Geniale Paare

Die Erotik des Himmels berührt viele Frauen

„Die Zeit ist böse, und du bist von schöner Gestalt“: Die Löwenfreunde Thekla und Paulus
Heilige Thekla befreit Este von der Pest
Foto: IN | Thekla befreit Este von der Pest in einer Darstellung des Künstlers Giovanni Tiepolo.

Im Jahr 2014 stürmten salafistische Terroristen den Ort Maalula in Syrien. Den männlichen Einwohnern setzten sie das Messer an die Kehle und forderten sie auf, ihrem christlichen Glauben abzuschwören. Zwölf Nonnen des Thekla-Klosters wurden entführt. Durch diesen traurigen Anlass stand der Name der heiligen Thekla weltweit in den Nachrichten.

Ihr Leben führt in eine Ursprungssituation des Christentums, als sich der Glaube in  Anfeindung und Anfechtung zu reiner Gestalt ausprägte. Das waren Zeiten der Bewährung und eine Prägephase der Christenheit, in der Überlebensmuster entwickelt wurden. Thekla war eine Gefährtin des Paulus und lebte im ersten Jahrhundert der christlichen Zeitrechnung. Über ihre gemeinsamen Missionsreisen berichten die „Taten des Paulus und der Thekla“. Wilhelm Schneemelcher (1914-2003) hat sie in seiner Neubearbeitung der deutschen Übersetzung der Neutestamentlichen Apokryphen ediert.

„Wer sich heute in Deutschland zur katholischen und apostolischen Kirche bekennt, befindet sich rasch auf einem Kreuzweg. Die Apostasie wird durch Angleichung an den Zeitgeist eingefordert“

Thekla begegnete dem kleinen kahlköpfigen Mann mit den krummen Beinen, den zusammengewachsenen Augenbrauen und der großen Nase bei seiner Mission in Ikonium. Sie saß im Fenster des Hauses ihrer Mutter Theoklia und hörte dem freundlichen Prediger genau zu. Thekla sah, wie er im Laufe seiner Ausführungen vom Geist ergriffen wurde und sich sein Gesicht in das Antlitz eines Engels zu wandeln schien. Wer Gottesfurcht habe, der werde ein Engel Gottes, sagte Paulus. Nicht erst nach dem Tod, sondern schon jetzt. Doch müsse er der Welt entsagen.

Nun war Thekla auf Wunsch ihrer Mutter bereits mit Thamyris verlobt und somit in jenes Beziehungsgeflecht verstrickt, aus dem die Konflikte vieler Glaubenszeugen der Frühzeit erwuchsen. Theoklia beobachtet an ihrer Tochter eine „nie gekannte Begierde und unheimliche Leidenschaft“. Andere junge Frauen spürten auch die Erotik des Himmels. Da konnte der Widerstand der männlichen Jugend nicht ausbleiben. Mit Knüppeln in der Hand ziehen sie zum Haus des Onesiphorus, wo Paulus wohnt, und schreien: „Weg mit dem Zauberer! Denn er hat uns alle unsere Frauen verdorben!“

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Die Mutter fordert den Tod ihrer eigenen Tochter

Pubertäre Konflikte spalten oftmals die Familie. Das galt einst auch in der Welt religiöser Entscheidungen. Theklas Mutter fordert sogar den Tod ihrer Tochter: „Verbrenne die Gesetzlose, verbrenne die Unglücksbraut mitten im Theater!“ In der Arena beginnen nun spektakuläre Szenen. An den berichteten Wundern schieden sich die Geister, weshalb „Taten des Paulus und der Thekla“ nicht in die Bibel aufgenommen wurden. Ihrer Beliebtheit hat dies keinen Abbruch getan. Thekla besteigt einen Scheiterhaufen und breitet ihre Arme aus, sodass ihr Leib die Gestalt des Kreuzes bildet. Der Mob tobt. Feuer wird gelegt. Doch wird Thekla kein Opfer der Flammen wie später Jeanne d'Arc.

Eine Wolke voll Regen und Hagel überschwemmt das Theater und löscht die Flammen. So gerettet, begleitet Thekla den Missionar. Ihrer Bitte nach Spendung des Sakraments der Taufe entspricht er nicht, warnt sie aber vor weiteren Nachstellungen der Männer: „Die Zeit ist böse, und du bist von schöner Gestalt.“ Tatsächlich beginnt sogleich ein neuer Konflikt zwischen männlichem Besitzstreben und weiblicher Emanzipation durch religiöse Bindung: Der Syrer Alexander begehrt Thekla. Als er übergriffig wird, weiß sie sich zu wehren und zerreißt sein Gewand vor aller Öffentlichkeit.

Löwen, die sich wie Schmusekätzchen verhalten 

Thekla wird zum Kampf gegen wilde Tiere in der Arena verurteilt („Damnatio ad bestias“). Doch die Löwin leckt ihr wie ein treues Hündchen die Füße.  Thekla führt keine Zirkusnummer auf. Die Arena ist nicht Las Vegas. Hier wird wirklich gestorben. Eines fernen Tages, so glaubten die alten Propheten, werde der Löwe zum Vegetarier. Dieser messianische Tag leuchtet zwischen den wunderlichen Berichten aus der Arena durch. Wer dieses Hintergrundgeschehen nicht wahrnimmt, kann nur den Kopf schütteln. Der Christ aber bezeugt: Wer die Natur der Raubtiere erschaffen hat, kann sie auch verwandeln.

Die Geschichte der Thekla führt zur Unterscheidung der Geister. Wieder kommt sie in die Arena. Wieder stürmt eine Löwin auf sie zu und legt sich ihr zu Füßen wie später dem heiligen Hieronymos. Dann aber kommen weitere Bestien und verbeißen sich wie Molosser ineinander. Thekla bereitet sich auf ihren Tod vor. In der Arena befindet sich ein Wasserbecken mit bissigen Robben. Hier will sie im Martyrium die Nottaufe suchen: „Im Namen Jesu Christi taufe ich mich am letzten Tage.“ Ein Blitz tötet die gefährlichen Robben. Die Welt des frühen Christentums ist voller Wunder. Das kann nicht anders sein, denn im Wunder setzt sich die Kraft der Propheten und die Sendung des Heilands fort.

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Die Ereignisse bekehren die Mutter

Wunder sind jederzeit möglich. Damals wie heute. Aber nicht jede Heilige hat die Schinderstätte überlebt. Deshalb bewundern wir mit gebeugtem Haupt das Glaubenszeugnis in aussichtslos erscheinender Lage. Edith Stein und Maximilian Kolbe haben es abgelegt. Dieser Glaube ist unverfügbar. Ein Wunder. Die Frauen in der Arena stimmen die später berühmt gewordene Akklamation „Heis Theos“ an: „Einer ist Gott, der Thekla gerettet hat.“ Selbst die bösartige Mutter wird bekehrt und söhnt sich mit ihrer Tochter aus.

Und Paulus? Er war vor dem Martyrium der Thekla bereits nach Myra gereist. Als sich Thekla von den Strapazen erholt hatte, folgte sie ihm nach. Ihre selbst vollzogene Nottaufe wird von Paulus anerkannt. Dann setzt er sie als Lehrerin ein: „Gehe hin und lehre das Wort Gottes!“ Nachdem sie viele durch das Wort Gottes erleuchtet hatte, entschlief sie eines sanftes Todes. Die apokryphen Schriften wurden seit den Siebziger Jahren auch von feministischen Theologinnen wie Luise Schottroff (1934-2015) oder Elisabeth Schüssler Fiorenza (*1938) zitiert. Die „Annahme einer emanzipatorischen Frauenbewegung in der Kirche des 2. Jahrhunderts“, so warnte bereits Wilhelm Schneemelcher, gehöre zu den „modernen Phantasiegebilden, für die es keine Quellenbasis gibt“.

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Thekla kämpft gegen den Ungeist der Zeit

Der Kampf, den Thekla gegen den Ungeist der Zeit führt, kann nicht aus eigener Kraft gewonnen werden. Das wird durch die Wunder hinreichend behauptet. Ohne Gottes Hilfe ist die Kirche und der Einzelne in ihr verloren. Die ehemalige Mitarbeiterin des Paulus wirkt noch immer vom Himmel aus und kann die Geschicke der Welt beeinflussen. Deshalb setzen bald nach ihrem Tod Pilgerreisen zu ihrer Grablege ein. Zahlreiche Wunder sind bezeugt. Frauen wie Marana, Kyra und Domnina suchten Stärkung an Theklas Grab, bevor sie sich als Einsiedlerinnen aus der Welt zurückzogen.

Wundersam ist auch das weitere Leben des Paulus gewesen. Die Legende bezeugt sogar die Taufe eines Löwen. Als Paulus wieder einmal zum Kampf gegen die Bestien verurteilt worden war, trat in der Arena ein Löwe auf ihn zu. Paulus versichert sich: „Löwe, warst du der, den ich getauft habe?“ Der Löwe antwortete: „Ja!“ Löwe und Missionar solidarisieren sich, denn beide sind Gefangene in Christus. Die Geschichte ist rührig wie viele apokryphe Erzählungen aus der Kindheit Jesu. Da formt der Heiland Vögel aus Ton, klatscht in die Hände und schon fliegen sie davon. Gewiss, wir erkennen hier ein Symbol der Auferstehung. Wir wissen auch, dass die ganze Schöpfung unter den Folgen des Sündenfalls leidet und sich nach Erlösung sehnt (Römer 8, 22). Doch gehören Wunder dieser Art ins Märchen.

Es gibt auch unblutige Martyrien

Die Geschichte der Verfolgung und Ermordung von bekennenden Christen beginnt mit der Steinigung des Stephanus. Das Blut der Märtyrer bezeugt einen unbeugsamen Glauben. Er wird nicht jedem geschenkt. Deshalb verehrt die Kirche die Blutzeugen als Ausnahmeerscheinungen. Doch auch ohne Blutvergießen gibt es Martyrien. Sie sind geistiger Art und erschüttern bis ins Mark.

Wer sich heute in Deutschland zur katholischen und apostolischen Kirche bekennt, befindet sich rasch auf einem Kreuzweg. Die Apostasie wird durch Angleichung an den Zeitgeist eingefordert. Doch keine Klage und keine Trauer. Im Gegenteil! Der Weizen muss gesiebt werden. Wir sind in eine Zeit des Siebens eingetreten. In ihr wird die Substanz wieder sichtbar. Das ist Theklas Botschaft.

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