Ein Fels ist gegangen

Der Gigant des Geistes

Bewusst haben die Mittelmäßigen in Kirche und Welt ihn missverstanden. Alles ist nicht nur eingetroffen, sondern entwickelte sich viel schlimmer.
Papst bedauert missverständliche Islam-Äußerung
Foto: Matthias Schrader (dpa) | ARCHIV - Papst Benedikt XVI. spricht am 12.09.2006 im Auditorium Maximum der Regensburger Universität.

Ein Gigant des Geistes ist gegangen. Allein schon die dramatische Talfahrt des Katholizismus seit dem überraschenden Rücktritt von Papst Benedikt XVI. macht überdeutlich, wen wir da verloren haben: Ein Fels ist gegangen, Geröll ist geblieben. Heiliger Geist hat sich zum Zeitgeist gewandelt. Kaum ein Katholik hat mich so beeindruckt wie der begnadete Professor Josef Ratzinger. An der Tübinger Universität lauschten selbst Protestanten seinen Vorlesungen, bis der 68er-Mob ihn vertrieb. Ein Kämpfer war er nicht, auch nicht gegen Seilschaften im Vatikan. Das war nicht seine Gottesgabe. Doch er war nach dem unvergessenen Johannes Paul II. der richtige Mann, denn eine Kirche, die geistig-moralisch zu verkommen drohte, brauchte einen Lehrer mit klarer biblischer Dogmatik.

Wissenschaftliche Brillanz

Die hat er in unzähligen Dokumenten und Reden geliefert. Nicht zuletzt in seinen drei Jesus-Büchern, die zum besten zählen, was Theologie je hervorgebracht hat. Auch evangelikal-pietistische Leute vom Fach jubelten! Wissenschaftliche Brillanz paart sich mit geradezu kindlichem Vertrauen in die Berichte der Heiligen Schrift. Ein hammerharter Schlag gegen die historisch-kritische Methode, die die Bibel zum Steinbruch menschlicher Willkür degradierte und damit zur Theologie der leeren Kirchenbänke wurde. Josef Ratzinger verband Einfachheit mit Tiefe, brachte Vernunft und Glaube in einen überzeugenden Einklang. Das kam an, bis die Eventtheologie auch den Katholizismus überrollte. Dass er dem organisierten Luthertum das Kirche-Sein absprach, erscheint im Nachgang, als habe er die Kreuz-verleugnenden Oberhirten (Jerusalem 2016) schon im Blick gehabt.

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 Generation Benedikt

Unvergessen der Jubel der Jugend in Köln 2005. Eine einzige Evangelisation. Ruf zur Mitte der Kirche.  Es entstand die „Generation Benedikt“ auf Initiative von Nathanael Liminski, heute Chef der Staatskanzlei NRW. Dann 2011 sein Deutschlandbesuch mit den peinlichen Gastgebern Christian Wulff und Norbert Lammert, die den Staatsgast öffentlich mit ihren privaten Problemen peinigten (Wiederverheiratung und Eucharistie Geschiedener, Frauenpriesterum etc). Es lohnt sich, die drei messerscharfen „deutschen“ Reden nachzulesen, gehalten in Regensburg (2006), Freiburg und im Bundestag (2011). Eine besser, brillanter und vor allem prophetischer als die andere. Bewusst haben die Mittelmäßigen in Kirche und Welt ihn missverstanden. Alles ist nicht nur eingetroffen, sondern entwickelte sich viel schlimmer. Es erging Benedikt XVI. wie Alt-Bundespräsident Roman Herzog mit seiner Ruck-Rede. Auf meine Frage, warum eine Wirkung letztlich ausblieb: „Uns geht es immer noch zu gut.“

Diktatur des Relativismus

Papst Benedikt XVI. wurde zum Gegner der Kirchensteuer. Er kämpfte mit überzeugenden Argumenten gegen die „Diktatur des Relativismus.“ Insofern war sein unerbittlicher und erfolgreicher Kampf (zusammen mit Erzbischof Dyba) gegen die Beratungsscheine zur Tötung ungeborener Kinder nur konsequent. Was anrührend war: seine Liebe zur bayerischen Heimat, die Freude über jede weiß-blaue Blasmusik, die zum Geburtstag im Vatikan erklang. Er war nicht der eiskalte, unnahbare Gelehrte. Es musste auch nicht erst sein Nachfolger kommen, um selbst-inszeniert zu zeigen, dass Kirchenführer bescheiden aufzutreten haben. Ganz unbescheiden glaubte der „Spiegel“ eine Erklärung gefunden zu haben für meine Bestseller-Bücher: „Die Leute lesen Hahne, weil sie Ratzinger nicht verstehen.“ Das war (ungewollt) allerbeste Werbung. Doch grottenfalsch! Wer es wollte, konnte Benedikt XVI. verstehen. Wer eine Erneuerung der Kirche will, kann sich teure synodale Holzwege sparen. Ein Griff ins Bücherregal reicht.

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