Pater Ermanno, wie ist der Mystische Garten eigentlich entstanden?
Wir Unbeschuhten Karmeliten besitzen seit etwa 1650 in Venedig eine Kirche, ein Kloster und einen Obst- und Gemüsegarten, der den Brüdern stets zur landwirtschaftlichen Nutzung und zur Meditation diente. Seit 2010 ermöglicht die Restaurierung des alten Wirtschaftsgebäudes hinter der Kirche, das heute als „Centro Scalzi“ genutzt wird, Aktivitäten mit den Bürgern, Senioren, Studenten, Familien, Gruppen, Pfarrgemeinden und Touristen. Im Jahr 2015 begann zudem ein Projekt zur Umgestaltung des Gartens und dessen Öffnung mit Führungen für die Öffentlichkeit. Die Veroneser Architekten Giorgio Forti und seine Tochter Ilaria wollten gemeinsam mit einigen Ordensbrüdern die hohen Mauern des „Brolo“, das ist venezianisch und bezeichnet einen ummauerten Garten, als Symbol der Mauern einer Burg interpretieren.
Was sind die wesentlichen Aussagen dieser Interpretation?
Die Architekten und Mönche gestalteten den Garten nach dem Vorbild der „Inneren Burg“, eines 1577 von der heiligen Teresa von Ávila verfassten Werkes, die Reformatorin und Gründerin unseres Ordens war. So entstand der Mystische Garten. Der historische „Brolo“ wurde architektonisch neu interpretiert, behielt jedoch die typischen Merkmale eines venezianischen Klostergartens bei. Besucher können ihn als spirituellen Weg durch die Pflanzensymbolik erleben. Waldhain, Olivenhain, Obstgarten, Weinberg, Gemüsegarten, Heilkräuter und Wiese: Sieben große Gartenbereiche stehen für die sieben Wohnungen beziehungsweise Kapitel der „Inneren Burg“. Besucher, Fotografen, Botaniker und Künstler können in die symbolische, mystische und christliche Bedeutung der Schöpfung eintauchen, die vom Schöpfer mit Schönheit erfüllt wurde. Er ruft uns dazu auf, diese Schönheit – in der Natur und in uns selbst – als Geschenk seiner Liebe zu bewahren.

Wie wurde die Karmelitergemeinschaft in die Vorbereitung für den Auftritt bei der Biennale einbezogen?
Zwei Jahre lang standen wir mit Kardinal José Tolentino, dem Präfekten des Dikasteriums für Kultur und Bildung, sowie dem dortigen Kunsthistoriker Dr. Cristiano Grisogoni im Dialog. Aus diesem Dialog entwickelte sich ein gemeinsamer Weg der Zusammenarbeit mit der Biennale, der später mit Kuratoren, Künstlern, Architekten und Technikern fortgesetzt wurde. Das Ergebnis ist nun sichtbar: Der Pavillon des Heiligen Stuhls auf der Kunstbiennale von Venedig hat mit unserem Mystischen Garten einen seiner beiden Standorte.
Das Ergebnis ist nicht nur sichtbar, sondern auch hörbar …
Der Pavillon trägt den Titel „The Ear is the Eye of the Soul“ („Das Ohr ist das Auge der Seele“) und konzentriert sich auf eine klangliche Kunsterfahrung. Besucher hören über Kopfhörer Musik und Gesänge, während sie sich durch den Mystischen Garten bewegen. Die Musikstücke stammen von zeitgenössischen Künstlern, die sich von der heiligen Hildegard von Bingen inspirieren ließen, einer Kirchenlehrerin, die ihre Theologie und Reflexion in vielfältigen Ausdrucksformen – von Musik und Kunst über Pharmazie und Mystik bis hin zu Kosmologie und gesellschaftlichem Engagement – formulierte. Dieser musikalische spirituelle Weg wurde in den bereits bestehenden spirituellen Parcours des Mystischen Gartens integriert, der auf den sieben Wohnungen der Inneren Burg der heiligen Teresa von Ávila sowie auf der Spiritualität des Karmel, Karmel bedeutet „Garten Gottes“, basiert.
Und wie ist die Klostergemeinschaft bis zum Ausstellungsende im November an der Umsetzung beteiligt?
Die Gemeinschaft der Unbeschuhten Karmeliten von Venedig und die venezianische Ordensprovinz sind entsprechend der Absicht des Dikasteriums und der Kuratoren keineswegs nur passive Akteure. Zwar werden Organisation, Verwaltung, Besucherbetreuung und Finanzierung vollständig vom vatikanischen Dikasterium, also dem Heiligen Stuhl als Staat, und von der Biennale übernommen, doch bringt die Karmelitergemeinschaft in den Dialog mit dem Vatikan ihre Geschichte, ihr karmelitisches und teresianisches Charisma sowie ihre betende und apostolische Präsenz durch Kirche, Kloster, Centro Scalzi, Kräuterladen und Mystischen Garten ein. Unsere Gemeinschaft lebt ihr christliches und religiöses Leben und begegnet Menschen, die auf unterschiedliche Weise die Orte unserer Präsenz in Venedig besuchen. Nun kommen zusätzlich jene Menschen hinzu, die den Mystischen Garten im Rahmen der Biennale und der musikalischen Installation als spirituelle Erfahrung erleben – insbesondere durch die Sprache von Kunst und Spiritualität, die im Mystischen Garten und in unserer Kirche so deutlich zum Ausdruck kommt. Genau dieses Zusammenspiel hat das Interesse des Heiligen Stuhls geweckt und zur Verbindung zwischen Hildegard von Bingen und Teresa von Ávila geführt. Durch zahlreiche Treffen mit Kuratoren und Künstlern sowie durch spezielle Publikationen vermitteln wir insbesondere das teresianische Charisma des Karmels. Wir möchten diese Gelegenheit zur Evangelisierung durch die Kunst nutzen. Ist nicht gerade die Schönheit ein wesentliches Merkmal des karmelitischen Charismas?

Was erhoffen Sie sich denn, welche Erfahrungen die Besucher machen, wenn sie sich darauf einlassen?
Wir Karmeliten von Venedig öffnen den Mystischen Garten des Karmels – „Karmel“ ist ein hebräisches Wort, das in der Bibel auch „Garten“ bedeutet – mit den charakteristischen Merkmalen unserer Spiritualität: Stille, Schönheit und Eifer für Gott. Zugleich bringen wir die Perspektiven der heiligen Teresa von Ávila ein: Kontemplation, missionarische Sehnsucht und Liebe zu Jesus und zur Kirche. Gemeinsam mit dem Heiligen Stuhl, der Gestalt der heiligen Hildegard von Bingen und den von ihr inspirierten musikalischen Werken vieler Künstler entsteht eine Erfahrung, die die Herzen der Menschen aus aller Welt tief berühren wird. Ich stelle mir Hildegard und Teresa vor, wie sie die Besucher durch den Mystischen Garten begleiten, ihre Ohren und Augen öffnen und ihnen helfen, die Tiefe ihrer Seele zu entdecken – jenen Ort, „an dem Gott in euch wohnt“, wie Teresa sagt.
Was bedeutet es für Sie und die Karmelitergemeinschaft, dass der Vatikan diesen Ort für seinen Pavillon ausgewählt hat?
Der Vatikan hat erkannt, dass dieser Ort eine bedeutende Geschichte besitzt, zugleich aber von einer lebendigen Gemeinschaft mit aktuellen Aktivitäten geprägt ist. Gesucht wurde kein leerer Ausstellungsraum, sondern ein gastfreundlicher Ort für die Menschen der Region sowie ein Ort kirchlichen und gesellschaftlichen Lebens. Darüber hinaus verfügt der Garten bereits über eine spirituelle Botschaft, über die Schönheit der gepflegten Natur und über die Idee eines Weges, der die Menschen in Stille, Ruhe, Meditation und Kontemplation begleitet. Wir freuen uns, dass der Vatikan diese Bedeutung unseres Gartens, die eng mit dem karmelitischen Charisma und der Spiritualität der heiligen Teresa verbunden ist, erkannt und durch einen Biennale-Pavillon sichtbar gemacht hat.
Was wird Ihrer Meinung nach bleiben beziehungsweise eine langfristige Wirkung entfalten? Welche Hoffnungen haben Sie für die Zukunft?
Ich glaube, dass vor allem die Zusammenarbeit zwischen dem religiösen Leben des Karmels mit seiner spirituellen Tradition und der Kunst Bestand haben wird. Darüber hinaus ist der Mystische Garten mit seinen natürlichen und symbolischen Eigenschaften selbst ein Kunstwerk und kann deshalb mit anderen Kunstwerken in Dialog treten. Dank des Heiligen Stuhls und seines Biennale-Pavillons ist der Mystische Garten inzwischen weltweit bekannt geworden. Er ist jedoch kein Park zum bloßen Verweilen oder Spazierengehen. Er ist ein Ort, der von Schönheit und Kunst, von Stille und Kontemplation, von der Natur und ihrem göttlichen Künstler spricht – und auch künftig sprechen wird. Das galt bereits vor der Biennale und wird nach dieser Installation noch stärker gelten als zuvor.
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