Fastenzeit. Die christliche Tradition wirkt auch in säkulare Zeiten hinein und lebt fort – in unseren Kirchen ebenso wie außerhalb. Fastenrituale gibt es in den großen Religionen des Islam und des Buddhismus als starkes Zeugnis einer nach innen und außen strahlkräftigen Glaubenspraxis. Für Außenstehende muten die Konsequenzen mitunter skurril an: In der 2. Bundesliga unterbrach nach 22 Spielminuten der Schiedsrichter die Partie Schalke gegen Bielefeld beim Stand von 1:0. Der Grund: Fastenbrechen im Ramadan, damit die muslimischen Spieler den Rest der Partie ohne Zusammenbruch durchstehen konnten.
Bei Christen wird das Fasten als Glaubenstat sowohl eifrig propagiert als auch kritisch hinterfragt. Zu den Zweiflern gehört der Kapuzinerbruder Paulus (66). Der prominente Ordensgeistliche, beinahe ein Internet-Star, war lange in München unter anderem als Managerberater tätig. Inzwischen wurde er in die Westfalenmetropole Münster versetzt. „Wenn jemand denkt, mit Wasser und Brot werde ich liebevoller, barmherziger, fremdenfreundlicher, sozialer – und werde intensiver die Gottesdienste mitfeiern: herzlich willkommen!“, formuliert er leicht sarkastisch, um dann mit hochgezogenen Augenbrauen hinzuzufügen: „Jesus sagte: An ihren Früchten werdet ihr sie erkennen.“ Reichlich Skepsis klingt da durch; Bruder Paulus traut der lauteren Lust am Mangel nicht.
40 Millionen mit Fastenerfahrung
Wer in unserem Land fastet, der tut das selten aus Zwang, sondern zumeist freiwillig – oder aus einem Akt freiwilliger Unterwerfung. Immerhin sind es zehn bis elf Millionen Menschen, die regelmäßig zur Fastenzeit Verzicht üben. 40 Millionen haben mindestens einmal in ihrem Leben gefastet.
Die meisten fasten immer noch aus einem religiösen Impuls. Es folgen gesundheitliche Motive und schließlich kosmetische Gründe, die „gute Figur“. Ältere und Jüngere finden sich unter den Fastenden, deutlich mehr Frauen als Männer. Die belassen es eher bei Alkoholstopp und Rauchverzicht, gleichen sich in puncto Körperbewusstsein aber zunehmend den Frauen an, von denen fast 80 Prozent irgendwann einmal bewusst aufs Essen verzichtet haben.
Fasten – das heißt auch Lifestyle. Der angenehme Weg ist das Ziel. Eine teure Fastenklinik zu besuchen und dort seinen Urlaub zu verbringen, ist nicht anrüchig, bei weitem kein Tabu wie eine Entziehungskur bei Alkoholsucht – im Gegenteil. Die schicken Kurkliniken und Wellnesshotels mit ihren Fastenprogrammen sind gesellschaftstauglich. Vor malerischer Kulisse im weißen Bademantel zu neuer Form: Solche Wellness-„Zauberberge“ der reduzierten Nahrungsaufnahme erleben gut hundert Jahre nach dem Erscheinen des Romans von Thomas Mann eine Renaissance.
Prestigeträchtige Adressen werden weitergereicht wie Ausstellungsempfehlungen oder Premierenankündigungen für Oper und Theater. Fasten und Entschlacken nach F. X. Mayr gilt als bewährtes Gütesiegel. Das gleichnamige Gesundheitszentrum auf Rügen, das My Mayr MED Resort in Bad Birnbach oder das F. X. Mayr Zentrum Bodensee genießen Kultstatus. Inzwischen kann jeder nach seinem Geschmack – vielleicht nicht gerade selig, aber doch schlank – werden: auf mönchische Art, ayurvedisch oder nach individuellen Ansätzen der verschiedenen Hotels und Kurkliniken.
Wer mag, kann das renommierte Buchinger-Abnehmprogramm mit über hundertjähriger Geschichte sogar an der Côte d’Azur oder im spanischen Marbella absolvieren. Das Original, noch vom legendären Dr. Otto Buchinger selbst empfohlen, beginnt bei 21 Nächten mit 16 harten Fastentagen und danach vier Aufbautagen, um wieder ins normale Leben zurückzufinden.
Langsames Kauen trockener Semmeln
Typischerweise beginnt eine F.-X.-Mayr-Kur mit einer Entlastungsphase, in der Kaffee, Alkohol, Zucker und schwere Speisen gestrichen werden. Die klassische Kurphase besteht aus sehr einfacher Nahrung – häufig Milch und trockenen Semmeln, die langsam und gründlich gekaut werden sollen. Das bewusste Kauen bereitet die Verdauung vor und fördert ein neues Sättigungsgefühl. Begleitet wird die Kur von ärztlichen Bauchbehandlungen, Bitterwasser oder Magnesiumsulfat zur Darmreinigung sowie viel Ruhe, Bewegung an der frischen Luft und ausreichendem Trinken. Moderne Varianten solcher Kuren arbeiten oft mit leichter, basischer Kost statt der traditionellen Milch-Semmel-Diät. All das ist kein billiges Vergnügen: „Die Tagespost“ ermittelte Kosten zwischen 2.500 und 15.000 Euro für eine vierwöchige Fastenkur. Eine Karibik-Kreuzfahrt ist billiger – und das Essen besser.
Die teure Selbstkasteiung gibt es natürlich nicht auf Krankenschein. Doch auch die Gesundheitskassen widmen sich dem Thema Abnehmen – mit Prophylaxeprogrammen und Selbsthilfegruppen. Krankhafter Fettsucht und gesundheitsgefährdendem Übergewicht rückt man sogar mit operativen Methoden zu Leibe. Der Darm wird verkürzt oder der Magen so verkleinert, dass nur ein schlauchförmiger Rest zurückbleibt. Dies führt zu einer geringeren Nahrungsaufnahme und zu einer verringerten Produktion des Hungerhormons Ghrelin.
Bei einem Body-Mass-Index (BMI – Körpergewicht geteilt durch die Körpergröße zum Quadrat) über 35 und schweren Folgekrankheiten wie Diabetes oder Bluthochdruck zahlt die Krankenkasse mindestens 13.000 Euro für die komplizierte Operation. So geartetes Übergewicht ist in erster Linie ein Krankheitsbild. Betroffene sind aus vielerlei Gründen nicht in der Lage, ihre Nahrungsaufnahme willentlich zu steuern. Übergewicht ist eine Zivilisationskrankheit. Die Weltgesundheitsorganisation hat ermittelt, dass in den wirtschaftlich starken OECD-Staaten 8,4 Prozent der Gesundheitsbudgets für Krankheiten ausgegeben werden, die durch Übergewicht verursacht sind. Das entspricht ungefähr 311 Milliarden US-Dollar pro Jahr. Eine breitere Analyse von 52 großen Staaten kommt sogar auf rund 425 Milliarden Dollar jährlich für die Behandlung der Folgen von Übergewicht.
Über eine Milliarde Menschen sind fettleibig – Tendenz steigend. Dagegen erweist sich der Hunger in der Welt fast als das kleinere Problem, jedenfalls was die Zahl der Betroffenen angeht: 735 Millionen Menschen weltweit hungern. Berechnungen haben ergeben, dass mit einem Zehntel der Aufwendungen im Kampf gegen Übergewicht der weltweite Hunger besiegt werden könnte. Dieses weitgehend unbekannte, aber umso grausamere Hunger-Fasten-Paradox stellt global eine kaum zu lösende Herausforderung dar.
Millionen fasten aus Not
Bis 2030 wollte die UNO eigentlich den Hunger besiegt haben. Kriege und Katastrophen rücken dieses Ziel derzeit in weite Ferne. Zumindest ist Deutschland dem GNAFC beigetreten, dem weltweiten Netzwerk zur Hungerbekämpfung. Und auch das Übergewicht wird als allgemeine Bedrohung wahrgenommen. Eine der wichtigsten WHO-Initiativen ist dabei die „Globale Strategie für Ernährung, Bewegung und Gesundheit“, vor allem mit Blick auf Kinder.
Millionen Menschen müssen fasten, weil sie nichts zu essen haben – sie kämpfen gegen den Hungertod. Die anderen müssen fasten, weil sie zu viel von alldem genossen haben, woran es anderswo in unerträglicher Weise mangelt. Und was sagt Fastenskeptiker Bruder Paulus?
„Ich habe lange Zeit mit Armen zusammen Hauswand an Hauswand gelebt. Man braucht eigentlich nicht viel im Leben. Wenn man sieht, was etwa ein Geflüchteter durchgemacht hat, dann möchte man automatisch einfacher leben.“
Wer gerade jetzt die Hungernden der Welt vor Augen hat, der teile. Sein Brot zu brechen, um es zu teilen – vielleicht die sinnvollste Konsequenz dieser Fastenzeit.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.






