Christen und Postmodernisten

Der Schatten des Anderen

Das Verhältnis von Kirche und "woke"-Aktivisten ist angespannt, so wie das Verhältnis von Christentum und Postmoderne. Warum als Schiedsrichter eigentlich nur Kant, Kierkegaard und Nietzsche infrage kommen.
Mark Rothko Kapelle in Houston, Texas
Foto: Richard Bryant (imago stock&people) | Populäre "woke"-Bewegungen wie "Black lives matter", "Pride", "Maria 2.0", "Letzte Generation", "Fridays For Future" oder "StrajkKobiet" sind nur im Kontext der Postmoderne zu verstehen.

40 Jahre ist es her, dass der polnische Philosoph und Priester Józef Tischner Christentum und Marxismus miteinander verglich und, wie es bereits der deutsche Buchtitel "Der unmögliche Dialog" deutlich macht, zu einem pessimistischen Fazit kam. Zu unterschiedlich in Werten und Menschenbild seien beide Weltanschauungen, resümierte der mit einem anderen polnischen Philosophen und Priester, Karol Wojtyła, dem späteren Papst Johannes Paul II. befreundete katholische Denker, der bis heute in seinem Heimatland als ethische Koryphäe gilt. Was Tischner zu seinem Buch bewegte: in der Volksrepublik Polen war 1981 das Kriegsrecht ausgerufen worden. Die kommunistischen Herrscher und die damals mehrheitlich katholisch sozialisierte Gesellschaft, gut repräsentiert durch die Gewerkschaft "Solidarność", deren Kaplan Tischner neben anderen Priestern, unter anderen Jerzy Popiełuszko , war, standen sich unversöhnlich gegenüber.

Die "woke"-Bewegung" und Josef Stalin

So unversöhnlich, wie heutzutage die Kirche und die auf der Postmoderne fußende "woke"-Bewegung, die neben anderen Institutionen die Kirche angreift. Auch in Polen, wo Denkmäler des polnischen Papstes mit roter Farbe beschmiert wurden, um ihn als Repräsentanten eines Unterdrückungs-Apparates zu brandmarken.
Ein Dialog zwischen beiden Lagern scheint schwierig, wenn nicht ebenso unmöglich, wie damals zwischen Kirche und kommunistischer Partei trotz ihrer gemeinsamen Grundlage einer Erkenntnis jenseitigen Seins. Was nicht nur wegen der aggressiven Sprache und Aktionen der "woke"-Bewegung naheliegt, sondern auch wegen ihrer eindeutig sozialistischen Implikationen. Gibt es dennoch denkbare Brücken zwischen Christentum und "woke"-Bewegung Verbindendes? Ähnliche Gefährdungen?

Tatsächlich muss man, um die "woke"-Bewegung zu verstehen, zurückgehen in die fünfziger Jahre des vergangenen Jahrhunderts. Mit der Transparenz-Machung der Gräueltaten Josef Stalins stand die Linke Westeuropas mit dem Rücken zur Wand. Der Traum von der marxistischen Utopie schien angesichts von 66 Millionen Verfolgungsopfern allein in der Sowjetunion, so hoch schätzte der Schriftsteller Aleksander Solschenizyn ("Archipel Gulag") bald darauf die blutige Zahl des Grauens, ausgeträumt. Der Ruf der Sowjetunion war korrumpiert. Der Vormarsch des liberalen Kapitalismus, den die Linke wirtschaftlich und moralisch hatte besiegen wollen, schien unaufhaltsam.

In dieser Situation, welche laut des amerikanisch-kanadischen Philosophen Stephen Hicks ("Explaining Postmodernism", 2004) an die gefühlte Niederlage des Christentums mit dem Aufkommen der britischen Aufklärungsphilosophen Hume, Hobbes und Locke erinnerte, änderte laut Hicks die europäische Linke ihre Strategie: statt der Kritik am Mangel materieller Bedürfnisse, welche der Kapitalismus den angeblich so grausam ausgebeuteten Arbeitern generös erfüllte, verlagerte man die Angriffsfläche auf das Thema Gleichheit und anstatt weiterhin den Erwerb von materiellem Reichtum zu geißeln, begann man, wie es das Buch von Rudolf Bahro ("From Red to Green", 1984) bestens veranschaulicht, sich stärker auf ökologische Themen zu konzentrieren, die natürlich einen Rückkopplungs-Effekt auf die industrielle Hardware der Gesellschaften haben sollten   dazu aber auch auf Linie eines Vordenkers der Französischen Revolution standen: Jean-Jacques Rousseau, bekannt geworden mit seinem Werk zum Gesellschaftsvertrag und dem Motto "Zurück zur Natur".

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Irrationalität zwischen Vernunft und Anschauung

An Immanuel Kant, Georg Wilhelm Friedrich Hegel, Friedrich Nietzsche und Martin Heidegger philosophisch geschult, lieferten   allesamt von links herkommend   französische Philosophen wie Jacques Derrida, Jean-Francois Lyotard, Michel Foucault zusammen mit dem Amerikaner Richard Rorty den für diese strategische Neuausrichtung notwendigen Überbau: hatten die englischen Aufklärer in Ablehnung des Supernaturalismus ("das Sein") des Mittelalters noch einem Naturalismus gehuldigt, so pflegten die postmodernen Denker, wie Hicks zeigt, auf dem Feld der Metaphysik einen an Kant geschliffenen Antirealismus; setzten die Aufklärer epistemologisch noch auf Erfahrung und Vernunft (im Kontrast zur Mystik des Mittelalters), so ließen die Postmodernisten nur einen Subjektivismus gelten, den schon Kant als eine Art "kopernikanische Wende", wie er selbst meinte, in die Philosophie eingeführt hat   und der seitdem auch von keinem ernsthaften Denker mehr infrage gestellt wird.

So schrieb der polnische Philosoph Leszek Kołakowski einmal, dass sich "aus den Analysen von Kant" ergebe, "dass sich unser Wissen   nur auf die Erscheinungen, die wir wahrnehmen, bezieht. ( ) Wir können uns von den subjektiven Bedingungen der Erfahrung nicht befreien und wir wissen nichts über die Dinge, wie sie ,an sich  sind außer dass sie eben sind und dass sie etwas anderes sind als die Phänomene." Woraus folge, dass es unmöglich sei, die Existenz von "Gott" und "Seele" auf "der Grundlage von Fakten und mit Hilfe von Instrumenten der theoretischen Vernunft nachzuweisen". 
Höchstens kann man versuchen, wie es Sören Kierkegaard tat, den von Kant entdeckten Riss zwischen Vernunft und Anschauung mit einem irrationalen Sprung des Glaubens zu tilgen.  Für solch ein Unternehmen, das wusste auch der an Kant geschulte Phänomenologe Karol Wojtyła, der die thomistische Doktrin früh hinter sich gelassen hatte, kann es aber eben keine objektiven Vernunftgründe geben, auch kein nebulöses "Sein"   mag dies bis heute von fundamentalistischen Gruppen am rechten Rand der Kirche auch gern behauptet werden. Da sie über keinen belastbaren Vernunftbegriff verfügen, lassen sich solche Behauptungen leicht als taktische Sprachspiele erkennen: als Worte, die wie strategische "Waffen" wirken sollen.

Mit derart taktischen Sprachspielen kannten und kennen sich auch die Postmodernisten aus: um den "Willen zur Macht" (Nietzsche) erfolgreich und in kleinen Kollektiven zu verwirklichen, empfahlen sie, angeführt von Foucault, einen radikalen Widerstand gegen diverse Dominanz-Hierarchien und die darin implizierten Sprachmuster und kulturellen Werke. Die berühmte "Dekonstruktion" hat hier ihre tiefere Ursache. Wobei es auf den gesellschaftspolitischen Feldern "Geschlecht" oder "Ethnie" selbstverständlich nicht darum ging, ein Machtvakuum zu installieren, sondern das existierende auf den Kopf zu stellen, um eine neue Hierarchie zu etablieren. Dominanz, dies bemerkt Hicks sardonisch, ist dann nicht mehr böse.

Wenn man heute   ironischerweise oft im Namen der Toleranz   "Cancel"-Attacken auf die etablierten Literatur-Kanons verschiedener Länder erlebt, Beschimpfungen von "alten weißen Männern", die als verhasste Repräsentanten der kulturellen Hegemonie der Aufklärung und der Moderne angesehen werden oder  auch dies ist symptomatisch   kleine Frauen-Kollektive in der Kirche zum Altar drängen, so lässt sich dies alles als praktische Umsetzung postmoderner Ideen verstehen. Populäre "woke"-Bewegungen wie "Black lives matter", "Pride", "Maria 2.0", "Letzte Generation", "Fridays For Future" oder "StrajkKobiet" (eine polnische Abtreibungsinitiative von Frauen) sind nur im Kontext der Postmoderne zu verstehen. Auch mit ihren offensichtlichen Widersprüchen: denn so gern der Respekt für sich selbst eingefordert wird, so sehr kann er zurücktreten, wenn man sich mit der als Feind diagnostizierten Institution auseinandersetzt.

"Diktatur des Relativismus"

Was nicht heißt, dass all diese Bewegungen für Christen gleichermaßen abzulehnen sind. Dass alle Menschen, unabhängig von ihrem Geschlecht und ihrer Hautfarbe, die gleiche Würde und die gleichen Rechte haben, sollte für Christen wie für jeden Menschen selbstverständlich sein; das Engagement für die Umwelt und das Klima sowie die Aufarbeitung kolonialer Ausbeutung muss nicht im Widerspruch zur praktischen Vernunft stehen. Schwieriger für Christen, deren Glaubensauffassungen auf dem Katechismus fußen, sind die Agenden solcher Kollektive, die den Bereich der sexuellen Identität und damit einhergehende Rechte oder Forderungen betreffen. Kann es hier Kompromisse geben? Unter Berufung auf die Wahrheit, in deren Besitz sich die Kirche sieht?

Für Postmodernisten gehört die absolute Wahrheit zu den verhandel- oder angreifbaren Größen, zumal wenn sie, wie Daniel-Pascal Zorn in seinem Buch "Die Krise des Absoluten. Was die Postmoderne hätte sein können" (2022) deutlich macht, als eine Art "Übervernunft" an die Spitze einer Ideologie gestellt wird. Was auch in der Kirchengeschichte geschah. Postmodernisten setzen solchem Missbrauch den Relativismus von Wahrheiten entgegen   und es ist nicht ohne Ironie, dass ausgerechnet der Papst, der lange Zeit vor der "Diktatur des Relativismus" warnte, durch seinen freiwilligen Rücktritt vom Amt Petri dem Relativismus in der Kirche ein spektakuläres Bild verschafft hat.

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Von innen durch extreme Kollektive bedroht

Heißt das nun, dass Christentum und Postmoderne doch mehr verbindet, als auf den ersten Blick erkenntlich ist? Mehr als nur die Ablehnung der Moderne, der Aufklärung? Postmodern-jesuitisch geantwortet: Ja und nein.
Christentum und Postmoderne profitieren, wie gezeigt wurde, von den Denkleistungen früherer Philosophen, wobei die Postmoderne im Unterschied zur Kirche stärker die Transzendenz ausblendet. Beide profitieren aber, mehr als ihnen vielleicht bewusst ist, von Immanuel Kant, der nicht nur die Tür zum reinen Subjekts-Gedanken aufgestoßen hat, sondern den Raum der Metaphysik vor Engführungen der Aufklärung verteidigte. Menschen, die Jesus als Gott verehren möchten, bleibt dies nach Kant unbenommen, solange sie dies im Rahmen einer Privatreligion tun.

Christentum und Postmoderne sind aber, wie angedeutet wurde, beide von innen her durch radikale Kollektive gefährdet, ebenso durch einen taktischen Gebrauch von Wörtern und Begriffen, der laut Hicks im Fall der Postmoderne, vielleicht aber auch bei einzelnen Kirchenvertretern, so könnte man ergänzen, an den Sophismus erinnert. Paradoxerweise sind solche Gruppierungen beide auch anfällig dafür, sich selbst gern als Opfer zu gerieren und - gemäß der Ressentiment-Lehre Nietzsches, den Postmodernisten gewöhnlich mehr schätzen als Christen - Hass, Eifersucht und Wut als Antriebsmittel für moralischen Aktivismus zu gebrauchen.  

Was die psychologische Frage aufwirft: Sind christliche und postmoderne Aktivisten am Ende doch nur der unerlöste Schatten des Anderen? 

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