Buchpreis

Deutschland sucht den Supernonbinären

Was uns die Verleihung des deutschen Buchpreises 2022 lehrt – und warum die Auszeichnung ziemlich wenig mit Literatur zu tun haben könnte.
Deutscher Buchpreis 2022
Foto: Arne Dedert (dpa) | Kim de l'Horizon rasiert sich die Haare ab.

Plutarch schrieb um die Wende zum 2. Jahrhundert n. Chr. in seinem Werk „Über die Neugierde“ (10): „In Rom gibt es einige, die sich weder um Gemälde noch um Statuen, ja nicht einmal um die Schönheit der auf dem Sklavenmarkt zum Verkauf stehenden Knaben und Mädchen scheren, sondern die lieber auf dem Monstermarkt herumspazieren und diejenigen betasten, die keine Beine oder deformierte Arme oder drei Augen oder einen Straußenkopf haben.“

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Es geht nicht um Kunst 

Es scheint, dass wir einmal mehr in jenen Zeiten angekommen sind. Und ja, ich spiele selbstverständlich auf die Stimmung an, die bei der Verleihung des deutschen Buchpreises 2022 herrschte – nicht, weil ich die Freiheit besagten Preisträgers beanstanden möchte, seine Kleidung nach Belieben zusammenzustellen, sondern vielmehr aufgrund der offensichtlichen Grundbotschaft der gesamten Veranstaltung. Denn selbst für den Letzten, der noch Zweifel daran gehegt haben mag, sollte deutlich gewesen sein, dass es im heutigen Kultur“betrieb“ schon seit langem nicht mehr um Kunst geht, sondern um bloßen Voyeurismus – und Politik.

Voyeurismus, anders kann man die Faszination eines Saales wohlangezogener und wohl auch -erzogener Menschen kaum nennen, welche mit offensichtlichem Genuss einer Szene beiwohnen, die nichts mehr mit jenen wohlkalkulierten und klugen Künstlerprovokationen gemein hat, wie sie weiland Oscar Wilde, Jean Lorrain oder Thomas Bernhard kultivierten. Hier geht es um nichts anderes als das Eindringen der Ästhetik (wenn man das Wort in diesem Kontext benutzen darf) von „Deutschland sucht den Superstar“ in die Welt der hohen Literatur – strenge Jury, Glitterfummel, Bussi-Bussi, Solo-Gesangseinlage, englische Phrasen, „Ich bin ja so nervös“ und die Behauptung, zwar keine Rede vorbereitet, aber zufälligerweise einen Rasierapparat mitgenommen zu haben, um zum angeblichen Wohl iranischer Frauen die Kopfhaare ohne Spiegel und daher mit nur mäßigem Erfolg zu beseitigen. Wer hier klatscht, anstatt betreten zu schweigen, verrät, welch‘ Geistes Kind er ist – und in welche Richtung das, was von unserer Zivilisation noch übrig geblieben ist, sich weiterentwickeln wird…

Eine Ideologie im Vordergrund

Politik, weil die gesamte Veranstaltung offensichtlich nichts mit Literatur zu tun hatte, sondern mit der öffentlichen Zurschaustellung einer Ideologie, die vor aller Augen demonstrieren will, dass, wer Erfolg und Ruhm (nicht nur) im Kunstgewerbe sucht, vor allem eines muss: sich dem unterwerfen, was man mittlerweile „Wokeismus“ nennt. Denn nimmt man einige Plattitüden aus, ging es bei der gesamten Veranstaltung mit keinem einzigen Wort um die tatsächliche literarische Qualität des ausgezeichneten Werkes, sondern das, was man im Kindergarten seine „Botschaft“ zu nennen pflegte.

Das Buch spielt keine Rolle

Ob das Buch elegant, klug, vielschichtig, lebensnah, vergeistigt oder aufwühlend geschrieben oder wie es literaturgeschichtlich zu verorten ist – all das spielte keinerlei Rolle: Zentral in Laudatio wie (quasi-)Dankesrede war offensichtlich allein die Tatsache, dass es sich um eine Art Manifest „nonbinärer“ sexueller „Identität“ handelt, einen „Befreiungsschlag“ gegen angebliche Unterdrückung – jenes berüchtigte „Zeichen setzen“, das längt zum Gratismut verkommen ist, mit dem das Einrennen offener Türen und das opportunistische Bekenntnis zur herrschenden Ideologie zu einem revolutionären Akt gegen eine weitgehend imaginäre „Oppression“ verklärt wird. Dass das, und nur das zählt, ist die ganz bewusst bedrohliche Botschaft des diesjährigen Buchpreises nicht nur an die Künstlerwelt, sondern die gesamte Nation.

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