Geniale Paare

Drachentöter Ritter Georg und Prinzessin Margarethe

Zur Nachahmung empfohlen: Der Drachentöter Ritter Georg und Prinzessin Margarethe zeigen, wie man mit dem nicht änderungswilligen Bösen umgeht.
Heiliger Georg
Foto: wikimedia / Parpan05 | Vorbildhafter Umgang mit dem absoluten Bösen: Der Heilige Georg - in einer Darstellung aus der romanischen Kirche in Avers-Cresta - tötet das Biest, das auch nicht durch gutes Zureden und Liebe zu ändern ist.

Dass man ohne Waffen Frieden schaffen könne, hatten viele Menschen geglaubt. Dann aber kam ein schrecklicher Drache, der mit seinem pestilenzialischen Hauch nicht nur die Umwelt zerstörte, Kornspeicher plünderte und Frauen missbrauchte. Dieser Unhold war nicht der kleine Drache Tabaluga. Er ließ sich auch nicht mit stählernen Helmen abwehren. Der Böse besetzte das Land, belagerte die Städte und forderte Blutzoll: Zuerst Tier-, dann Menschenopfer. Besonders dramatisch entwickelte sich die Lage vor der Stadt Silena. Schließlich sollte sogar die Königstochter Margarethe dem Unhold zum Fraß vorgeworfen werden.

Die Legenda aurea des Jacobus de Voragine (1228-1298) führt ihre Leser in diese ausweglose Situation und setzt damit den Ritter Georg ins rechte Licht. Er tötet den Drachen und befreit Margarethe. Bis zu den Georgspfadfindern reichte die Ausstrahlung des tugendhaften Nothelfers. Dennoch blieb die Frage: Hätte Georg den Konflikt nicht mit dem friedlichen Mittel der Drachenzähmung beilegen können? Franz von Assisi umarmte den Wolf, und der ließ es sich gefallen. Er war offensichtlich nur ein ins Räuberische abgeglittener Zeitgenosse. Ein wenig Empathie und sanfte Pädagogik setzten ihn wieder auf die Spur und führten zu seiner sozialen Integration.

„Unsere Kinder stehen wie fremde Besucher vor den Zeugnissen der christlichen Kultur.
Ein Grund zur Klage oder gar zum Kulturpessimismus ist dies keinesfalls.
Im Gegenteil! Die Mauern des Unwissens können von jeder Generation eingerissen werden“

Der Drache aber spielt in einer anderen Liga als die verhaltensauffälligen kleinen Wölfe und Wölfinnen, von denen unsere Schulen voll sind. Deshalb sollten Lehrkräfte sie nicht verteufeln. Die alte Schlange weiß, dass sie wenig Zeit hat und will daher die Welt in den Abgrund reißen. Als Drachenkämpfer steht Georg in der Nachfolge Jesu und des Engels Michael. Sein Gegner ist der gefallene Engel. Das erklärt auch die Ohnmacht der Städter. Sie machen die Erfahrung, dass kein Opfer und kein Entgegenkommen den Vernichtungswillen des Teufels aufhalten kann, sondern allein die Gnade. Die Hilfe kommt unverhofft und fällt gleichsam vom Himmel. An schwer erziehbare Zeitgenossen hat sich die moderne Gesellschaft gewöhnt. Der Drache aber ist ein absoluter Grenzfall der Integration, eine echte mission impossible.

Worauf es im Umgang mit Drachen entscheidend ankommt, wird bei der Lektüre meistens übersehen. Im Märchen hätte der Held den Drachen erschlagen, die Prinzessin befreit und geheiratet. Die Legende aber dient der religiösen Unterweisung. Was nützte es Margarethe, wenn Georg diesen Drachen erschlüge? Bald würden neue Unholde kommen. Also beginnt der Heilige eine Drachenpädagogik und bildet Margarethe zur Drachenbezwingerin aus. „Wirf dem Drachen unverzüglich deinen Gürtel um den Hals!“, befiehlt er. Wie ein zahmer Hund folgt ihr die Bestie in die Stadt. Hier hält Georg eine Predigt. Die Menschen lassen sich taufen und erbauten eine Kirche. Das einmalige Ereignis der Überwindung des Teufels wird in den Kult überführt. Erst nach dieser Festigung des Glaubens tötet Georg den Drachen und zieht seiner Wege.

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Margarethes Rolle ist essentiell

Margarethe, auch Gretchen genannt, steht in einer langen Reihe der Drachenkämpfer. In der Kerkerszene von Goethes „Faust“ wird sie den Teufel besiegen. Ihr Name bedeutet „Perle“. Sie ist ein Symbol der Reinheit wie der Tugendgürtel, mit dem sie den Drachen an die Leine nimmt. Ohne Margarethe wäre Georg nur ein starker Held, wie ihn die griechischen Mythen und Hollywood kennen. Niemand hat ihren Anteil an der Bezwingung des Unholdes bewegender zum Ausdruck gebracht, als der Frauenversteher Rainer Maria Rilke: „Zuseiten seines Streites stand, wie Türme stehen, ihr Gebet.“

Die kirchliche Gattung der Legende zielt immer auf Gemeindebildung. Nur wenn zwei oder drei in Christi Namen zusammenkommen, entstehen geniale Paare. Das gilt auch für den Schweizer Drachenbezwinger Beatus. Er lebte mit einem Gefährten in einer Höhle oberhalb des Thuner Sees und unterwies hier mit Blick auf den später von Ferdinand Hodler gemalten Berg Niesen die Heiden im christlichen Glauben. Beatus („der Glückliche“) ist wie Georg ein repräsentativer Charakter.

Im Geschichtlichen verliert man die Absicht der Legenden

Deshalb spielt die Frage seiner Geschichtlichkeit keine Rolle. Vielleicht war er der frühe Missionar, den Petrus aus Rom in die Bergwelt des Nordens schickte. Vielleicht gehörte er zu den Gefährten des Kolumban, die von Irland aus den Kontinent missionierten. Wer sich hier im Geschichtlichen verliert, verfehlt die didaktische Absicht aller Legenden: Beatus oder Beate kann jeder Mensch werden, der sich den widergöttlichen Mächten aus der Kraft des Glaubens entgegenstellt.

Die Beatushöhlen liegen in der Zentralschweiz, die neben Kopenhagen, Paris, Wien und Schloss Neuschwanstein zu den wichtigsten Zielen der Reisenden aus jenen Ländern gehören, in denen einst die Perlentaucherei betrieben wurde. Oben am Berg bezeugt eine Gedenkplatte in lateinischer Sprache: „Hier hat, wie man überliefert, der Körper des Beatus gelegen, welcher der erste Apostel dieses Landes gewesen ist. Ihn hielten später zahlreiche Volksstämme der Schweizer, die hierhin strömten, in großer Verehrung. Bis heute blieb er in frommer Erinnerung der Einwohner.“

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Beliebtes Wallfahrtsziel: die Beatus-Höhlen

Beatus und sein Gefährte Achates hatten einen Drachen aus den Höhlen vertrieben und die Gegend erfolgreich missioniert. „Machen – tun!“, lautete seine ungeschriebene Homiletik. Mission ist, wenn Mission geschieht. Wie Petrus und Andreas leben auch diese Menschenfischer vom Fischfang. Eine kleine Kapelle am Steilhang gehörte neben dem Kloster Einsiedeln zu den beliebtesten Wallfahrtsorten der Eidgenossen. Die Reformatoren ließen sie im Jahr 1528 abreißen und den Höhleneingang zumauern.

So wurde Beatus zu einer „frommen Erinnerung“, die noch heute in der Namensgebung („Beat“) fortlebt. Das kleine Museum gibt Einblicke in die Höhlenforschung und zeigt in einem Aquarium jene merkwürdigen blinden Fische und Grottenolme, die in der ewigen Nacht der unterirdischen Seen leben. Der Grottenolm steht nicht auf dem Plan der Besucher aus Asien und Arabien. Drachen gelten in China als Glückssymbole. Wir leben im Zeitalter der Durchmischung der Kulturen.

Zeitgeist versperrt den Zugang zum geistlichen Erbe

Doch was nimmt der Fremde in der Fremde wahr? Zuweilen richtet sich der Blick vom Display in die Höhe auf jenen äußersten Punkt der Weltwahrnehmung, wo das I-phone, von der rechten Hand gehalten, Bilder aus der europäischen Ferne vom eigenen Ich in die Heimat sendet. Über dem Eingang der Höhle schwebt ein Flugsaurier aus der Kreidezeit. Die ist einige Millionen Jahre her. Besiegte Beatus also keinen Drachen, sondern einen Kurzschwanzflugsaurier (Pterodactyloidea)?

Heute versperrt der Zeitgeist in der Kirche vielerorts den Zugang zum geistlichen Erbe der Legenden wie einst reformatorischer Unverstand die Beatushöhlen. Unsere Kinder stehen wie fremde Besucher vor den Zeugnissen der christlichen Kultur. Ein Grund zur Klage oder gar zum Kulturpessimismus ist dies keinesfalls. Im Gegenteil! Die Mauern des Unwissens können von jeder Generation eingerissen werden. Der Weg ins Geheimnis ist jederzeit möglich. Er ist auch eine erzieherische Aufgabe. Was die Kirche in unseren Tagen braucht, ist Margarethes Mut zum Kampf gegen den Drachen Zeitgeist. Wir brauchen neue geniale Paare, die mutig das Kreuz bezeugen und den Drachen an die Leine legen.

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