HAYERS HORIZONTE

Die Theater sollten mehr Überraschungen wagen!

Diesmal ist nicht allein das Virus schuld – die halbleeren Theatersäle sind auch Resultat eines ermüdenden Diskurstheaters.
Mailänder Scala
Foto: Bernd von Jutrczenka (dpa) | Große Gala. Doch treffen heutige Regisseure noch den Nerv der Zuschauer, wenn sie e gesellschaftspolitisch gehypte Themen durchdeklinieren?

Man stelle sich vor, Theater öffneten ihre Türen und kaum jemand ginge hin. Was nach einem absurden Gedankenspiel klingt, wurde in der vergangenen Spielzeit leider an vielen Bühnenstätten Realität. Auf die Frage nach den Ursachen für die spärlich besetzten Säle antworteten viele – natürlich: Corona. Aber was kam danach? Was folgte auf die zumindest im Frühjahr und Sommer in der Bevölkerung nachlassenden Sorgen? Leider kaum eine Veränderung der Lage. 
Und nun beginnt die neue Spielzeit und viele Intendanten und Intendantinnen hoffen auf die Schubumkehr. Nicht zuletzt auch, weil die Einnahmenseite zahlreicher Häuser keine rosigen Aussichten zulässt. Reduziertes Programm im Angesicht einer weiteren Pandemiewelle, steigende Energie- und Lohnkosten– all dies muss finanziert werden.

„Mehr Überraschungen, mehr Alterität und mehr
Mut zur Berührung braucht das deutsche Theater!“

Doch um die Ränge zu füllen, bedarf es einer tiefer gehenden Diagnose als nur des schnell erhobenen Zeigefingers auf das Virus. Was wahrscheinlich so mancher Theatermacher ungern hört, ist die Tatsache, dass einige Probleme hausgemacht und mit der inhaltlichen Entwicklung der Spielpläne und Dramen der vergangenen Dekade zusammenhängen dürften. Denn immer seltener wird man Inszenierungen mit emotionaler Wucht gewahr! Aufführungen, die einen dichten Erfahrungsraum statt eine Montage von Diskursmanövern über Sexismus, Rassismus oder Phänomene wie das Blackfacing bieten!

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Zuletzt hatte vor allem Christopher Rüping mit seiner herausragenden Premiere „Das neue Leben“ (Schauspiel Bochum) ein solches Ereignis geschaffen. Es handelte sich um eine mit modernen Songs und schauspielerischer Energie arrangierte Variation des frühen Dante-Textes „Vita nova“, in dem der florentinische Dichter von den frühen Erfahrungen seiner unglücklichen Liebe zu Beatrice erzählt. Allein die prägnante, zweimal neun Minuten umfassende Leuchtinstallation als Bild für den Gang des Autors durch das Jenseits erweist sich als so kluger wie noch lange nachwirkender Einfall. Verhandelt werden in diesem Stück also kein tagespolitisches Kleinklein, sondern existenzielle Überlegungen zu Transzendenz, Hoffnung, Alter, Tod und allen voran die Liebe.

Die Kulturszene bewegt sich teilweise in selbstzirkulären Blasen

Ja, die Erfahrung eines Theaterkritikers mag immer nur auf einem Ausschnitt dessen, was man sieht und bewertet, basieren. Und ja, Allgemeinurteile entstehen stets zwischen breiten Rändern. Dennoch: zu viele Inszenierungen drehen sich aktuell um die immergleichen öffentlichen Debatten. Insbesondere Identitätspolitik und toxische Männlichkeit bilden die Gassenhauer vieler Regisseure und Autoren, die außerhalb einer partiell selbstzirkulären Blasen kaum jemand mehr hören kann (zumal ohnehin ein beträchtlicher Anteil des Theaterpublikums unlängst auf der Höhe eben dieser einschlägigen Diskurse ist und sich angesichts des Dargebotenen höchstens noch an der Selbstbestätigung eigener Ansichten erfreuen kann).

Aber dadurch hält man das Publikum nicht bei der Stange und gewinnt ebenso wenig ein neues. Ergo: Mehr Überraschungen, mehr Alterität und mehr Mut zur Berührung braucht das deutsche Theater! Weniger Abkapselung in Diskursräumen und mehr Wille zur Nähe, zu einem Spiel, das Verstand und Herz der ZuschauerInnen gewinnt. Dann füllen sich bestimmt auch wieder die Säle.

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