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Erweiterte Realität: Trickreiche Kunstführer

Wie reagieren Kunstbuchverlage auf Digitalisierung und KI? Welche Strategien verfolgen sie? Zur Leipziger Buchmesse hat die „Tagespost“ nachgefragt.
Die beliebte Mailänder Hochzeitskirche am Navigli-Kanal ist weniger bekannt als der Dom. Will man sie erkunden, ist man auf einen guten Kunstführer angewiesen.
Foto: Brinker | Die beliebte Mailänder Hochzeitskirche am Navigli-Kanal ist weniger bekannt als der Dom. Will man sie erkunden, ist man auf einen guten Kunstführer angewiesen.

„Wir haben vor ungefähr zehn Jahren E-Books bei uns im Verlag ausprobiert. Nur das hat nicht funktioniert. Unsere Bücher existieren von ihrer Haptik, dem Echtsein und wegen ihrer Größe. Digitale Bücher passen für uns nicht. Aber vielleicht Audio-Books, das müssten wir mal ausprobieren. Wenn dann die KI unsere Bücher vorliest, vielleicht auch neu schneidet als Podcast, das könnte funktionieren – zum Beispiel unsere Basic-Art-Serien. Das sind kleine, kurze Referenzbücher zu großen Künstlern“, sagt Geschäftsführerin Marlene Taschen.

Beim TASCHEN-Verlag verkaufen sich viele voluminöse Kunstbücher, die relativ zeitlos sind, auch unabhängig von Ausstellungen. „Es ist schwer vorstellbar, dass ein mehrere Kilo schwerer Band über ‚Star Wars‘ mit 600 Seiten als Hörbuch funktioniert. Das hört sich, glaube ich, dann keiner im Audio-Book an“, sagt Frau Taschen.

Wenn ein neues Buch über Rembrandt oder Frida Kahlo entsteht, nutzt man bei TASCHEN auch Künstliche Intelligenz „mehr und mehr, wenn wir visualisieren wollen, dann fragen wir einfach KI und lassen uns zeigen, wie das gedruckt aussehen kann“. Die älteste Tochter des Verlagsgründers Benedikt hat mit Blick auf die KI „keine großen Befürchtungen“, sondern sieht darin „eher eine unterstützende Maßnahme“ im Produktionsprozess.

„Ich glaube, dass durch ein E-Book oder durch einen schönen Audio-Guide eine Ausstellung unfassbar profitieren kann. Das macht das Museum Barberini in Potsdam immer wieder und aktuell mit seiner Einhorn-Ausstellung ganz toll vor“, sagt Pia Werner. Sie spricht für den Prestel Verlag und meint: „Generell wandelt sich die Katalogproduktion, weil nicht mehr jeder Museumsbesucher ein Buch nach dem Ausstellungsbesuch kauft“. Die Zeiten sind vorbei, als sich der „Bildungsbürger zu Hause den Katalog durcharbeitet und sich ihn dann prominent ins Regal stellt“.

Bei Prestel darf die KI nicht schreiben

Mit KI werden bei Prestel, laut Frau Werner, aktuell noch keine Inhalte generiert. Zudem ist Prestel schon länger kein reiner Kunstverlag mehr. Das bestätigt auch Frau Werner: „Wir hatten immer ein relativ diverses Programm mit Ausstellungskatalogen, Künstlermonografien, Architektur-, Reise- und Landschaftsführern. Mittlerweile haben wir unser Portfolio stark auf den Lifestyle hin geöffnet. Es erscheinen viele Bücher über Mode oder zum Kochen, aber immer mit einem Anspruch, eine tolle Welt zu vermitteln, dass man die Leser auf eine Reise mitnimmt. Dennoch werden wichtige Ausstellungen wie aktuell ‚Carl Schuch und Frankreich‘ im Städel in Frankfurt gerne von Prestel mit Katalogen begleitet.“

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Keine Angst vor den neuen Techniken hat auch Lothar Schirmer, der auf ein halbes Jahrhundert Verlagsgeschichte zurückblickt: „Das Kunstbuch oder das Bild, das immer von der Reproduktion lebt, wird bleiben. Solange die Bildschirme so lausig sind, wie sie sind.“ Wenn bei „Schirmer und Mosel“ die aktuellen Kunstkataloge zum Beispiel über Gerhard Richter in Paris oder Giacometti in Bremen aufgelegt werden, ist da schon KI im Hintergrund dabei? „Unser Medium ist auf der Herstellungsebene voll elektronisiert. Wir liefern keine Layouts mehr, wir liefern Datensätze an die Druckereien und davon wird gedruckt. Da ist die virtuelle Realität schon hundertprozentig“, erklärt der 80-jährige Verleger und Sammler Schirmer.

Kirchenführer mit Apps und QR-Codes

„Was gut mit KI funktioniert, sind Grafiken oder die Erstellung von Flyern mit Werbetexten oder Anpassungen bei unserer Homepage“, stellt Felix Weiland, Geschäftsführer von Schneller & Steiner, heraus. Sein Verlag wurde mit den „Kleinen Kunstführern“ zu Kirchen, Klöstern, Burgen und Schlössern bekannt, die noch immer ein wichtiges Standbein sind. „Hier haben wir mit KI eine App entwickelt, die eben Audioguide und E-Book in einem ist.“ Das Printgeschäft bricht ihm da nicht weg, wenn er sich selber mit digitalen Kunstführern Konkurrenz macht: „Es ist eine Ergänzung, denn wir übertragen nicht eins zu eins den Content unserer gedruckten Führer in die App, sondern es wird stark gekürzt, denn die Aufmerksamkeit am Smartphone ist eine andere.“ Weiland hat festgestellt, dass „das Publikum inzwischen lieber hört, als es liest“. Weniger Absatz hat der Verlag dadurch nicht, „im Gegenteil, manche Kunden wollen gar keinen gedruckten Führer mehr haben, sondern eher ein E-Book, weil es am Verkaufsstand in der Kirche nicht geklaut werden kann und extra Verkaufspersonal ist ebenso nicht notwendig“.

Die App ist kostenlos herunterladbar und „über sogenannte In-App-Käufe wird Content bei digitalen Guides gekauft“. Dieser kostet in der Regel 2,99 Euro, wohingegen man für die gedruckten Führer, die viele als Erinnerung mitnehmen, zwischen 3,50 bis 5 Euro zahlt. Besonders bei ausländischen Touristen sieht er wachsendes Interesse, die den QR-Code scannen und dann in ihrer Sprache Informationen zur Architektur und Kunstgeschichte in den Gotteshäusern oder Schlössern erhalten.

Cover-Aufkleber führen zu Video-Sequenzen

„Unser Pilotprojekt ist eine AR-App, was in dieser Form im Kunstbuch noch wenig vertreten ist“, sagt Kerstin Ludolph. Sie ist Verlegerin bei Hirmer, der im digitalen Bereich seinen Konkurrenten einige Schritte voraus zu sein scheint. Über die App kann via Handy ein Bild, das im Buch abgebildet ist, direkt in Bewegung gesetzt werden. „Das heißt, sie ist verlinkt zum gedruckten Buch, um es zu beleben und es spielerisch und immersiv zu nutzen, es aber nicht zu ersetzen.“ Das funktioniert besonders gut bei Videokunst. „Wir sprechen damit viel mehr Sinne an.“ Dann zeigt sie auf ein Buch über Otto Modersohn: „Wir haben hier eine Biografie herausgebracht, die Bilder im Buch direkt mit Ausschnitten aus einem Dokumentarfilm in Verbindung bringt – eine zweite Nutzungsebene.“

Bei Werkverzeichnissen, wie zum Beispiel bei Max Beckmann, können Ergänzungen digital vorgenommen werden: „Ein Werkverzeichnis hat eine jahrzehntelange Lebensdauer. Ist es einmal gedruckt, haben wir Aktualisierungsmöglichkeiten.“ Investitionen in die Erstellung von Apps mit virtueller Realität sind relativ kostspielig. Bei Hirmer will man damit eine breitere und vor allem junge Leserschaft erreichen. Kerstin Ludolph: „Kunstbücher für heute und morgen dürfen Spaß machen. Das haben wir uns auf die Fahnen geschrieben und digitale Elemente sowie KI sind für uns dabei ganz wichtig.“


Der Autor schreibt als Historiker über Kunst und Kultur.

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