Wer wissen will, warum die SPD auf dem Weg von der Volks- zur Splitterpartei ist, muss sich nur einmal Reden der Vorsitzenden Bärbel Bas anhören. Die SPD-Parteichefs meiner Jugend waren Figuren wie Willy Brandt, Hans-Jochen Vogel und Oskar Lafontaine. Was ist bloß aus dieser Partei geworden? Neulich hatte Bas einen Auftritt bei einem von Kulturfunktionären initiierten Aktionstag „Zusammenhalt in Vielfalt“. Dort warb sie für ein buntes Deutschland. Unser Land, sagte sie, brauche Migranten nicht nur als Fachkräfte, sondern auch für die kulturelle Vielfalt („nicht nur als wirtschaftliche Notwendigkeit, sondern ausdrücklich als kulturelle Bereicherung“). Die versammelten Funktionäre spendeten eifrig Beifall, sodass sie sich ermuntert fühlte, noch nachzulegen und in einer Passage, in der sie gegen die von manchen gehegte Fantasie einer homogenen Gesellschaft wetterte, folgende Formulierung wählte: „Wir wehren uns auch gegen dieses sogenannte Einheitsgrau, ich will’s sogar braun nennen. Auch wenn mancher sich danach sehnt – so ist es halt nicht mehr, und das ist auch gut so.“ Wieder eifriger Beifall.
Dönerspieß statt Spießertum
Man ist heute sehr schnell dabei, den Vorwurf der Verfassungsfeindlichkeit zu erheben. Mir leuchtet zum Beispiel ein, dass es als verfassungsfeindlich gelten muss, Migranten pauschal verächtlich zu machen. Aber ist das Verächtlichmachen von Einheimischen dann nicht auch zu beanstanden? Wenn man alle, die keinen Migrationshintergrund haben, als Einheitsgrau – beziehungsweise in Frau Bas’ Worten „Einheitsbraun“ – bezeichnet, ist das in meinen Augen mindestens problematisch. Oder ist es einfach nur dumm? Wenn man den Niedergang dieser Partei begreifen will, genügt es, wie gesagt, dieser Frau zuzuhören.
Dabei hat sie – in der Sache – ja gar nicht so Unrecht. Ich bin vor 30 Jahren, als ich in Berlin ankam, nach Kreuzberg gezogen, um mich genau dieser kulturellen Vielfalt, für die dieser Stadtbezirk berühmt ist, auszusetzen. Wenn ich in einen dieser Bezirke gezogen wäre, in denen das Einheitsgrau des Ur-Berliner Spießertums herrscht (Bierbauch, Hertha-Schal um den Hals, warmes Pils in der Hand), ich hätte mir – metaphorisch gesprochen – die Kugel gegeben. Auch ich mag Vielfalt. Aber Vielfalt ist immer auch eine Frage der richtigen Mischung. Wenn es irgendwann (wie inzwischen in weiten Teilen Berlins) ausschließlich Shisha-Bars, Dönerläden und Barber-Shops gibt, ist das eben keine Vielfalt mehr.
Und doch hat Bärbel Bas recht. Die importierte Vielfalt ist ein kultureller Gewinn. Der Fußball-Nationalspieler Felix Nmecha zum Beispiel: Mutter Deutsche, Vater Nigerianer, in Hamburg und England aufgewachsen. Als das WM-Spiel der Deutschen gegen Curaçao abgepfiffen wurde, schnappte sich der evangelikale Christ ein paar Mitspieler – auch aus dem gegnerischen Team –, bildete mit ihnen einen Kreis und betete! Im ARD-Interview sagte er danach: „Im Spiel waren wir Gegner, und dann nach dem Spiel sind wir alle Christen und wir sind Brüder.“ Hoppla. Einem einheitsgrauen deutschen Spieler würde so etwas nie in den Sinn kommen. Es wäre ihm peinlich. Es lebe die Vielfalt.
Der Autor ist Journalist und Schriftsteller.
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