Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Ungeschminkt

Flintenweib als Heckenschützin

Die FDP nimmt von ihrem Nominierungsparteitag eine hammerharte Hypothek mit – in eine ungewisse Zukunft.
Birgit Kelle
Foto: Hamburg | Birgit Kelle ist Autorin diverser Bestseller.

Geht man davon aus, dass Marie-Agnes Strack-Zimmermann der FDP einen Todesstoß versetzen wollte, dann hat sie alles richtig gemacht. Ja, immer wenn man denkt, die FDP könnte nicht noch tiefer sinken als raus aus dem Bundestag hinab ins Tal der parlamentarischen Bedeutungslosigkeit, gerade dann findet sich zielsicher ein prominenter Kopf, um die Sache mit einem ordentlichen Schuss in die Beine noch einmal zu beschleunigen. 

Die praktische Anwendung der Steigerungsform „Freund, Feind, Parteifreund“ kann der politische Betrachter gerade filmreif an der Person Strack-Zimmermann verfolgen – bei ihrem gescheiterten Versuch, eine Parteiführung unter Wolfgang Kubicki mit allen Mitteln zu verhindern, indem sie in letzter Sekunde auf dem Parteitag am Wochenende eine Gegenkandidatur versuchte. Zumindest die böse Überraschung war gelungen, während das Märchen, die vorgetragene halbstündige Bewerbungsrede sei das Ergebnis einer spontanen, kurzfristigen Entscheidung, nicht einmal ihre Unterstützer glauben. 

Lesen Sie auch:

Nun sollte man mit einer Frau wie Strack-Zimmermann, die sich auf ihrer eigenen Homepage damit rühmt, eine 78-jährige Rentnerin erfolgreich verklagt zu haben, die es gewagt hatte, sie als „Flintenweib“ zu bezeichnen, und über 1.800 weitere Bürger bereits wegen Meinungsäußerungen juristisch belangte, immer rechnen. Wenn man Kubicki also einen Vorwurf machen will, dann den, sie unterschätzt zu haben. Diese Frau verliert nicht gerne. 

Farbloser Protegé gab auf 

Ihre eigenen Ambitionen, die Parteiführung zu übernehmen, hatte sie ursprünglich erst vor Kurzem nur zähneknirschend zurückgezogen. Allein die Ankündigung, sie wolle kandidieren, hatte derart viel Spott und Widerstand in sozialen Netzwerken ausgelöst, dass man bereits mit dem Bestatter den Termin für die Beerdigung der FDP hätte festlegen können, sollte sie sich an die Spitze setzen. Frei nach dem Motto: Wenn ich es nicht werden kann, dann soll Wolfgang es gefälligst auch nicht sein – rief sie damals Kubicki auf, er solle ebenfalls auf eine Kandidatur verzichten; die grauen Köpfe der Partei sollten doch bitte Jüngeren den Vortritt lassen. Kubicki ignorierte das, und dann gab auch noch Strack-Zimmermanns farbloser Protegé Henning Höne seine Ambitionen auf. Kubicki marschierte scheinbar ohne Gegenkandidaten auf seine Krönung zu. Das galt es zu verhindern. 

Das Parteitags-Scharmützel geht nun medial weiter. Auf die Frage einer Journalistin, wie er denn die 40 Prozent der Unterstützer von Strack-Zimmermann für sich gewinnen wolle, antwortet er: „Gar nicht“ – und schickt ihr stattdessen mediale Grüße: „Du hast nur 40 Prozent, und jetzt weißt du, wo der Hammer hängt.“ Sie revanchiert sich mit dem Bild eines Hammers auf Twitter; er solle sich mal nicht versehentlich damit wehtun. So klingt Humor, wenn man ihn quält. Im Ergebnis sind mindestens drei beschädigt: Wolfgang Kubicki, der mit nur 60 Prozent Zustimmung ins Amt startet; Strack-Zimmermann, die sich als reichlich hinterhältig entlarvte; und die ganze FDP als Partei – denn nun weiß endgültig kein einziger Wähler mehr, welchen Kurs er bekommen wird, sollte er liberal-leichtsinnig seine Stimme vergeben. 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Birgit Kelle Deutscher Bundestag FDP Wolfgang Kubicki

Weitere Artikel

Wiederauferstehung der FDP? Die bürgerliche Denkfabrik R21 dachte über 80 Jahre Soziale Marktwirtschaft nach – und entdeckte eine Marktchance für die Liberalen.
28.01.2026, 14 Uhr
Sebastian Sasse
Überall Führungsquerelen: Berlin spekuliert über den Kanzlertausch, München liest begierig Webers Pfingstbrief gegen Söder. Nur in Rom steht fest, wer der Chef ist.
29.05.2026, 20 Uhr
Sebastian Sasse
Hat die FDP noch eine Chance? Wolfgang Kubicki will den Liberalismus populärer machen und schreckt nicht zurück, wenn das Populismus genannt wird.
07.04.2026, 15 Uhr
Sebastian Sasse

Kirche

In seinem Lehrschreiben „Mangnifica Humanitas“ gibt der Papst wichtige Anregungen für den Bildungsbereich, schreibt der Erziehungswissenschaftler Klaus Zierer in einem Gastbeitrag.
03.06.2026, 21 Uhr
Klaus Zierer
Die erste Enzyklika Papst Leos hebt die Kennzeichen des Menschseins hervor: Liebe, Vergebung und das Ziel der Ewigkeit.
03.06.2026, 10 Uhr
Peter Schallenberg
Immer mehr Erwachsene bitten in Frankreich um die Taufe. Eine kirchliche Versammlung der Pariser Region soll klären, wie Gemeinden die neuen Christen aufnehmen und begleiten können.
02.06.2026, 18 Uhr
José García