Die Elben und das Evangelium

J.R.R. Tolkien holte den Norden wieder zurück ins Abendland. Von Michael K. Hageböck
"Der Herr der Ringe"
Foto: dpa | Elijah Woods als Hobbit Frodo in der Verfilmung von Tolkiens Klassiker „Der Herr der Ringe“, der mehrfach zum wichtigsten Roman des 20. Jahrhunderts gewählt wurde.

Sein Denken war vom bedeutendsten englischen Theologen seit der Reformation geprägt; unter seinem Einfluss wandelte sich ein Atheist zum bedeutendsten Apologet der jüngeren Zeit; sein Hauptwerk gilt als bedeutendste Prosa des 20. Jahrhunderts: John Ronald Reuel Tolkien ist ein Autor von außergewöhnlichem Format. „Der Herr der Ringe“ wurde mehrfach zum wichtigsten Roman des 20. Jahrhunderts gewählt; kein Buch wurde binnen der letzten Dekaden im Westen mehr verkauft; die Verfilmung seiner Erzählungen spielten fast sechs Milliarden Dollar ein.

Bemerkenswert bei Tolkien ist nicht nur die Beliebtheit, sondern dass ein Autor, der seine Erzählungen mit Drachen und Zwergen ausgestaltete, für sich und sein Werk in Anspruch nahm, „fromm“ und „katholisch“ zu sein. Obwohl er von Hippies populär gemacht wurde, bezeichnete er sich selbst als „reaktionär“, verteidigte Franco und schrieb kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs: „Deutschlands Vernichtung, und wäre sie 100fach verdient, ist eine der entsetzlichsten Weltkatastrophen.“ Ein Autor voller Gegensätze?

1892 in Südafrika geboren, wuchs Tolkien unter der Vormundschaft Pater Francis Morgans in Birmingham auf, der dort mit dem seligen Kardinal John Henry Newman ein Oratorium errichtet hatte. Tolkiens Mutter war gestorben, weil ihr die Verwandtschaft nach der Konversion zur katholischen Kirche das Geld für eine medizinische Versorgung verweigert hatte. Der Schriftsteller hielt sie deswegen für eine Märtyrerin. Ihre letzten Wochen hatte Mabel Tolkien im Ferienhaus des Oratoriums verbracht, auf dessen Grundstück sich auch das Grab des 14 Jahre zuvor verstorbenen Kardinals befand. Tolkien besuchte die von Newman gegründete Saint Phillips School, betete regelmäßig dessen Andachten und kannte seine Schriften.

Mit Newman vermochte Tolkien das Heidentum in einer umfassenden, also katholischen Perspektive einzuordnen: Gott „redet mitten in den Zauberformeln Balaams, weckt Samuels Geist in der Höhle der Hexe, lässt die Zunge der Sibylle vom Messias künden, zwingt Python seine Diener anzuerkennen und tauft durch die Hand des Ungläubigen. Er ist mit dem heidnischen Dramatiker, der sich gegen Ungerechtigkeit wendet. Sein Schatten ruht selbst auf den unschicklichen Legenden volkstümlicher Mythologie und wird noch erkannt in Ode und Epos. Alles Gute, alles Wahre, alles Schöne, alles Wohltuende, ob groß oder klein, ob vollkommen oder Stückwerk, natürlich so gut wie übernatürlich, geistig so gut wie materiell, alles kommt von ihm.“ Diese Wertschätzung von Kultur, ihre Kontinuität auch im Angesicht der göttlichen Offenbarung, ist eine Kernaussage von Tolkiens Essay „Über Märchen“ (1939): „Das Evangelium hat die Legenden nicht abgeschafft, es hat sie geheiligt.“ Mit Synkretismus hat dies nichts zu tun; Tolkien war ebenso wie Newman vom universellen Anspruch des mystischen Leibes Christi überzeugt: „Die römisch-katholische Kirche ist die eine, einzige Stimme Gottes, der eine, einzige Weg zum Heil.“ Als Professor in Oxford stand Tolkien mit dieser Auffassung allein auf weiter Flur.

1925 nahm er seine Lehrtätigkeit auf – gleichzeitig mit einem Kollegen, der später ein enger Freund werden sollte. Während der katholische Tolkien einen sprachwissenschaftlichen Lehrstuhl am Pembroke College bekleidete, wurde der Hegelianer C.S. Lewis als literaturwissenschaftlicher Tutor am Magdalen College angestellt. In seiner Autobiografie gesteht Lewis, dass die Begegnung den Zusammenbruch zweier Vorurteile markierte: „Als ich auf die Welt kam, war ich implizit gewarnt worden, nie einem Papisten zu trauen; und als ich in die Englische Fakultät kam, explizit, nie einem Philologen zu trauen. Tolkien war beides.“

Während eines nächtlichen Spaziergangs mit J.R.R. Tolkien im September 1931 ließ sich C.S. Lewis vom christlichen Glaubens überzeugen. Die zwei Männer teilten die Begeisterung für alte Mythen und moderne Science-Fiction; stundenlang diskutierten sie über theologische Themen und brachten sich die Erträge ihrer Schreibarbeit zu Gehör.

„Der Herr der Ringe“ (1954/55) ist neben dem „Hobbit“ (1937) der hinlänglich bekannte Teil des Tolkien-Universums, welches durch seine Andeutungen auf Vorgeschichten und Referenzen zur wirklichen Welt fasziniert. Angeregt von den Sprachen und Erzählungen Nordeuropas entwarf Tolkien eine fiktive Prähistorie, in der das Heidentum nicht nur in eine natürliche Theologie eingebettet ist, sondern in einer durch die Elben überlieferten Uroffenbarung gründet und zeichenhaft die Fülle der Zeiten in Christus präfiguriert.

„Das Silmarillion“ (1977) erzählt die Geschicke der Welt von ihrer Kosmogenese (Ainulindalë) bis zur letzten aller Schlachten (Dagor Dagorath). Während der Ursprung an den biblischen Schöpfungsbericht erinnert, kommt das Ende dem germanischen Ragnarök nahe, was der Logik der Binnenperspektive geschuldet ist. Unterstützt von den engelhaften Valar befinden sich die Elben im dauernden Kampf mit den Mächten der Finsternis, deren ganzes Sinnen darauf gerichtet ist, das Licht von Mittelerde zu schwächen. Nachdem Melkor die zwei vom Allvater (Eru Ilúvatar) entfachten Lampen zerstört, glimmt deren Glanz in den Paradiesesbäumen Laurelin und Telperion weiter. Das Motiv des „splintered light“, wie sich Tolkien in seinem Gedicht „Mythopoeia“ (1931) ausdrückt, ist eine Metapher für die gebrochene Schöpfung. Selbst die Sonne, so erklärt der Schriftsteller in seinen „Briefen“ (1981), sei bei ihm kein göttliches Symbol, vielmehr wird „die Welt unter der Sonne zum Ausdruck für eine gefallene Welt und eine gestörte, unvollkommene Sichtweise“.

Tolkiens vorchristlicher Äon beheimatet Helden ohne Hoffnung, deren Lage er in „Beowulf: Die Ungeheuer und ihre Kritiker“ (1936) beschreibt: „Unglück ist verheißen; Niederlage das Thema.“ Während der Autor den Mut der Heiden rühmt, die vergeblich wider die Bestien (und damit die Feinde Gottes) kämpfen, stellt er der pessimistischen Anthropologie seiner Beowulf-Interpretation (welche ihm die Folie zum Verständnis der Sagen lieferte) das optimistische Konzept der Eukatastrophe entgegen (welche für ihn ein Aufblitzen der Frohbotschaft im Märchen ist). Beide Entwürfe verhalten sich zueinander komplementär, denn sie stellen die Welt als gefallen und zugleich als erlöst dar. Bevor die Mächte der Finsternis im „Silmarillion“ die beiden Paradiesesbäume vernichten, fasst ein Elb deren Schimmer in drei Edelsteine. Melkor bemächtigt sich dieser Silmaril, jedoch vermag Beren einen Stein dem Zugriff des Teufels entreißen und Eärendil lässt ihn als Morgenstern am Himmelszelt aufleuchten.

In Eärendil laufen sämtliche Genealogien des „Silmarillion“ zusammen: Einerseits entstammt er den drei Häusern der Menschen, von denen „Die Kinder Hurins“ (2007) erzählen; andererseits ist er Nachkomme des ersten Hochkönigs der Elben; seine Frau ist ein Enkel von „Beren und Luthien“ (2017); sein Sohn Elrond ist Herr von Bruchtal.

Eärendil ist (ebenso wie andere Namen des Legendariums) frühmittelalterlichen Texten entlehnt. Von „Éarendel“ hatte Tolkien im „Christ A“ von Cynewulf gelesen, einer angelsächsischen Evangelien-Nachdichtung des 9. Jahrhundert, welche die O-Antiphonen paraphrasiert, jene liturgischen Sehnsuchtsrufe an den letzten Tagen vor Weihnachten. Bei Cynewulf beginnt der Text zum 21. Dezember mit: „Éala Éarendel, engla beorhtast, ofer middangeard monnum sended.“ (O Edelglanz, der Engel strahlendster, nach Mittelerde den Menschen gesendet.)

„Éarendel" übersetzt das lateinische „Oriens“ (Morgenstern); gleichzeitig bezeichnet er einen altgermanischen Helden, dessen eingefrorener Zeh von Thor ans Firmament geheftet wurde. Indem Cynewulf die O-Antiphonen notgedrungen mit Worten aus heidnischem Kontext übertrug, lud er die angelsächsische Sprache mit christlichem Sinngehalt auf, was sich auch an Begriffen wie „middangeard“ (Mittelerde/midgardr – orbis terrarum) oder „deapes sceadu“ (Schatten des Todes – umbra mortis) zeigen lässt.

Germanische, keltische und finnische Legenden, ihre theologische Durchdringung und ihre philologische Reflexion sind die Fäden, aus denen Tolkien seine Mythopoeisis spinnt. Bei den Gebrüdern Grimm war er auf die Fragestellung gestoßen, was der Unterschied zwischen Zwergen, Alben und Elfen sei? Was sind Licht- und Dunkelelben? Eine Erklärung dazu liefert „Das Silmarillion“, in dem sich die Elbenvölker durch ihr Verhältnis zum Licht der Paradiesesbäume definieren, denn die Zerwürfnisse der verschiedenen Sippen bestimmen die Entwicklung ihrer Sprachen.

Parallel zur Etymologie elbischer Linguistik liefert das Legendarium eine Stammtafel der Bäume. Wie nach Kirchenväterlehre alles Holz des Alten Testaments ein Hinweis auf das Kreuz Christi ist, so wird die Hoffnung auf Erlösung bei Tolkien durch Bäume angezeigt. Am Ende des „Herrn der Ringe“ pflanzen Gandalf und Aragorn den Weißen Baum von Minas Tirith, dem letzten Sprössling jenes Baumes, der in Minas Anor von Isildur gesetzt wurde, der wiederum in langer Linie von Nimloth auf der Insel Akallabeth und Galathilion (einem Abbild Telperions) abstammt.

„Akallabeth“, die Heimat von Aragorns Vorfahren, gab einer bemerkenswerten Episode des „Silmarillion“ ihren Namen. Der letzte König dieser Insel wollte das paradiesische Valinor stürmen, worauf die bis dato flache Erde sich zur Kugel verbog, so dass seither alle Wege krumm sind. Tolkien thematisiert die Sünde, den Tod und die Gebundenheit der Elben an eine Welt, die verdorben ist. Ihre Langlebigkeit wird ihnen zum Fluch, während den Menschen der Tod eine Gabe ist, die gefallene Erde hinter sich zu lassen, wie wir es auch in „De bono mortis“ beim Kirchenlehrer Ambrosius lesen. Tolkien verrät im Dialog „Athrabeth Finrod ah Andreth“, dass Menschen seines Legendariums die Hoffnung hegen, vom Allvater, der einst selbst Mensch wird, erlöst zu werden.

Bei seinem großen Wurf, die Geschichte Mittelerdes über mehrere Zeitalter aufzuzeichnen, verlor sich der Autor im Detail. Allegorisch veranschaulichte er dieses Dilemma in „Blatt von Tüftler“ (1945), wo ein Maler sich so sehr bei der Ausgestaltung einzelner Blätter aufhält, dass er den Baum als zusammenhängendes Ganzes nie vollendet. Einen Eindruck, wie umfänglich das Vorhaben des Schriftstellers angelegt war, vermitteln die posthum edierten zwölf Bände der „History of Middle-earth“ (1983–1996). In John Ronald Reuels wissenschaftlichen Abhandlungen und Übersetzungen, seiner selbstständigen Prosa und Lyrik, insbesondere aber im Legendarium dreht sich alles um das katholische Verständnis vorchristlicher Überlieferung. Zuletzt erschienen Gedichte über „Sigurd und Gudrun“ (2009), „König Artur“ und „Kullervo“ (beide 2015) sowie Tolkiens Beowulf-Übersetzung (2014). „The Lay of Aotrou and Itroun“ (2016) handelt von einem unfruchtbaren Paar aus der Bretagne, welches sich ihren Kinderwunsch mithilfe eines Kräuterweibs erfüllt. Als Preis für ihre Künste fordert sie Aotrous Liebe, worauf sein ritterliches Ehrenwort zugunsten der christlichen Ehemoral bricht. Er bleibt seiner Frau treu und wählt damit den Tod.

J.R.R. Tolkien ermutigte seine Kinder, den Kanon der Heiligen Messe auswendig zu lernen und täglich die Eucharistie zu empfangen; er arbeitete an der Jerusalemer Bibel mit und übersetzte ein mittelalterliches Handbuch für Einsiedlerinnen (Ancrene Wisse, 1962); bis ins hohe Alter diente er als Ministrant und sein ältester Sohn wurde Priester; gegenüber C.S. Lewis verteidigte er die universelle Gültigkeit der christlichen Moral, wie beispielsweise die Unauflöslichkeit der Ehe; er übersetzte das „sub tuum praesidium“ sowie vier weitere Gebete ins Elbische und fertigte ein Gedicht über den Heiligen Brendan an. Tolkien brannte so sehr für den Glauben, dass er nicht nur sein Leben, sondern auch sein Werk aus dieser Perspektive gestaltete.

Wie der selige Kardinal Newman litt er darunter, dass die Germanen der Kirche durch den Protestantismus entrissen und ihre Sagen durch den Nationalsozialismus missbraucht wurden. „Alles ist die Folge von Luther und des Abfalls der teutonischen Völker“, hatte Newman bemerkt.

Tolkien ging es um die Rekatholisierung des nordeuropäischen Raums, weswegen „Der Herr der Ringe“ seines Erachtens „mit der Wiederherstellung eines Heiligen Römischen Reiches mit dem Sitz in Rom viel mehr Ähnlichkeit hat als mit irgend etwas, das sich ein ,nordischer' Autor ausgedacht haben könnte.“ Von der abendländischen Kultureinheit hatte er bei seinem Freund Christopher Dawson und in „Vergil, Vater des Abendlandes“ bei Theodor Haecker gelesen. Was die „Aeneis" oder die „Divina Comoedia“ für den mediterranen Raum bedeuten, dies ist Tolkiens Legendarium für die Siedlungsgebiete nördlich der Alpen: Die Heiligung des geistigen Erbes seiner Heimat.

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