Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Analyse

Die russische Seele auf der Couch 

„Russian Psycho“: Weil das Land ein Identitätsproblem hat, gedeihen Krieg und Korruption.
ulturland Russland: Eine Szene der diesjährigen Inszenierung „Stray Dog“ (Streunender Hund) von Lera Surkowa am Jermolowa-Theater in Moskau. Inhalt ist ein nostalgisch-melancholisches Porträt der letzten, unbeschwerten Jahre der Petersburger Bohème vor dem Ersten Weltkrieg und der Revolution.
Foto: IMAGO/Alexey Nikolskiy (www.imago-images.de) | ulturland Russland: Eine Szene der diesjährigen Inszenierung „Stray Dog“ (Streunender Hund) von Lera Surkowa am Jermolowa-Theater in Moskau.

Nationalromantik ist feine Moskauer Haute Couture. Man beschwört die Tiefe der russischen Seele, die Heiligkeit Russlands. Diese trendige Romantik verträgt sich jedoch schlecht mit den unvorstellbar brutalen Verbrechen, die die russische Armee in der Ukraine nicht erst seit Februar 2022 begeht. Sie verträgt sich auch schlecht mit der russischen Realität. Die russische Elite bereichert sich seit Jahrzehnten schamlos, während die Provinzen verelenden. Gouverneure und Politiker, die das Regime kritisieren, werden abgesetzt, vergiftet oder fallen aus dem Fenster. Der Ukrainekrieg, der als dreitägige „Spezialoperation“ angekündigt wurde und inzwischen in sein fünftes Jahr geht, bleibt weit hinter den hochgesteckten Zielen zurück, weil die russische Armee schlecht ausgebildet und ausgerüstet, miserabel geführt ist und vor allem nicht weiß, wofür ihre Soldaten verheizt werden. Umso lauter muss die Propaganda des Kremls von ukrainischen Faschisten, woken westlichen Russlandfeinden sprechen, die Russland vernichten wollten, und vor allem von der alles überragenden Größe und Stärke Russlands. 

Diese krassen Gegensätze offenbaren eine tiefe nationale Identitätskrise, die sich in der Herabwürdigung der anderen, der Ukraine und des Westens, aber auch in der Vernichtung dessen zeigt, was die Ukraine an nationalen Werten geschaffen hat – die es nach offizieller russischer Propaganda jedoch gar nicht geben dürfte. Die russische Armee beschoss Mitte Juni mit Raketen die Kathedrale über dem Kiewer Höhlenkloster, der Kiewer Lawra, einem der größten Heiligtümer der orthodoxen Christenheit. 

Kiew als Wiege der Rus 

Seit Februar 2022 hat Russland mindestens 630 Kirchen, Kapellen und andere kirchliche Einrichtungen beschädigt oder zerstört. Die Ukraine, abfällig „Kleinrussland“ genannt, soll kulturell und historisch weit unterlegen sein. Kiew als Hauptstadt der mittelalterlichen Kiewer Rus, des ersten ostslawischen Staatswesens, gab es allerdings lange, bevor von „Russland“ erstmals die Rede war. Aus dem zunächst Moskauer Staat genannten Reich wurde erst nach 1674 „Russland“, das „Land der Rus“. Damals erschien ausgerechnet in Kiew ein Geschichtswerk, das erstmals die Idee vom Moskauer Staat als Erben der alten Rus ausführlich entwickelte. 

Der zweite Stachel im Fleisch einer unsicheren russischen Identität war und ist die Rivalität zum Westen, der heute wieder – wie schon im 19. Jahrhundert – als dekadent, religionslos, satanisch und sittenlos gilt. Russische Soldaten mussten allerdings nach dem Sieg über Napoleon und im zerstörten Berlin 1945 erstaunt feststellen, dass die Menschen dort wesentlich besser lebten als in Russland. Pjotr Tschaadajew hatte Russland bereits 1829 in seinem „Brief über die Geschichtsphilosophie“ eine eigene Geschichte und jeden positiven Beitrag zur Menschheitsgeschichte abgesprochen. Die Slawophilen, etwa Aleksej Chomjakow, reagierten darauf mit einer Apologie der mystischen Tiefe der Orthodoxie gegen die ihrer Ansicht nach verweltlichte, rationalistische Theologie der Westkirche, was Kritik an Staat und Kirche Russlands durchaus einschloss. 

Lesen Sie auch:

Gegen Ende des 19. Jahrhunderts war die Slawophilie jedoch weitgehend im russischen Nationalismus und Panslawismus aufgegangen und zu einer Ideologie erstarrt, die Staat und Kirche extrem idealisierte. Das willig ertragene Leiden in der Nachfolge Christi habe Russland einen natürlichen Vorrang unter den Völkern verschafft. Das Narrativ von der Größe Russlands ebenso wie jenes vom erwählten und zum Leiden berufenen russischen Volk war ein Mythos, der die eklatante Ungerechtigkeit im Zarenreich schönreden sollte. 

Modernisierung aus Europa 

So sah es unter vielen anderen russischen Intellektuellen Lew Tolstoi. Tolstoi kannte Europa ebenso wie Dostojewski, der jedoch die traurige russische Realität durch die angebliche Schönheit und Tiefe der russischen Seele zu kompensieren versuchte. Gerade dadurch wurde er zur ideologischen Leitfigur im Russland Putins – im Gegensatz zum Gesellschafts- und Kirchenkritiker Tolstoi. Peter der Große ist im Russland Putins zwar als Kriegsherr populär, der 1709 die Schweden und die als Verräter gebrandmarkten Ukrainer bei Poltawa besiegte. Weniger populär ist heute, dass Peter sich das Rüstzeug für die Modernisierung Russlands aus Westeuropa und der Ukraine holte. An Westeuropa orientierten sich auch Ukrainer wie der Dichter Taras Schewtschenko oder der Historiker Mychajlo Hruschewskyj, die für eine eigene, von Russland unterschiedene ukrainische Kultur und Geschichte eintraten. 

Der sonst so feinfühlige russische Dichter und Dissident Joseph Brodsky schrieb 1992 eine poetische Tirade gegen die Unabhängigkeit der Ukraine, die im Gegensatz Puschkin gegen Schewtschenko gipfelt. Die Ukrainer seien ein Volk, das das große, kulturell weit überlegene Russland schon immer verraten habe: „Auf dem Totenbett werdet ihr röcheln, an den Rand der Matratze gekrallt, die Verse von Alexander und nicht das Geschwätz von Taras.“ Da Russland groß und unbesiegbar sei, wie auch Putins Propaganda behauptet, könne der Untergang der Sowjetunion nichts mit der eigenen Rückständigkeit oder der Niederlage im Rüstungswettlauf mit dem Westen zu tun haben, sondern nur mit finsteren Verschwörungen. 

Hochkonjunktur haben in Putins Russland daher auch die wahnhaften Theorien russischer Exilnationalisten aus der Zeit nach der Oktoberrevolution wie Iwan Iljin, der etwa die Gewalt im Kampf gegen das Böse zum christlichen Prinzip erklärte. Das Ende der blutigen Illusionen der Sowjetzeit versuchte Putin durch eine paradoxe Großerzählung der ruhmreichen russischen Geschichte und Identität zu kompensieren. Sie zwang zusammen und glorifizierte, worauf kaum eine andere Nation der Welt im 21. Jahrhundert stolz wäre: die Herrschaft der Zaren – deren überwiegend deutsche, nicht russische Herkunft den Stolz russischer Nationalisten verletzt –, den fürchterlichen Bürgerkrieg zwischen Weißen und Roten nach 1917, den Stalinismus und die Sowjetdiktatur. All diese historischen Ereignisse zeugen nicht von Größe, sondern von der Unterdrückung, Erniedrigung und Ermordung von Millionen Russen, Ukrainern und Angehörigen vieler anderer Ethnien und Nationen. 

Ideelles Vakuum 

Das Hauptproblem, das Russland seit mehr als zwanzig Jahren belastet, ist der Umstand, dass die russische Identität mit einer gewaltsamen Herrschaft über viele nicht russische Ethnien wie die indigenen Völker Sibiriens oder die Kaukasusvölker identifiziert wird. Die Frage, was die russische Identität ausmacht, wenn diese Herrschaft wegfällt, wird nicht gestellt – aus Angst vor dem ideellen Vakuum, das dann unweigerlich über die Russen hereinbrechen würde. 

Lesen Sie auch:

Die triste gesellschaftliche Realität Russlands wurde von Putin und seinen Strategen mit einer unhistorischen, konstruierten Patchwork-Ideologie übertüncht, die so lange leidlich trug, wie sich Putin als Garant der Stabilität inszenieren konnte. Die wirtschaftliche und intellektuelle Stagnation Russlands, die diese Inszenierung und das hysterische Kriegsgeschrei der Propaganda immer weniger verdecken können, zeigt sich seit Längerem in der Abwanderung der jungen Generation und in der wachsenden Brutalisierung der russischen Gesellschaft. Das Ukraine-Desaster hat die russische Gesellschaft längst in ein identitäres Loch gestürzt. 

Interessanterweise verhält es sich mit Serbien, dem ewigen Verbündeten Russlands, ähnlich. Serbien klammert sich trotzig an das vergangene Großserbien, dessen Wiege im Kosovo gelegen haben soll, und behauptet bis heute, Serbien sei ohne den seit 2008 unabhängigen Kosovo nicht denkbar. Moskau führt Krieg gegen die Ukraine, weil es nach großrussischer Logik eine von Russland getrennte Ukraine nicht geben könne. Es wird Zeit, dass nicht nur Russland eine Identität entwickelt, die ohne falsche, kompensatorische Geschichtsbilder auskommt – mit teilweise genozidalen Zügen. Das Russland der Kultur und der Werte wartet auf die Entscheidung für eine universale, völkerverbindende Humanität – gegen überlebte Geschichtsbilder und ihre verhängnisvollen Folgen. 


Der Autor ist Slavist und Osteuropa-Historiker und bereitet ein Buch über den Ukrainekrieg und die Neuerfindung Europas vor. 

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Marc Stegherr Jesus Christus Lew Nikolajewitsch Tolstoi Napoleon Peter der Große Satan Wladimir Wladimirowitsch Putin

Weitere Artikel

Auserwählt und stets von Feinden umgeben: Der Historiker Oliver Jens Schmitt zeigt rote Fäden im russischen Selbst- und Staatsverständnis quer durch die Jahrhunderte.
21.02.2026, 17 Uhr
Stephan Baier
Seit Trumps Verhandlungen sieht sich Putin auf der Siegerseite. Dass es in Deutschland viel Verständnis für die russische Position gibt, hat mit romantischen Vorstellungen zu tun.
21.03.2025, 17 Uhr
Marc Stegherr
Der Historiker Jörg Baberowski analysiert das russische Zarenreich und legt den Fokus dabei auf die Phänomene von Macht und Herrschaft.
21.09.2025, 11 Uhr
Dirk Weisbrod

Kirche

Spaniens Episkopat dankt der „Roten Furie“: Die Weltmeister liefern Steilvorlage für die Verkündigung.
21.07.2026, 15 Uhr
Regina Einig
Die Kunst der lässigen Beschäftigung ist gar nicht so einfach zu erlernen. Ausgewogenheit ist wichtig.
21.07.2026, 07 Uhr
Jonathan Prorok
Bei ihnen fand auch der spätere Papst Johannes Paul II. eine geistliche Heimat. Die neuen Seligen aus den Reihen der Salesianer Don Boscos.
21.07.2026, 05 Uhr
Claudia Kock
Konferenz in Castel Gandolfo: Nobelpreisträger, Politiker und Religionsvertreter machen sich für internationale Regeln für KI stark und betonen die Verantwortung des Menschen.
17.07.2026, 14 Uhr
Meldung