Der Dom zum Anfassen prangt in sattem Rot, Petrol und Gold und heißt schlicht „Souvenir“: Ottmar Hörls 2019 aus Kunststoff gegossene, kleinformatige Modelle der Regensburger Bischofskirche stimmen den Besucher am Eingang der Regensburger Museumskirche St. Ulrich auf eine unkonventionelle künstlerische Auseinandersetzung mit Bayerns bedeutendstem gotischen Sakralbau ein. Gezeigt werden Werke aus dem 20. und 21. Jahrhundert, die weniger über den Dom und seine Baugeschichte verraten als über die blühende Fantasie und subjektive Wahrnehmung der Künstler. Darunter sind Auftragsarbeiten von vier Vertretern der Generation U40.
Leicht und spielerisch präsentieren sich die Exponate. Wer Niederschwelliges erwartet, wird hier fündig. Sage und Geschichte verschmelzen zu einem Potpourri. Marion Abates aus dem holzartigen Material econitWood geschaffene Plastik „Zwischen Himmel und Erde“ lässt das Regensburger Bruckmandl etwas unsicher auf den Spitzen der Domtürme sitzen. Die Sagengestalt stellt der Überlieferung nach den Baumeister der Steinernen Brücke dar, der von seinem Beobachterposten auf dem höchsten Punkt der Brücke den Baufortschritt des mittelalterlichen Domes in Augenschein nimmt. Tania Riebels „Communio“ sieht das Hauptschiff als Ort, an dem sich der Mensch und ein Fabelwesen mit haarigem Fischschwanz verbinden.
Ein Hauch von Chartres
Klassischer ist Andre Maiers Acrylbild „Dom unter den Wolken“ in mediterranen Terrakottatönen. Licht und Farben dominieren viele Domdarstellungen; auch hier schwelgen die Künstler in Fantasie. Denn Fotos und Zeitzeugenberichte dokumentieren keinen Farbrausch an der Donau: Bis in die 1980er-Jahre des 20. Jahrhunderts hinein wirkte die Regensburger Altstadt eher blassgrau und sanierungsbedürftig. Erst die Restauratoren tauchten sie nach und nach in die Pastelltöne, die Besucher heute verzaubern.
Walter Zacharias Mitte der 1950er-Jahre entstandenes Ölgemälde „Nonnen auf einem Boot auf der Donau vor Regensburg“ erinnert hingegen an eine Italienreklame der Wirtschaftswunderjahre. Munter rudert eine Ordensfrau im großen Schleier einen Kahn mit vier Kindern durch die azurblaue Donau an sizilianisch anmutenden Häuserfassaden vorbei. Ein Hauch von Chartres liegt über der Ausstellung: Rupert D. Preißls Aquarell und Sieger Köders Siebdruck „Rosen von Chartres“ veranschaulichen, warum der Regensburger Dom als die französischste aller gotischen Kathedralen nördlich der Alpen gilt, auch wenn ihr das Markenzeichen jener Epoche, die Fensterrosette, fehlt.
Geglückte Interpretation der Heiligen Schrift
Dem katechetischen Wert des Gotteshauses an der Donau tut das keinen Abbruch. Doris Ranftl hat die Verkündigungsszene im Hauptschiff des Domes in goldgelb strahlendem Licht eingefangen. Der Engel und die Jungfrau sind auf zwei getrennten Leinwänden zu sehen, die ausgestreckten Hände symbolisieren die Offenheit Marias für die Botschaft Gabriels. Das biblische Geschehen erleuchtet den Raum, nicht die Fenster. Eine geglückte Interpretation der Heiligen Schrift, zwingt doch der Regensburger Dom den Besucher aufgrund seiner selbst für eine gotische Kathedrale bemerkenswerten Dunkelheit dazu, genau hinzuschauen.
Dem im Nachkriegsdeutschland seltenen Glücksfall, in Regensburg wie in Chartres noch alle Originalbuntglasfenster in einer gotischen Kathedrale sehen zu können, tragen Hermann Ellers Ölgemälde „Hochchor“ und Gerhard Prechtls Momentaufnahme kerzentragender Ministranten Rechnung. Letztere fängt die Stimmung im rötlichbraunen Halbdunkel vor den Altarstufen besonders authentisch ein.
Zufluchtsort gegen Ängste, Hoffnungslosigkeit und Narzissmus
Dass keine Domspatzendarstellung unter den Exponaten zu entdecken ist, wird durch die Qualität des Katalogs ausgeglichen. Ein Erfahrungsbericht des Regensburger Domvikars Werner Schrüfer und ein Interview mit der vormaligen Kölner Dombaumeisterin Barbara Schock-Werner vermitteln überzeugend das Ziel französischer Kathedralgotik: dem Besucher den Standort menschlicher Existenz vor Augen führen – „mit den Füßen im Schlamm, mit dem Kopf in den Sternen“ beschrieb die Schriftstellerin Else Lasker-Schüler diese Erfahrung.
Die Kathedrale bietet als moderne Arche Noah einen Zufluchtsort gegen Ängste, Hoffnungslosigkeit und Narzissmus. Angesichts der unbeschreiblichen Größe Gottes relativieren sich die vergänglichen Übel der Zeit. Franz Braunmillers Fotografie „Orient“ lässt den Blick des Betrachters von den Kathedraltürmen aus über die Dächer und Kirchturmspitzen ringsum gleiten. Wie ein riesiges Schiff vor dem Ablegen wirkt der Dom. Hier, so die Botschaft der Ausstellung, kann jeder beruhigt einschiffen und seine Lebensreise fortsetzen.
Bis 16. August in der Museumskirche S. Ulrich, Montag bis Sonntag, 11 bis 17 Uhr, freitags bis 20 Uhr, Eintritt frei.
Vom 21. September bis 12. Oktober ist die Ausstellung im Donaueinkaufszentrum, Ebene 2 zu sehen.
Der Katalog „faszination kathedrale“ ist bei Schnell&Steiner erschienen. Mit einem Vorwort von Bischof Rudolf Voderholzer, broschiert, 96 Seiten, EUR 15,–
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