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Die absolute Feindschaft scheint zurück zu sein

Die Utopie vom ökonomischen Konkurrenten und ethischen Diskurspartner hat nicht gehalten. Putin zeigt, dass "der Feind" wiederkehren kann.
Ukraine-Krieg - Tschernihiw
Foto: Evgeniy Maloletka (AP) | Die zugeschriebene Verkommenheit „des Feindes“ lässt keine Differenzierung zwischen Kombattanten und Zivilisten mehr zu und führt zum totalen Krieg, der nur noch verbrannte Erde hinterlässt, völlige Zerstörung.

Das, was das Völkerrecht, die klassische Politik, aber auch die großen Philosophen der Moderne unter Krieg verstanden haben, gibt es nicht mehr. Im Rückblick wird klar, dass der Krieg, der noch seinem neuzeitlichen Begriff entsprochen hat, ein bewundernswertes Artefakt europäischer Rationalität war. Ihr verdankte die Geschichte der modernen Staaten eine extrem unwahrscheinliche Errungenschaft: die humane „Hegung“ des Krieges.

„Die Geschichte des modernen Krieges ist insofern eine der Rebarbarisierung – die Feindschaft ist absolut geworden“

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Der Krieg wurde nur noch von rational organisierten, berechenbaren Staaten geführt. Die juristische Verstaatlichung des Kriegsbegriffs und die damit verknüpfte Nationalisierung der Feindschaft ermöglichten den „gehegten Krieg“ und die „dosierte Feindschaft“. Heute dagegen ist es einer der am schwersten zu fassenden Gedanken, dass es einen humanen Begriff der Feindschaft geben könnte.

Solange man klar zwischen Krieg und Frieden, Freund und Feind unterscheiden konnte, war die Welt noch in Ordnung. Der Feind war kein Verbrecher, sondern als gerecht anerkannt; und der Krieg war begrenzt, „gehegt“ wie man eben sagte. Der Spielcharakter der Kabinettskriege markiert hier einen Extremwert. Es gab noch Nicht-Kombattanten. Die Feindschaft blieb konventionell. Nicht der Krieg war gerecht, sondern der Feind.

Die Moralisierung macht aus dem Feind einen Verbrecher

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Sobald aber die juristische Regelung durch Moralisierung ersetzt wurde, erschien der Feind als Verbrecher und stand außerhalb des Gesetzes. Nicht der Feind war dann gerecht, sondern der Krieg. Nach dem Zeitalter der hegenden Rahmung des Krieges kam jetzt die Dekonstruktion des Rahmens, die keine klaren Unterscheidungen mehr zulässt. Die Geschichte des modernen Krieges ist insofern eine der Rebarbarisierung – die Feindschaft ist absolut geworden.

Die Waffen der Weltkriege waren Vernichtungswaffen, und daraus folgte logisch, dass man sie gar nicht gegen als gerecht anerkannte Feinde einsetzen konnte, sondern nur gegen Unmenschen. Wo Bombenteppiche ausgerollt werden, verliert die Unterscheidung von Kämpfern und Nichtkämpfern ihren Sinn. Man bekommt den Feind gar nicht mehr zu Gesicht. Um es mit dem Soziologen Niklas Luhmann zu sagen: Kriege sind heute nicht mehr „letzte Entscheidungsverfahren“, sondern prinzipiell „ökologische Katastrophen ohne Sieger und Verlierer“.

Die Utopie der bürgerlichen Gesellschaft

Der Handel als Gegensatz zur Gewalt des Krieges – das ist seit Montesquieu die Utopie der bürgerlichen Gesellschaft. Der einfache Grundgedanke lautet: Nationen, die miteinander Handel treiben, machen sich voneinander abhängig, und das führt zum Frieden. Wenn Politik in Ethik und Ökonomie zerfällt, dann verwandelt sich der politische Feind in den ökonomischen Konkurrenten einerseits und in den ethischen Diskussionsgegner andererseits.

In der Zeit der Händler werden die Helden anachronistisch. Und so titelte die feministische Zeitschrift „Emma“ anlässlich des Ukraine-Kriegs: „Helden? Nein danke“. Das bringt ganz gut zum Ausdruck, dass es nicht nur für die europäische Öffentlichkeit, sondern auch für die europäische Politik unvorstellbar geworden war, dass man einen Feind haben könnte. Und dann kam Putin.

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