„Canaletto und Bellotto“: Die Besucher stehen vor dem Kunsthistorischen Museum in Wien Schlange, die Führungen sind ausgebucht, selbst Musical-Legende Sir Andrew Lloyd Webber hat den großformatigen Canaletto aus seiner Sammlung für diese Schau hergegeben. Denn er ist mit seiner Kunststiftung im Besitz der historischen Stadtansicht „The Old Horse Guards from St James’s Park“ von 1749. Der Maler hatte das Kasernengebäude mit dem Park gemalt, bevor es abgerissen wurde, womöglich ein kalkuliertes Erinnerungsbild für sentimentale, hochrangige Militärs mit Geld. Damals konnte er es nicht verkaufen: zu teuer, zu uninteressant. Selbst Zeitungsanzeigen blieben ohne Wirkung. Denn der dargestellte St. James’s Park war alles andere als eine feine Flaniermeile. Canaletto hatte wie immer alles idealisiert, aber jeder Londoner (und jede Londonerin) wusste Bescheid: Fliegende Händler und kaum verdeckte Prostitution beherrschten in Wirklichkeit die Szenerie, wer sollte sich so etwas übers Ehebett oder in den Salon hängen? Immerhin: Das Webber-Werk stammt von Canalettos eigener Hand: Giovanni Antonio Canal, wie der Venezianer tatsächlich hieß, war einer der bekanntesten Vedutenmaler seiner Zeit. Wer auf sich hielt und es bezahlen konnte, orderte bei seiner Venedig-Visite, vielleicht im Rahmen der damals aufkommenden Kavaliers-Tour junger, englischer Adeliger, eine solche Stadtansicht. Das Geschäft brummte. Es brummte so lange, bis Kriegswirren und Krankheiten den gerade erblühenden Tourismus erst einmal zum Erliegen brachten. Canaletto musste reagieren: Er ging nach London, wo er seine alte Venedig-Reisekundschaft vermutete, für weiteres Neugeschäft diesmal mit Ansichten der Londoner Heimat. Die Geschäftsidee floppte: Die selbstbewussten Engländer bevorzugten Bilder heimischer Maler mit Empire-Provenienz. Canaletto ging wieder zurück nach Venedig, malte auch im Alter weiter auf hohem Niveau. Mit nachlassendem Augenlicht wurden auch die Bilder dunkler, ernster. Die architektonische Statik blieb. Figuren waren nur Staffage, der Versuch der Belebung ohne eigenes Leben in den Figuren. Trotzdem blieb Canaletto nach dem Tod der Welt höchst lebendig erhalten, in Wien und in Dresden, sogar in Warschau. Wie das?
Wer die große Ausstellung „Canaletto & Bellotto“ im Kunsthistorischen Museum Wien besucht, erlebt eine der reizvollsten kunsthistorischen Verwirrungen Europas. Denn der berühmte „Canaletto-Blick“ auf Wien stammt gar nicht von Canaletto. Und auch der Dresdner „Canaletto-Blick“, eine der ikonischsten Stadtansichten Deutschlands, geht nicht auf den großen Venezianer zurück. Beide Bilder schuf sein Neffe: Bernardo Bellotto. Trotzdem blieb der Name des Onkels haften – fast so, als hätte die Geschichte selbst die Signatur vertauscht. Die Wiener Ausstellung macht dieses kunsthistorische Verwirrspiel zum publikumsträchtigen Leitthema: die enge, manchmal kaum zu trennende Verbindung zwischen Giovanni Antonio Canal, genannt Canaletto, und seinem brillanten Erben Bellotto. Die Schau vereint Werke aus Venedig, London, Wien und Dresden und stellt beide Künstler erstmals im deutschsprachigen Raum in dieser Konstellation nebeneinander.
Kostbare Souvenirs aus Venedig
Canaletto war der Star – er ist es bis heute geblieben. Er erfand die touristische Stadtansicht des 18. Jahrhunderts. Vor neuester Technik graute es ihm dabei nicht. Im Gegenteil. Mit der Camera Obscura projizierte er die Ansichten auf Karton und zeichnete sie nach, um sie dann freilich erst zu einem echten Canaletto werden zu lassen. So unwirklich schön war Venedig nur auf seinen Bildern. Der Dogenpalast, der Campanile, der Markusdom: die berühmte Hauptkirche der Stadt, herausragendes Beispiel byzantinischer Architektur, wurde fern der Realität, aber doch ganz nah in den Mittelpunkt gestellt. Canalettos Veduten von Venedig waren keine bloßen Souvenirs, sondern hochpräzise Dokumente. Adel, Diplomaten und die erwähnten Grand-Tour-Reisenden kauften sie wie heute Luxusfotografien. Venedig wurde auch durch Canaletto zum Exportschlager, die aufgerollten Leinwände der Veduten kostbare Mitbringsel für die Zurückgebliebenen.
Bernardo Bellotto lernte bei seinem Onkel Canaletto – und der gelehrige Schüler ging weiter, mehrere Schritte hinein ins Rokoko und zu einer neuen Wahrheit im Bild. Er übernahm die Präzision, die Lichtführung und den Einsatz optischer Hilfsmittel, entwickelte aber einen kühleren, analytischeren Blick. Wo Canaletto oft die Eleganz der Lagunenstadt feierte, interessierte Bellotto stärker die Monumentalität des Stadtraums. Seine Bilder wirken fast architektonisch. Städte werden bei ihm zu politischen Körpern. Aber nicht nur: Plötzlich entwickeln die Figürchen, die früher als reine Dekoration die Bilder verkörperten, ein Eigenleben und erzählen Geschichten. Von oben und unten, von Luxus und harter Arbeit, von gebauter Macht und beherrschter Natur. Er malte Machtverhältnisse, die er respektierte und ohne eigene Positionierung abbildete.
Wien-Panorama als Politikum
Auch deshalb wurde Bellotto zum Maler der Höfe Europas. Er arbeitete in Dresden für Friedrich August II. und später in Wien für Maria Theresia. In Wien blieb er nur etwa zwei Jahre – und hinterließ doch Bilder, die das Selbstverständnis der Stadt bis heute prägen. Die Ausstellung zeigt nahezu den gesamten Wiener Werkkomplex Bellottos, darunter die berühmte Ansicht „Wien vom Belvedere aus gesehen“.

Dieses Gemälde wurde zur Mutter aller Wien-Panoramen. Vorne die geometrischen Gärten des Belvedere, dahinter die Kuppel der jungen Karlskirche Fischer von Erlachs, der Stephansdom und die Dächer der Residenzstadt. Es ist nicht bloß Topografie, sondern Herrschaftsikonografie. Neuere Forschungen weisen sogar darauf hin, dass Bellotto die Perspektive zugunsten habsburgischer Symbolik leicht veränderte: bestimmte Gebäude erscheinen größer oder versetzt, um die politische Ordnung der Zeit besser sichtbar zu machen. Damit wird der sogenannte „Canaletto-Blick“ zu etwas Erstaunlichem: Er ist weniger Realität als programmierte Wirklichkeit. Ein Stadtporträt mit politischer Regie. Dennoch verteidigt Wien diesen Blick, den Canaletto-Blick von Bellotto, bis heute wie ein Heiligtum.
Etwa bei der haarsträubenden Story um das Hochhaus am Heumarkt: Seit Jahren wurde um die Neubebauung des Areals rund um das alte Intercontinental-Hotel und den Wiener Eislaufverein gestritten. Geplant war zeitweise ein bis zu etwa 70 Meter hoher Turm, entwickelt vom Projektträger WertInvest des Unternehmers Michael Tojner. Kritiker warnten: Der Neubau würde die historische Sichtachse vom Belvedere verändern und damit den berühmten „Canaletto-Blick“ beschädigen. Die UNESCO schaltete sich ein; Wien geriet sogar auf die Liste gefährdeter Welterbestätten. Das Projekt wurde mehrfach verkleinert und umgearbeitet. Ironische Wendung der Geschichte: Ein Bild, das selbst künstlerisch manipuliert war, wurde zum Maßstab dafür, wie die reale Stadt aussehen darf.
Canaletto hat die Elbe nie gesehen
Noch spannender wird die Parallele nach Dresden. Dort spricht man ebenfalls vom „Canaletto-Blick“, gemeint ist die berühmte Elbansicht unterhalb der Augustusbrücke. Auch sie stammt von Bellotto. Nach der fast völligen Zerstörung Dresdens 1945 wurde diese Vedute zu einem visuellen Gedächtnis der Stadt. Beim Wiederaufbau diente sie immer wieder als Referenz: Wie viel Barock darf zurückkehren? Wie modern soll die Stadt werden? Der Canaletto-Blick von Bellotto wurde zur historischen Messlatte. So verbindet der Canaletto-Bellotto heute zwei Städte, die er selbst wohl nie als gemeinsames Projekt verstanden hätte: Wien und Dresden. Beide bewahren die Bilder als architektonisch-kunsthistorisches Gedächtnis. Die Wiener Ausstellung „skandalisiert“ geschmackvoll diese Bildergeschichte und macht daraus eine unterhaltsame, kunsthistorische Provenienzforschung für ein breites Publikum. Sie rehabilitiert den Neffen, ohne den Onkel zu entthronen. Canaletto bleibt der große Erfinder der europäischen Vedute. Aber Bellotto war jener, der die Methode in belebte, politisch relevante Darstellungen verwandelte.
Vielleicht liegt gerade darin die eigentliche Pointe dieser Ausstellung: Dass Europa seine berühmtesten Stadtbilder einem Künstler verdankt, der bis heute hinter dem Namen eines anderen lebt. Der „Canaletto-Blick“ als ein Bellotto-Blick: Vielleicht ist der Irrtum selbst Teil seines Erfolgs geworden. Denn manchmal überlebt in der Kunst nicht die exakte Zuschreibung, sondern der Mythos, die Geschichte, das neumodische Storytelling. Und Bellotto, der lichtstarke Schattenmann der europäischen Malerei, schuf Ansichten, die die tatsächliche Urheberschaft in den Schatten stellten – und den Namen Canaletto bis heute im Licht der Kunstgeschichte strahlen lassen.
Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.









