HAYERS HORIZONTE

Die Verrohten und der „Verbaldreck“

Gewalt hat viele Ursachen – eine davon ist die Sprache. Vor allem politische Repräsentanten und Journalisten können daran arbeiten.
"Warnung vor dem Munde" Twitter-Schild
Foto: Christian Ohde via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Dass wir einen derartigen Sittenverfall im Hinblick auf die Würde unserer Mitmenschen erleben, liegt in einer politischen Rhetorik der Enthemmung begründet.

Auch wenn die Statistiken etwas anderes sagen: die Gewalt in der Gesellschaft nimmt zu. Nicht pauschal in der Anzahl der Delikte, dafür in der empfundenen Drastik. Denn wann hat es das schon in größerem Ausmaß gegeben: Attacken auf Rettungskräfte. Dass nicht erst seit dem G7-Treffen in Hamburg immer wieder Ausschreitungen gegen Polizeibeamte zu verzeichnen waren, konnte man sich ja zumindest noch irgendwie als diffuse und problematische Aufstände gegen ,den Staat‘ erklären. Aber brutale Taten gegen Menschen, die einzig und allein helfen wollen? Viel Küchenpsychologie wurde nun seit der Silvesternacht in sämtlichen TV-Formaten betrieben.

Lesen Sie auch:

Jugendliche Revoluzzer mit Mördern und Entführern vergleichen

Noch am ehesten konnte man die Klagen über altbekannte Defizite – also zu wenig Sozialarbeit oder falsche Städtebaupolitik – nachvollziehen. Als man dann beim „Presseclub“ auf die gewaltverherrlichenden PC-Spiele oder gar die Clan-Kriminalität zu sprechen kam und damit unverblümt 90er-Jahre-Konzepte aus den staubigen Schubladen geholt wurden, nahm die Diskussion jedoch fast lächerliche Züge an. Sicherlich muss die Frage erlaubt sein, wo soziologisch und kulturell die kaum noch zu überbietenden Gewaltexzesse herrühren. Allerdings gibt es nicht für jedes Phänomen sofort eine schlaue gesamtgesellschaftliche Herleitung. Wer harte Gegenstände auf einen Rettungswagen wirft, hat das Recht verwirkt, in seiner Lage verstanden werden zu dürfen. Solch ein Benehmen ist schlicht böse, niederträchtig und dumm.

Doch jenes – zumeist männliche – Wutablassen auf den Straßen hat längst kein Alleinstellungsmerkmal mehr. Erst recht nicht bei der Ursachensuche für die zunehmende Verrohung. Sie zeigt sich nicht nur auf offenen Plätzen und wird genauso wenig nur physisch ausgeübt. Dass wir einen derartigen Sittenverfall im Hinblick auf die Würde unserer Mitmenschen erleben, liegt schon viel früher in einer politischen Rhetorik der Enthemmung begründet. An der traurigen Spitze stehen AfD-Phrasen von „Messerstechern“, aber auch darunter trifft man auf viel „Verbaldreck“, der mittlerweile ungefiltert über zahlreiche Kanäle – von „Twitter“ bis hin zu Qualitätsmedien – in unser Bewusstsein hineinsickert.

Als neustes, zum Unwort des Jahres gekürtes Beispiel erweist sich der Begriff der „Klimaterroristen“, mitunter geprägt vom CSU-Abgeordneten Dobrindt, der nicht davor zurückschreckte, die Asphaltkleber mit RAF-Tätern zu assoziieren. Die rebellischen Aktionen der „Letzten Generation“ zu verurteilen, weil sie in Teilen völlig am Anliegen Klimaschutz vorbeigehen, ist absolut legitim. Aber die jugendlichen Revoluzzer mit Mördern und Entführer zu vergleichen? Wo bleibt da der gesunde Menschenverstand? Im Ringen um Reichweite und Aufmerksamkeit scheinen einigen Repräsentanten alle verbalen Mittel gut und recht zu sein. Vergessen wird von ihnen dabei, dass sie eigentlich einmal eine Vorbildfunktion hatten. Doch wenn derlei verbale Entgleisungen schon die Orientierung für Heranwachsende sein sollen, dann dürfen wir uns nicht wundern, dass auch das Gesamtklima rauer wird. Für Gewalt lassen sich weder einfache Gründe noch angemessene Entschuldigungen identifizieren. Aber einen Anfang hat sie zweifelsohne in der Sprache. Sie zu ändern, wäre daher eine erste und ziemlich günstige Maßnahme.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Björn Hayer

Weitere Artikel

Eine gesellschaftliche Kommunikation, die den Anderen und den Skurrilen nicht mehr sein lassen kann, ist eine Unkultur gefährlich unkommunikativer Wiedergänger.
10.11.2022, 17 Uhr
Peter Winnemöller

Kirche

Katholiken und Orthodoxe seien „gemeinsam zum gleichen Ziel unterwegs“, sagt der Grazer Bischof Krautwaschl.
02.02.2023, 19 Uhr
Stephan Baier
Menschenrechte gegen Katechismus: Eine Podiumsdiskussion über die Sexualmoral des Synodalen Weges fördert erneut weltanschauliche Gräben zutage.
02.02.2023, 13 Uhr
Anna Diouf
Bei zwei Begegnungen spricht sich der Papst für den Frieden und die Bekämpfung der Armut im Kongo aus. Hass und Gewalt seien niemals zu rechtfertigen, sagte er.
01.02.2023, 21 Uhr
José García
Man erhoffe sich von der Führung im Südsudan ein erneutes Bekenntnis zum Frieden und Bemühungen, das Friedensabkommen umzusetzen, so der Vatikanvertreter bei der UNO.
01.02.2023, 16 Uhr
Meldung