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Wie Vierbeiner psychisch und psychosomatisch Erkrankten helfen

Wie Vierbeiner in Therapien von psychisch und psychosomatisch Erkrankten mit Erfolg eingesetzt werden.
Reittherapie
Foto: imago stock&people (imago stock&people) | Unter tiergestützte Therapie fällt auch die Reittherapie, die sich in Deutschland seit Ende der 1950er Jahre als neurophysiologische Behandlung auf speziell geschulten Pferden entwickelte.

Anton kann würfeln und zeigt überhaupt gerne, was er alles drauf hat. Dazu gehört apportieren und eine Decke in die Luft werfen, doch vor allem ist der braun-weiße Hund eine Verbindungsbrücke zu Menschen, an die man sonst nur schwer herankommt. "Mit ihm im Raum entwickelt sich sofort eine entspannte Atmosphäre: Die Menschen lachen ihn an, beginnen zu erzählen und setzen sich zu ihm zum Kuscheln", sagt Silvia Brings, eine gelernte Krankenschwester und seit 16 Jahren Therapiehundführerin.

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Wenn man mit ihr durch das moderne Gebäude der Oberberg Fachklinik geht, wird schnell deutlich, dass der temperamentvolle Australian Shepherd der heimliche Liebling hier ist - nicht nur bei den Patienten, sondern auch bei den Damen am Empfang. Anton ist ja auch nicht irgendwer. Als Therapiehund gehört er zum Behandlungsangebot der Privatklinik in Düsseldorf-Kaarst, die auf psychische und psychosomatische Erkrankungen wie etwa Depressionen, Angst- und Zwangsstörungen oder auch ADHS spezialisiert ist. Tiergestützte Therapie lautet der Fachterminus, wenn Anton in der Klinik an der Seite eines Therapeuten im Einsatz ist. Laut Silvia Brings bewährt sich der Hund besonders bei Patienten mit Psychosen. Diese Menschen leiden an Sinnestäuschungen, fühlen sich häufig bedroht und haben Angstzustände. Mit Worten seien diese Patienten nur schwer zu erreichen. Dagegen sei das Zusammensein mit dem Tier für sie eine Auszeit: "Der Film im Kopf stoppt, denn man kann nicht zweigleisig denken. Eine solche Unterbrechung ist ansonsten nur durch Medikamente möglich."

Tiere können Menschen heilen

Tiere können Menschen heilen. Das wussten schon die Mönche des Klosters York vor 200 Jahren, als sie empfahlen: "Den in der Seele und am Körper Beladenen hilft ein Gebet und ein Tier." In Bethel, der diakonischen Einrichtung für behinderte und kranke Menschen in Bielefeld, entstand im 19. Jahrhundert das Epileptiker-Zentrum, das Hunde, Katzen, Schafe und Ziegen hielt. Man setzte auf die heilenden Kräfte verschiedener Haus- und Nutztiere, was damals jedoch eine große Ausnahme war. 

Denn die sogenannte Pet Therapy wurde zuerst in angelsächsischen Staaten erprobt und angewandt. Die wissenschaftliche Erforschung des helfenden Einsatzes von Tieren begann ebenfalls dort. Doch die Praxis kam schneller voran als die Theorie. Noch heute ist in Psychologie und Zoologie kaum ein Thema so wenig erforscht wie die Symbiose zwischen Mensch und Heimtier.

Hierzulande hat das Interesse am therapeutischen oder pädagogischen Einsatz von Tieren vor allem in den vergangenen zehn Jahren stark zugenommen. Nicht nur in Kliniken, sondern auch in Altenheimen, Kindertagesstätten und in Schulen kommt den Vierbeinern immer öfter die Rolle des Co-Therapeuten zu. Studien belegen, dass alte und apathische Menschen in Pflegeheimen durch ein Stations-Tier wieder aktiv werden. In der Kinder-Psychiatrie können die jungen Patienten, die vorher auf keine andere Methode ansprachen, durch den Umgang mit Hund oder Katze empfänglich gemacht werden für klassische Therapien.

"Tiere kennen den geheimen Zugang zur Seele des Menschen", sagt Simone Kilian. Sie ist erste Vorsitzende des Vereins "Tiere helfen Menschen e.V.", der seinen Sitz in Rimpar hat, aber bundesweit agiert. Er wurde 1987 von einer Veterinärmedizinerin gegründet und war einer der ersten Organisationen, die den Einsatz von Tieren in Institutionen empfehlen und interessierte Menschen diesbezüglich über Konzepte und Methoden beraten. Gut 350 Vereinsmitglieder unterstützen die Tätigkeit der Ehrenamtlichen, die mit ihren Tieren kranke und behinderte Menschen besuchen.

Was lösen Tiere bei den Menschen aus?

Allerdings nennen sich solche Besuche schlicht "tiergestützte Intervention", wenn kein Therapeut dabei ist. Was die Besuche an Reaktionen auslösen, ist dennoch erstaunlich. Simone Kilian erzählt: "Mit meiner Gina, einem Chihuahua, habe ich einmal in einem Mehrfachbehindertenheim einen blinden und fast tauben Mann besucht. Er war zudem motorisch stark eingeschränkt   er hatte Bewegungsschwierigkeiten mit beiden Armen. Als wir zu ihm kamen, saß er auf einer Couch und ich setzte ihm Gina auf den Schoß. Er ertastete den Hund vorsichtig mit den Händen, denn anders konnte er sich keine Vorstellung von dem Tier machen. Als der Mann merkte, dass der Hund seiner Hand mit dem Leckerchen folgte, hat er es trotz seiner starken Bewegungseinschränkung geschafft, Gina über die Couch und hinter seinem Kopf um sich herumzuführen. Der Pfleger stand dabei und hatte Tränen in den Augen, was der kleine Hund vollbrachte: nämlich in dem behinderten Mann den Willen zu wecken, ihn zu leiten.

Mit Blick auf solche Erlebnisse spricht Simone Kilian von einer Triple-Win-Situation: Der Patient genieße sichtlich das Zusammensein mit dem Hund. Das Tier liebe es, Liebkosungen und Leckerchen von anderen Menschen zu bekommen, und sie selbst habe Freude am Enthusiasmus der Besuchten.
Was lösen Tiere bei den Menschen aus? Christian Lange-Asschenfeldt, Ärztlicher Direktor der Kaarster Oberberg Fachklinik, beschreibt es so: "Mit Tieren kommt man schon als Kind in Kontakt und insofern sind es ganz alte Anteile, die man in der tiergestützten Therapie freilegt. Dabei wird insbesondere auf der nonverbalen Ebene kommuniziert und es ist erstaunlich zu sehen, welche ungeheuren Fähigkeiten sich in dieser Art der Kommunikation entwickeln, die einem als Menschen entgehen." Seine Klinik hat zweimal wöchentlich nicht nur Hund Anton im Angebot, sondern kooperiert darüber hinaus mit einem Bauernhof im nahen Willich. Dorthin werden junge, meist suchtkranke Erwachsene per Bus gebracht und müssen tagsüber mitanpacken: Auf dem Hof füttern und pflegen sie Schweine, Esel und Alpakas, misten die Ställe aus und säubern sie, und helfen bei der Gartenarbeit.

Unter tiergestützte Therapie fällt auch die Reittherapie, die sich in Deutschland seit Ende der 1950er Jahre als neurophysiologische Behandlung auf speziell geschulten Pferden entwickelte. Bei dieser Therapieform waren die Deutschen buchstäblich Vorreiter, allerdings wird sie seit 2006 nicht mehr von den gesetzlichen Krankenkassen bezahlt - mit der Begründung, dass der therapeutische Nutzen nicht wissenschaftlich erwiesen sei.

Die bekannte Sportmoderatorin Monica Lierhaus, die sich aufgrund eines Aneurysmas 2009 einer Hirn-Operation unterzog, hat das therapeutische Reiten vor einigen Jahren für sich entdeckt und äußert sich begeistert: "Ich habe durch die Hirnblutungen eine Schädigung des Gleichgewichtssinnes, so dass ich ständig mit starken Muskelverspannungen und Schmerzen zu tun habe. Bei der Hippotherapie war ich sofort nach dem Aufsitzen unglaublicherweise stets komplett schmerzfrei, was für mich ein kleines Wunder und eine große Erleichterung war." Als ehemalige Reiterin hatte sie keine Berührungsängste bei den Pferden, die sie als sehr einfühlsam beschreibt: "Sie spüren, dass sie mit eingeschränkten Reitern zu tun haben, so dass sehr schnell eine Vertrauensbasis entsteht."

Immer wieder Kritik an der tiergestützten Therapie

Bei allen positiven Aspekten wird immer wieder auch Kritik an der tiergestützten Therapie laut. Zum einen hat ihr wachsender Erfolg einen regelrechten Boom ausgelöst, es gibt eine Vielzahl von Angeboten. Häufig sind die Anbieter aber nicht ausreichend qualifiziert - denn nach wie vor existieren keine einheitlichen Standards für die Ausbildung der Therapeuten. Ein Berufsverband ist in Deutschland gerade im Entstehen. 
Zum anderen bemängeln Tierschutzorganisationen, dass das Wohl der Tiere bei der humanen Therapiearbeit nicht ausreichend berücksichtigt werde. Vom Veterinäramt kommen strenge Vorgaben. "Anton darf zeitlich nur sehr begrenzt eingesetzt werden. Ich achte zudem darauf, dass die Bedürfnisse des Hundes immer vorgehen", sagt Silvia Brings. 

Für sie ist der Einsatz von Tieren für den Heilungsprozess bei Menschen jedoch ein wichtiger Faktor: "Die Tiere spüren so viel und sie spiegeln in ihrem Verhalten teilweise unerkannte Erkrankungen. Bei einigen psychischen Störungen merkt man schon an der ersten Reaktion des Hundes, dass etwas mit dem Menschen los ist, noch ehe überhaupt eine Diagnose gestellt wurde."

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Esther von Krosigk

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