Beziehung

Eine Foto-Ausstellung über „Liebe“ in unterschiedlichen Kulturen

„Love around the world“ heißt eine Fotoausstellung, die derzeit in Berlin zu sehen ist. Sie zeigt Menschen aus mehr als 30 Ländern, die jeweils auf ganz unterschiedliche Weise in Liebesbeziehungen leben – und doch vieles gemeinsam haben.
Berliner Fotoausstellung „Love around the world“
Foto: Oliver Gierens | Die Berliner Fotoausstellung „Love around the world“ zeigt die Vielfalt dessen auf, was Menschen als Liebe bezeichnen.

Es gibt nichts Schöneres, als geliebt zu werden.“ Wenn es einen Satz gibt, auf den sich alle Religionen, alle Kulturen und Weltanschauungen verständigen können, dann ist es vielleicht dieses Zitat des Schriftstellers Victor Hugo (1802–85). Die Liebe kennt keine Grenzen, keine Schranken. Sie ist erdumspannend. Und für alle großen Weltreligionen ist sie ein göttliches Prinzip.

„Deus caritas est – Gott ist die Liebe“, überschrieb Papst Benedikt XVI. im Jahr 2005 seine erste Enzyklika. So ist die Liebe gleichsam das Bindeglied zwischen Himmel und Erde. Wie vielfältig und weltumspannend die Liebe ist, zeigt eine Fotoausstellung, die derzeit in Berlin zu sehen ist. „Love around the world“ im Ausstellungszentrum „f3 – freiraum für fotografie“ am Kreuzberger Moritzplatz präsentiert unzählige Fotografien von Menschen, die sich lieben – und ihre Geschichten. Zwei nüchterne, schlichte Ausstellungsräume – und doch gibt es wohl derzeit kaum ein Gebäude in der Hauptstadt, das so sehr von Liebe erfüllt ist.

„Romantische Liebe erfordert Gegenseitigkeit,
wahre Liebe hingegen will nur geben“

Lesen Sie auch:

Wer sich die Fotos, die scheinbar wahllos aneinandergereiht sind, ein paar Minuten anschaut, der muss schnell feststellen: Hier hängt nicht immer der Himmel voller Geigen. Die Fotografen, selbst ein jung verheiratetes Ehepaar, erzählen keine Schnulzen a la Rosamunde Pilcher. Sie zeigen Formen von Liebe, die wir in unserem Kulturkreis nicht oder nicht mehr kennen, die wir heute sogar entschieden ablehnen: Polyamorie, bei der eine Person mehrere Partner liebt oder gar mit ihnen zugleich verheiratet ist, teils schon im Kindesalter arrangierte Ehen oder Beziehungen auf Zeit, bei der die Partner nach der Aufzucht der Kinder wieder getrennte Wege gehen. Und doch sind es Formen von Liebe, in denen Menschen nach eigener Aussage Glück und Erfüllung empfinden – vielleicht sogar, weil sie gerade nicht die Erwartung haben, ihr Leben lang Schmetterlinge im Bauch zu spüren.

Da sind zum Beispiel Yoni und Rivky, zwei orthodoxe chassidische Juden aus den USA. „Liebe ist eine moderne Erfindung der Medien und der Filmindustrie von Hollywood. Sie vermitteln dir, dass (…) Liebe alles ist, was du brauchst“, wird Yoni im Begleittext zitiert. „In unserer chassidischen Gemeinschaft heiraten wir nicht aus Liebe, sondern weil wir uns gegenseitig brauchen. Liebe kommt später. Ich brauche dich, ich brauche nicht etwas von dir.“ Ähnlich sehen es Sonia und Rohit: Die beiden Inder leben in der Tradition des Vaishnavismus, wo die Eheleute nur so lange zusammenbleiben, bis sie die Kinder aufgezogen haben. Dann trennen sie sich wieder, widmen sich ganz der Spiritualität. „Romantische Liebe erfordert Gegenseitigkeit, wahre Liebe hingegen will nur geben“, sagt Sonia im Interview mit den Fotografen. „Wahre Liebe ist Dienen.“ Ein Satz, der auch Christen nicht gänzlich fremd ist – man denke an Jesu Forderung nach der Feindesliebe, an die dienende, hingebende Liebe im Sinne von „caritas“.

130 Interviews, aus 30 Ländern von fünf Kontinenten

Ihre Entstehung verdankt diese Ausstellung natürlich der Liebe. Der kroatische Fotograf Davor Rostuhar machte der Liebe seines Lebens, Andela, auf einer Expedition in die Antarktis einen Heiratsantrag, heißt es im Begleittext zur Ausstellung. Gemeinsam beschloss das frisch gebackene Ehepaar, keine klassischen Flitterwochen zu verbringen, sondern stattdessen ein Jahr lang um die Welt zu reisen. Mitgebracht haben sie 130 Interviews, die sie auf fünf Kontinenten in 30 Ländern geführt haben. Neben unzähligen Fotos haben sie Paare vor laufender Kamera erzählen lassen, warum sie sich lieben und was Liebe für sie bedeutet. Menschen wie Don, der seiner Partnerin Sara oft untreu war. Erst, als sie ihn ziehen lassen wollte, erkannte er, dass er sie für immer verlieren würde.

Auch die Liebe von Debora und Alexander aus Brasilien wurde auf eine harte Probe gestellt. Bei einem ihrer ersten Dates hatte er einen schweren Unfall, verlor eines seiner Beine. Sie, gerade 14 Jahre alt, blieb bei ihm. Und Debora bekennt: „Wir verwirklichen unsere Träume... Wir sind Gewinner!“ Dass Liebe auch schwere Schicksalsschläge überdauert, zeigt auch das Beispiel von Amalia und Jorge aus Kolumbien. Seit über 50 Jahren sind die beiden verheiratet, doch seit über 15 Jahren verändert sich Amalias Persönlichkeit rasant. Sie leidet an einer schweren Form von Demenz, die unaufhaltsam voranschreitet. Doch für Jorge ist klar: „Meine Liebe zu ihr ist unverändert und unerschütterlich.“

Kulturen mit archaischen Bräuchen rund um Beziehungen zwischen Mann und Frau

Lesen Sie auch:

Doch es sind nicht nur Schicksalsschläge, die Liebesbeziehungen auf die Probe stellen. In vielen Kulturen stehen gesellschaftliche Konventionen mancher Beziehung im Weg. Marat und Bubukairy leben in Kirgisistan, wo es immer noch die Tradition der Brautentführung gibt, die allerdings immer mehr an Bedeutung verliert. Doch für das junge Paar wurde der alte Brauch zur Rettung. Zwei Jahre haben sie heimlich miteinander gelebt, als Marat erfuhr, dass seine Partnerin von ihren Eltern einem anderen Mann versprochen worden war. Es blieb ihm nichts anderes übrig, als Bubukairy zu entführen – doch es war eine einvernehmliche Entführung. Die beiden kamen erst wieder zurück, als ihre Eltern die Zustimmung zu der Beziehung gaben.

Schlimmer traf es Mahdu und Anil aus Indien: Ihre Ehe wurde einst von den Eltern arrangiert. Ein Liebespaar sind sie trotzdem. Und ihre Beziehung musste eine schwere Prüfung überstehen. Ein anderer Mann, der sich in Mahdu verliebt hatte, bekam einen furchtbaren Wutausbruch, als er von ihrer Beziehung mit Anil erfuhr, und verätzte ihr Gesicht mit Säure. Die Spuren dieser Attacke sind bis heute sichtbar, doch Anil steht zu ihr. „Es ist das Herz eines Menschen, das man liebt, nicht sein Gesicht“, bekennt er im Interview.

Zu Herzen gehende Bilder, verstörende Geschichten

Jedes Foto, das hier präsentiert wird, erzählt eine eigene Geschichte. Zum Beispiel vom Stamm der Matis am Amazonas, der vor ein paar Jahrzehnten vom Aussterben bedroht war und sich daher für die Polygamie, also die Ehe eines Mannes mit mehreren Frauen, entschieden hat, um den Fortbestand zu sichern. In einem abgelegenen Himalaya-Tal in Indien ist es umgekehrt – dort hat eine Frau traditionell mehrere Ehemänner. Die Ausstellung zeigt Paare, die streng nach religiösen Überzeugungen leben, andere wiederum, wie Nahid und Nazanin, ein lesbisches Paar aus dem Iran, werden durch das Mullah-Regime mit dem Tod bedroht. Einige Ehepaare widersetzen sich alten Traditionen, andere haben nur durch sie überhaupt zusammengefunden. Es sind rührende, zu Herzen gehende Geschichten ebenso wie verstörende Bilder, mit denen die Besucher konfrontiert werden. Manches ist in unserer westlichen Welt heute unvorstellbar, manches entspricht auch nicht den katholischen Überzeugungen von Liebe, Ehe und Sexualität.

Doch die „Gesellschaft für Humanistische Fotografie“, die hier mitten im Kreuzberger Kiez unweit des ehemaligen Mauerstreifens das Ausstellungszentrum f3 betreibt, will Fotografen fördern, die sich mit gesellschaftlich relevanten Themen auseinandersetzen. Und wer kann das bestreiten: Die Liebe ist überall auf unserem Planeten relevant. Ihre Formen sind so vielfältig, dass die Auseinandersetzung mit ihnen für die Besucher nur gewinnbringend sein kann. „Don't hurt me, that's love – Verletze mich nicht, das ist Liebe“, sagt der chassidische Jude Yoni im Begleitfilm. Was Menschen unter Liebe verstehen, mag sehr unterschiedlich sein, doch vielleicht ist das eine Formel, der alle gleichermaßen zustimmen können.


Die Ausstellung „Love around the world“ ist noch bis zum 20. Februar
im Ausstellungszentrum „f³  – freiraum für fotografie“ zu sehen
(Waldemarstraße 17, 10179 Berlin, am U-Bhf. Moritzplatz).

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Weitere Artikel
Der französische Kult-Autor Michel Houellebecq hat wieder „zugeschlagen“: Sein neuer 700-Seiten-Roman „Vernichten“ beschäftigt die Leser, die Feuilletons und die intellektuellen Communities ...
20.01.2022, 13  Uhr
Alexander Pschera
Liebeskummer als Weg zu Jesus. Liebe ist auch dann ein Weg, wenn sie scheinbar scheitert, denn sie kann ein Weg zu Gott sein. Die Geschichte der Heiligen Edith Stein berührt sehr persönlich.
01.01.2022, 13  Uhr
Natalia Bienkowski
Themen & Autoren
Oliver Gierens Deus caritas est Jesus Christus Juden Victor Hugo

Kirche

Religionsunterricht weiter gut besucht. Kirchensteuer wird kritisch gesehen. Für katholische Schulen wäre eine zweckgebundene Spende eine gute Alternative.
25.05.2022, 08 Uhr
Vorabmeldung
Der Liturgiewissenschaftler und Priester Winfried Haunerland sieht in der Taufspende durch Laien die sakramentale Grundgestalt der Kirche in Gefahr.
24.05.2022, 14 Uhr
Meldung
Warum meine Namenspatronin für mich zum Vorbild der Christusnachfolge geworden ist.
25.05.2022, 07 Uhr
Therese Dichgans
Nach 55 Jahren der Feindschaft und Trennung anerkennt Serbiens Orthodoxie die Autokephalie der mazedonischen „Kirche von Ohrid“.
24.05.2022, 19 Uhr
Meldung