatsächlich gibt es immer wieder neue Entdeckungen, die allerdings in der Fachwelt kontrovers diskutiert werden. Vor Kurzem wurde nahe La Pobla de Lillet in den östlichen Pyrenäen eine beeindruckende und kürzlich offiziell Antoni Gaudí zugeschriebene Berghütte, „Xalet del Catllaràs“, wiederentdeckt und behutsam im Sinne des ursprünglichen Zustands restauriert, nachdem sie durch spätere Anbauten stark verändert worden war. Es darf nicht vergessen werden, dass während des Spanischen Bürgerkriegs fast alle Zeichnungen und Modelle Gaudís zerstört wurden. Das geschah mit Absicht von Seiten der anarchistischen Gewerkschaften, die mit den Kommunisten in Katalonien die Macht hatten. Sie hassten alles katholische Gedankengut. Was damals geschah, ist besonders tragisch, weil dadurch nur ein vergleichsweise kleiner Teil von Gaudís Denken und Arbeiten direkt überliefert ist.
Als Antoni Gaudí sein Architekturdiplom erhielt, soll über ihn gesagt worden sein, man wisse nicht, ob man es mit einem Scharlatan oder einem Genie zu tun habe. Wann zeigte sich, dass er tatsächlich ein Genie war?
Deutlich wurde dies 1883 mit der Übernahme der Bauleitung der Sagrada Família. Dass man einem so jungen Architekten eine derart große Verantwortung übertrug, zeigt das Vertrauen, das man bereits in seine Fähigkeiten setzte. Vor allem der Architekt Joan Martorell (1833–1906), Mitglied des Vorstands der Sagrada Família und zeitweise Gaudís Arbeitgeber, schätzte ihn außerordentlich. Martorell war überzeugt, dass Gaudí gerade wegen seines jungen Alters geeignet sei, ein so ambitioniertes Bauvorhaben über viele Jahrzehnte hinweg zu begleiten.
Weist Gaudís Werk an irgendeiner Stelle auch Schwächen auf? Wo sagen Fachleute: Das hätte anders gelöst werden können?
Grundsätzlich baute Antoni Gaudí außerordentlich solide und verfügte über ein tiefes Verständnis von Gewölbekonstruktionen. Gerade auf diesem Gebiet war er ein Meister. Seine Genialität lag in der Fähigkeit, Wissen auf neue Weise zu verbinden: Geometrie, Physik, Statik und Naturbeobachtung fügte Gaudí scheinbar mühelos zu einem ganzheitlichen Denken zusammen – eine Haltung, die auch seine Architektur durchweg prägte. Dennoch gibt es in der Krypta der Colònia Güell konstruktive Lösungen, die auch kritisch gesehen werden können. Teilweise gibt es dort belastete Bögen, die frei unter der Decke verlaufen und nur aus einer Aneinanderreihung von einzelnen Ziegeln bestehen. Man denkt unweigerlich: Wenn an einer Stelle etwas versagt, könnte das gesamte Gefüge instabil werden. Solche Lösungen erscheinen aus heutiger Sicht zumindest gewagt und würden im modernen Bauwesen vermutlich kaum noch in dieser Form ausgeführt werden. Ein anderes Beispiel: Im Park Güell verwendete er Eisenbänder, die ursprünglich zur Verpackung von Tuchballen dienten. In gedrehter Form setzte er sie zur Verstärkung von Bruchsteinmauerwerk ein, gedacht wie eine Bewehrung. Langfristig erwies sich dies jedoch als problematisch, wie spätere Restaurierungen zeigten, als man verrostete Eisenbänder hinter Rissen fand.
Gibt es Nachahmer von Gaudís Architekturstil? Oder Ansätze, Elemente seines Stils bei anderen Gebäuden weltweit?
Ich erhielt einmal die Anfrage, ob Friedensreich Hundertwasser mit Gaudí vergleichbar sei. Tatsächlich griff Hundertwasser mit dem sogenannten Trencadís – dem katalanischen Mosaik aus zerbrochenen Keramik- und Kachelscherben – ein Gestaltungselement auf, das man unmittelbar mit Gaudí verbindet. Auch Hundertwassers Hinweise auf eine organische Architektur erscheinen auf den ersten Blick ähnlich. Bei näherer Betrachtung wirken viele dieser Elemente jedoch eher inszeniert oder dekorativ. So verlaufen in einigen seiner Gebäude Stahlbetondecken absichtlich schräg, um Unregelmäßigkeit und Natürlichkeit zu suggerieren. Im Unterschied zu Gaudí entspringt diese Formgebung jedoch selten einem konstruktiven oder statischen Konzept. Gerade darin zeigt sich aber der entscheidende Unterschied: Bei Gaudí entwickelte sich die organische Form aus Konstruktion, Material und Naturbeobachtung heraus. Bei Hundertwasser bleibt sie häufig ein gestalterischer Effekt. An die schöpferische und bautechnische Meisterschaft Gaudís reicht Hundertwasser bei Weitem nicht heran. Als Epigonen und Nachfolger Gaudís betrachte ich vor allem einige seiner Mitarbeiter wie Josep Maria Jujol Gibert (1879–1949), Joan Rubió Bellver (1870–1952) und insbesondere Cèsar Martinell Brunet (1888–1973).
Was sagen die Architekten dazu, dass sie bald einen eigenen Schutzpatron haben könnten, der Fürsprache für sie im Himmel einlegt?
Ich denke, viele Architekten könnten Hilfe von oben in ihrem verantwortungsvollen Beruf brauchen. Insofern ist ein Schutzheiliger generell nicht falsch. Viele Architekten reagieren darauf jedoch mit Befremden – schließlich braucht es für eine Seligsprechung ein kleines Wunder. Daran mag man nicht so recht glauben.
Was können Architekten – hundert Jahre nach seinem Tod – von Gaudí lernen?
Ähnlich wie Michelangelo sehe ich Gaudí als eine transitorische Persönlichkeit – einen, der Relevanz für einen langen Zeitraum hat. Gaudí war der Erste, der Regelflächen anwandte: eine Form, die erst 1800 von Gaspard Monge in der beschreibenden Geometrie vertieft vorgestellt wurde; ab dem Jahr 2000 wurden seine Anwendungen für die Fertigstellung der Sagrada Família in CAD an PCs nachgebildet. Gaudí erfasst also mit seinem architektonischen Entwurfsspiel 200 Jahre. Tatsächlich schickte der berühmte Frank O. Gehry (1929–2024) jahrelang seine Praktikanten in das Architekturbüro der Sagrada Família, um von Mark Burry zu lernen, wie man mittels CAD (Computer Aided Design) Gewölbe und Säulen entwirft, die computergesteuert in Naturstein ausgeführt werden. Gaudí erschuf eine neue Architektur, die „Mediterrane Gotik“: Er machte die Strebebögen, welche die Gewölbe seitlich stützen, überflüssig. In der Sagrada Família ragen die verzweigten Stützen baumgleich auf zu vielen kleinen und relativ leichten Gewölben. Diese geben ihre Last über Druck auf dem schnellsten Weg zu den Fundamenten ab. Diese Architektur ist berauschendes Barock. Das ist aber nicht alles. Auf dem Gebiet der Nachhaltigkeit zeigt er im Collegi de les Teresianes (1888/1889) und in der Casa Batlló (1904–1906), wie man Tageslicht und Luft im Inneren eines großen Gebäudes zuführt – ohne den Einsatz energiefressender Klimaanlagen.
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