Fasten, weil es nicht anders ging: Nach dem Zweiten Weltkrieg lieferten die USA sogenannte CARE-Pakete, die eine Familie einen Monat lang mit Lebensmitteln versorgen konnten. Diese Pakete waren sehr begehrt, wer sie erhielt, konnte sein Glück kaum fassen, beschrieb es einmal der spätere Bundesarbeitsminister Norbert Blüm. „Den Inhalt sehe und schmecke ich noch heute: Erdnussbutter. Milchpulver. Kakao, ein Getränk, das ich bis dahin nicht kannte. Eipulver, aus dem meine Mutter Omeletts briet. Und eine Tafel Schokolade. Sie wurde planvoll bewirtschaftet, und nur in festlichen Stunden gab es für jeden ein kleines Stück.“
Zwangsfasten ist in unserer heutigen Gesellschaft nahezu unbekannt geworden. Essen ist eigentlich immer verfügbar. Gegessen wird auch dann, wenn kein Hunger besteht. Wir leben in einer – im wahrsten Sinne des Wortes – „übersättigten“ Wohlstandsgesellschaft. Unsere Herausforderung ist nicht, genügend Nahrung zu uns zu nehmen. Sondern uns vor zu viel zu schützen. Der nebenstehende Beitrag über das Lifestyle-Fasten führt das aus.
Wer fastet, wird belohnt
Fasten und gesunde Ernährung bestimmen Party-Talk und Gesundheitsforen, politische Ausschüsse, gesellschaftliche Initiativen und Plattformen in multimedialer Breite. Jo-Jo-Effekt und Intervallfasten, Körper-Entgiftung und inneres Gleichgewicht sind Dauerthemen und Ersatzreligion. Zeitzeugen des Zweiten Weltkriegs müssen den Umgang mit Essen im Überfluss als beleidigende Schande empfinden: Kleinkinder verhungerten noch nach Kriegsende im Hungerwinter 1946/47, Lehrer klauten ihren Schülern das Pausenbrot, Kinder wurden aufs Land verschickt, um sich für Essen auf Bauernhöfen zu verdingen. Konrad Adenauer entwickelte im Ersten Weltkrieg als Beigeordneter der Stadt Köln ein „Schrotbrot“ aus Mais, Gerste und Reismehl: zur Hungerbekämpfung. Heutzutage sind teure Vollwertbrote ein frugales Mahl der Wahl: für die Gesundheit. Getreidebrei, dunkles Brot aus Roggen und Hafer, Hülsenfrüchte wie Linsen und Bohnen sowie Wurzelgemüse wie Rüben und Kohl bestimmten den Speiseplan des Volkes in früheren Jahrhunderten. Wurst und Braten waren Luxus: Esskastanien galten als „Fleisch der Armen“. Heute ist die Armenkost von damals großer Bestandteil einer veganen Ernährung, für die sich Menschen aus ideologischen Gründen entscheiden.
Keine Frage: Wer fastet, wird belohnt. Fasten ist kein Hungern aus Not, sondern aus Notwendigkeit. Es kann chronische Entzündungen reduzieren, Herz-Kreislauf-Erkrankungen vorbeugen, Rheuma und Stoffwechselproblemen entgegenwirken. An Tierstudien zeigt sich, dass eine um 20 bis 40 Prozent reduzierte Kalorienmenge entzündungshemmend wirkt und die Lebensdauer verlängern kann. Für Menschen ist die Datenlage noch dünn, breites Erfahrungswissen spricht aber eine deutliche Sprache. Für seine Arbeiten zur Autophagie, dem „Selbst-Essen“ (griechisch: Auto- „selbst“; -phagie „essen“) oder auch Reparaturmodus des Körpers wurde der japanische Forscher Yoshinori Ohsumi 2016 mit dem Nobelpreis ausgezeichnet.
Sechs Wochen Heilfasten verändern wenig
Autophagie entfernt fehlgefaltete Proteine, sodass die Zellen wieder effizienter und sauberer arbeiten können. Sie verjüngt das Darmmikrobiom, führt zu verbesserter Haut, einem gestärkten Immunsystem, potenziell verlangsamtem Altern der Zellen und fördert die Gewichtsabnahme.
Es lohnt sich, zu fasten. Trotzdem gilt: Eigentlich sollte man übers ganze Jahr gesund leben. Was den Körper angeht, werden auch sechs Wochen Heilfasten nur wenig verändern. Keine Fastenkur der Welt kann hohen Cola-Konsum oder regelmäßig konsumiertes, frittiertes Fast Food und hoch verarbeitetes Fleisch ausgleichen. Ausgewogene Ernährung, Bewegung und genügend Schlaf, Verzicht auf Rauchen, wenig Alkohol und der richtige Umgang mit Stress sind nach aktuellem Wissensstand die unverzichtbare Ergänzung sinnvollen Fastens.
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