Kulturenkampf

Finkielkraut kritisiert den Umgang mit dem Islam und der Migration

Der französische Philosoph hat sich über die Gefährdung Europas geäußert. Hat er Recht?
Alain Finkielkraut
Foto: dpa | Alain Finkielkraut, Schriftsteller und Philosoph - hier bei einer Rede in der Académie française 2016 - versteht es, klar und scharf zu denken und sein Denken geschliffen in Sprache zu gießen.

Alain Finkielkraut hat als Zeitkritiker und Philosoph einen weit über Frankreich hinausgehenden Ruf, ist freilich auch heftiger Kritik ausgesetzt, denn seine Ansichten liegen nicht im Trend – das gilt auch für sein neues Buch „Ich schweige nicht“. Er warnt Frankreich, aber auch Deutschland, vor dem Verlust der eigenen Nationalkultur, die christlich und jüdisch geprägt sei. Vor lauter Verständnis für Migranten, den Islam, für Diversität und diejenigen, die mit unseren Vorstellungen nicht mehr konform gehen, verleugnen wir unsere traditionelle Kultur, verblasst die europäische Identität. Dagegen opponiert Finkielkraut entschieden: „Ich will, dass Frankreich Frankreich bleibt, Deutschland Deutschland bleibt und Europa Europa.“ Dass man in vielen Ländern Europas „die Gastfreundschaft im großen Stil eingeführt“ hat, war eine Reaktion auf die Barbarei des Nationalsozialismus. Es ging darum, „für die Verbrechen der Großeltern zu büßen“. Nach dem Zweiten Weltkrieg und der Judenvernichtung durch die Nazis gelangte man „zur Einsicht, dass die europäische Zivilisation das Grauen hervorgebracht hat, Hitler letztlich ein Produkt einer Hochkultur war.“ Man wollte also, so Finkielkraut, „anstelle der europäischen Zivilisation eine europäische Konstruktion aus Normen und Werten schaffen.“ Deutschland stand im Zentrum des Kulturbruchs, „jetzt macht man auf ,wir schaffen das‘.“

Wohin führt falsche Toleranz?

In Köln soll bald der Muezzin zum Freitagsgebet rufen, dazu polemisiert Finkielkraut über die Deutschen: „Vielleicht hat sie Reue so hart getroffen, dass sie zu Idioten geworden sind.“ Etwas milder formuliert der Algerier Boualem Sansal, der 2011 den Friedenspreis des deutschen Buchhandels erhalten hat: „Deutschland war komplett naiv. Und langfristig ist Deutschland das Land, das am meisten bedroht ist. Und dann ist Deutschland aufgrund der Kriegserfahrung eine extrem tolerante Gesellschaft. Und das wird ausgenutzt.“

Der Philosoph Karl Popper hat geschrieben: „Im Namen der Toleranz sollten wir uns das Recht vorbehalten, die Intoleranz nicht zu tolerieren.“ Und Thomas Mann sagte, dass „Toleranz zum Verbrechen wird, wenn sie dem Bösen gilt“. Das Gewährenlassen von Islamisten und die Solidarisierung linker Kreise mit radikalen Migranten hat zu Terror und Alltagsgewalt geführt. Ganze Stadtviertel sind dabei, der staatlichen Kontrolle zu entgleiten, ganze Bevölkerungsgruppen gliedern sich aus Frankreich aus. Finkielkraut wurde auf offener Strasse angebrüllt: „Dreckiger Zionist, geh‘ zurück nach Tel Aviv!“ Nur das Eingreifen der Polizei verhinderte Schlimmeres.

„Erst nach und nach wurde zögerlich eingeräumt
[wenn auch weiterhin verharmlost und relativiert],
dass es zunehmend muslimischen Judenhass in Deutschland und Europa gibt“

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Ironischerweise versteht sich der französische Intellektuelle durchaus nicht als „Zionist“ – ihm geht es um die Bewahrung „seines“ Frankreich, „seines“ [unseres] Europa. Dazu gehören freilich auch Juden. Jemand sagte zu Finkielkraut: „Frankreich ist für Einwanderer, und Frankreich ist für Araber, nicht für Juden.“ Wenn derartige Vorfälle starken Wiederhall in den [wenn auch nur französischen] Medien fanden, dann nur deshalb, weil Finkielkraut in der [französischen] Öffentlichkeit sehr bekannt ist. Die zahlreichen Beleidigungen, Diskriminierungen und Angriffe – 2018 stiegen antisemitische Straftaten in Frankreich um 74 Prozent an – die „normale“ Rabbiner, Schüler und andere Juden erdulden, werden kaum wahrgenommen.

Um in der Öffentlichkeit aufzufallen, müssen es schon grausige Mordtaten sein: Wie der Fall des jungen Juden, der 2006 zu Tode gefoltert wurde, der Mord an Sarah Halimi 2017, und der an der Holocaustüberlebenden Mireille Knoll 2018, die Morde im jüdischen Supermarkt 2015 oder die Morde von Toulouse 2012. In Deutschland erregten sie nur vorübergehend Aufsehen, wurden dann aber bald verdrängt und vergessen – passten sie doch nicht ins politisch korrekte Narrativ. In Frankreich schicken viele Juden ihre Kinder nicht mehr in die öffentliche Schule, sondern in jüdische oder katholische [!] Privatschulen. Die Zahl der jüdischen Auswanderer nach Israel nimmt dort seit Jahren zu. Wie es in Deutschland weitergeht, haben wir vielleicht noch in der Hand.

Judenhasses nicht benennen, um nicht islamophob geschimpft zu werden

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Im neuen Weltbild spielen Juden eine wichtige Rolle. Die Shoah trat in den Hintergrund. Im Mittelpunkt stand jetzt der Zionismus als angeblich neue Variante des Rassismus (!). Juden wurden mit Zionisten gleichgesetzt und waren somit Rassisten. Ihnen wird vorgeworfen, dass sie „die Shoah instrumentalisieren“, etwa zur Unterdrückung der Palästinenser. Opfer waren die Muslime, die Araber, die Palästinenser – Täter die Israelis, die Juden. „Alle Juden sind verdächtig“ wie Finkielkraut sagt. „Die große Errungenschaft des Antirassismus besteht ... darin, dass er sich den Antisemitismus einverleibt und die Shoah gegen die Juden gerichtet hat.“ Somit werden antisemitische Reaktionen eine legitime oder zumindest verständliche Reaktion auf all das Unrecht , das Muslimen – tatsächlich oder vermeintlich – von „Juden“ zugefügt wurde.

Dies stellt vor allem in Deutschland ein moralisch-intellektuelles Problem dar. Einerseits konnte man im Land, in dem die Judenvernichtung erdacht und in Angriff genommen worden war, Antsemitismus nicht dulden. Andererseits wollte man keine Standpunkte vertreten, die irgendeine Nähe zur Islamophobie oder – noch skurriler – zum „antiislamischen Rassismus“ aufwiesen. „Antisemitismus“ oder Judenfeindschaft kam, so die verbreitete Lesart, prinzipiell aus dem Rechtsradikalismus. Erst nach und nach wurde zögerlich eingeräumt [wenn auch weiterhin verharmlost und relativiert], dass es zunehmend muslimischen Judenhass in Deutschland und Europa gibt. Konnte der Präsident des Zentralrats der Juden vor wenigen Jahren noch von „einem sogenannten importierten Antisemitismus“ sprechen, gilt dieser Begriff heute als Terminologie der Rechten. Im Zuge des Neoprovinzialismus, der Deutschland inzwischen im Griff hat, schaut der deutsche Michel kaum über die Grenzen, sonst würde sich ihm das Gesamtbild – und islamischer Judenhass kann nur im internationalen Kontext bewertet werden – anders darstellen. Immerhin hat der israelische Regierungschef Bennett Kanzlerin Merkel wegen ihrer eindeutigen Haltung zur Sicherheit Israels als „moralischen Kompass des gesamten europäischen Kontinents“ gelobt.

Überproportionale Kriminalitätsrate

Deutschland und Frankreich unterscheidet Vieles: Der Islam und die Migration sind in Frankreich schon viel länger und intensiver präsent als bei uns. Deshalb sind die Probleme drängender, die Gewalt intensiver und die gesamtgesellschaftlichen Auswirkungen islamischer Einwanderung umfassender. Bereits der SPIEGEL (Nr. 29) aus dem Jahr 1964 berichtet über massenweise sexuelle Belästigung von Frauen in französischen Schwimmbädern durch Algerier und erwähnt beiläufig, dass Algerier in Frankreich einen weit überproportionalen Anteil an schwersten Sexual- und Gewaltdelikten haben. Andererseits wird in Frankreich der Laizismus konsequenter angewandt. Frankreich ist viel mehr als Deutschland das Land scharfer, intellektueller Debatten und auch harter Kontroversen. Die Urteile und Wertungen sind hier viel apodiktischer als das in Deutschland der Fall ist.

So sagt Finkielkraut über den Islam: „Diese Religion ist ein Problem. Sie ist mit der europäischen Zivilisation nicht vereinbar.“ Antirassismus sei heute „ein Verbot, der Realität ins Auge zu sehen.“ Beim Blick auf Deutschland entsteht deshalb in Frankreich oft der Eindruck, rechts des Rheins sei man naiv, verschlafen oder realitätsfern. Schon 2016 ironisierte Finkielkraut die bei uns zelebrierte Willkommenskultur als Willkommensrausch, aus dem Deutschland an Silvester [2015] mit einem Kater erwacht sei.


Der Verfasser dieses Beitrags ist u.a. Autor des Buches „Gehört der Islam zu Deutschland?“ (Zürich 2017).

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