Theologie

David Engels: Die „heidnischen“ Wurzeln des Christentums

Die „heidnischen“ Wurzeln des Christentums und das Mysterium der Person Jesu.
Ikone Geburt Jesu Christi
Foto: Andrea Krogmann (KNA) | Durchbruch vom Menschen zur Gottheit: Detail der Ikone mit der Darstellung der Geburt Jesu Christi in der Geburtsgrotte der Geburtskirche in Bethlehem.

Alle Jahre wieder ist es zu lesen: Der Osterhase verweise auf germanische Fruchtbarkeitskulte, der Johannistag auf die Sommersonnenwende, Halloween auf den amerikano-keltischen Kulturimperialismus, der Nikolaus auf die Kulturbereicherung aus der Türkei, der Weihnachtsmann auf Coca Cola und Weihnachten natürlich auf den Festtag zu Ehren des heidnischen „Sol Invictus“ – und überhaupt bestehe das Christentum eigentlich nur aus synkretistisch zusammengepappten Versatzstücken älterer Religionen; ja selbst die Biographie Christi sei, „kritisch“ betrachtet, nur das Resultat einer Kompilation verschiedenster vorderorientalischer Mythen, hinter denen der „historische“ Jesus völlig zurücktrete.

Nun kann der Historiker kaum die offensichtliche Tatsache abstreiten, dass die Spätantike in vielerlei Beziehungen in der Tat nicht nur Bruch, sondern auch Kontinuität schuf – man denke nur an die zahlreichen Kirchen, welche dort errichtet wurden, wo schon die Heiden die Naturkräfte verehrten. Und auch, dass von Jungfrauengeburt über Herrschaftsvorzeichen und Wundertaten bis zu Tod und Auferstehung Jesu zahlreiche Anklänge zwischen den Evangelienberichten und anderen, außerchristlichen religiösen Traditionen bestehen, ist ein Faktum, das bereits den frühen Apologeten bewusst war.

Was bedeutet diese Einsicht aber nun konkret für uns Christen? Die unbefleckte Empfängnis finden wir in der Biographie des Buddha, den Kindermord von Bethlehem in der des Augustus, den Stern beim vergöttlichten Caesar, das Geburtsdatum bei Sol Invictus – ist Weihnachten, ja das ganze Christentum also nichts anderes als ein Pastiche früherer Vorstellungen? Nein.

Logos Spermatikos: Der Schöpfung wohnt die Wahrheit inne

Zum einen müssen wir bedenken, dass das „Heilige“ – eines Ortes, einer Jahreszeit, einer Person, eines Gedankens – eine Qualität ist, die nicht so sehr vom individuellen Betrachter oder gar gesellschaftlichen Konventionen abhängig ist, sondern vielmehr von der Sache selbst. Bereits die frühen Christen entwickelten in Anlehnung an die griechische Philosophie die Theorie des „Logos Spermatikos“, also die Überzeugung, dass trotz Begrenztheit der Materie und Sündenfall des Menschen immer noch zentrale Elemente des Wahren, Schönen und Guten der Schöpfung innewohnen.

Auch wenn man also der Überzeugung ist, dass das Wort erst durch Christus in seiner ganzen Tragweite Mensch wurde, impliziert das nicht, dass alle bis dato entstandenen Überzeugungen oder Vorstellungen falsch sein müssen; ganz im Gegenteil ist auch ihnen notgedrungen ein (in seiner Intensität freilich fluktuierender) Grad an Wahrheit zu eigen.

Damit ist aber auch schon das Wichtigste angedeutet, allen voran dass Jesus selbst sich nicht als völlig neues, durch nichts vorbereitetes Phänomen verstanden hat, sondern als Erfüllung des Gesetzes – eine Erfüllung, die allerdings nicht in der sklavischen Bestätigung jener zahlreichen Dogmen bestand, die sich auf Grundlage des altjüdischen Schrift- und Brauchtums angehäuft hatten, sondern vielmehr in ihrer unerwarteten Rückführung vom Rituellen und Gesellschaftlichen aufs Individuelle. Ganz offen und bewusst verknüpfte er die eigenen, selbst alltäglichsten Handlungen und Aussagen mit dem, was vor Zeiten geweissagt worden war: Kontinuität, Erfüllung und Neudeutung sind also keine „Strategien“ einer machtbewussten jungen Kirche, sondern vielmehr Teil der Selbstwahrnehmung Christi. Orientalischer Paganismus, jüdischer Messianismus, klassische Mythologie, hellenistischer Königskult, griechische Philosophie, römischer Legalismus – sie alle kannte Christus aus persönlicher Anschauung, und sie alle bildeten nicht nur die Grundlage seiner eigenen Selbstwerdung, sondern eben auch der späteren Selbstausdifferenzierung der Kirche.

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Jesus negierte also nicht die Traditionen, die er vorfand und die ihn selbst prägten, aber er übernahm sie auch nicht, ohne sie zu hinterfragen: Er interpretierte sie lediglich in einem unerwarteten Sinne um, der im Rückblick aber durchaus als Bedeutung erscheint, die dem ursprünglichen Element schon immer immanent war. Dieser Sinn aber, und somit das eigentliche, ebenso einfache wie bis heute oft genug ignorierte Mysterium des Christentums, liegt in der radikalen Rückführung vom Äußeren aufs Innere, vom Politischen aufs Individuelle, vom Rituellen aufs Spontane; also in der Erkenntnis, dass das Gesetz nur eine „conditio sine qua non“ ist, die wahre Erlösung aber in dem Schritt liegt, sich ganz seiner eigenen Person und Individualität zu entäußern, um in Gott aufzugehen und zu seinem Sohn zu werden – ein Schritt, der gleichzeitig größter Verlust ist (wer ist schon bereit, alles zu opfern, was seine Individualität ausmacht!), aber auch größter Gewinn (wer seinen Geist ganz in Gottes Hände gibt, erhält nicht nur ihn, sondern gleichzeitig die ganze Schöpfung zurück). Jesus war fähig, diesen schwersten aller Schritte zu gehen, und ist von den Zeitgenossen als das erkannt worden, was er geworden war – einer der ihren, und doch zugleich etwas anderes; lebendes Gefäß eines göttlichen Seins, das in ihm nicht nur, wie in den anderen, gebrochen und fragmentarisch, sondern in reiner Fülle aufschien.

Dies, und nur dies ist daher aber auch der eigentliche Kern des Christentums, „den Juden ein Ärgernis und den Griechen eine Torheit“, wie schon Paulus formulierte: Es ist der überwältigende Eindruck der Person Christi selbst, der weder seine Lehre brauchte, noch das Wunder von Kreuzigung und Auferstehung, um von den Zeitgenossen als das wahrgenommen zu werden, was er war, nämlich der in einer einzigen Person realisierte Durchbruch vom Menschen zur Gottheit, jene völlige Selbstaufgabe, die gleichzeitig mit der absoluten Akzeptanz des So-Seienden als einzig Möglichem einhergeht und daher auch den Versuchungen Satans widersteht: Weil sie keinerlei sinnvolle Verwendung mehr für eine irdische Macht besitzt, die im Vergleich zum Ruhen in Gottes Majestät nur als Verarmung verstanden werden kann…

Wessen Seele solchermaßen ganz zum Abbild Gottes wird, für den ist aber auch das, was als „Wunder“ bezeichnet wird, nichts Unmögliches, denn ist die Seele nicht das, was in sich bereits die gesamte Welt als Potenz einschließt? In ihm werden Schöpfer und Schöpfung eins, überwindet der Geist – oder besser: die Seele – sogar die Materie, wenn es den unerfindlichen Schritten jenes Planes dient, nicht etwa „soziale Gerechtigkeit“ zu schaffen, sondern Seelen zur Verwirklichung ihrer göttlichen Natur zu bringen. Das eigentliche Mysterium des Christentums besteht daher auch nicht (oder zumindest nicht nur) in den rein „materiellen“ Fakten von Tod und Auferstehung, sondern vielmehr im vorübergehenden physischen Sein Jesu Christi selbst, durch den Gott gezeigt hat, was es bedeuten kann, gleichzeitig ebenso in der Materie wie auch in der Transzendenz zu existieren – und auf welchem Weg wir ihm nachfolgen können.

Neu ist nur die Forderung der Gottsuche

Dies ist daher auch der eigentliche und leider heute zunehmend als „symbolisch“ verschüttete Gehalt der christlichen Lehre, nicht aber die gesellschaftliche „Botschaft“ Jesu, welche bei näherem Betrachten nichts enthält, was nicht schon früher gesagt worden wäre – nicht, weil das Gesagte unwichtig gewesen sei, sondern gerade weil es so offensichtlich ist, dass es allen Menschen zu allen Zeiten und Orten ohnehin implizit bewusst ist. Neu ist nur die radikale Rückbeziehung des moralischen Imperativs auf das Mysterium der eigenen Gottsuche und die Erkenntnis, dass der Suchende gar nicht anders kann, als im anderen einen Funken jenes göttlichen Wesens zu erkennen, der auch die eigene Person überhaupt erst zum Leben erweckt, so dass aus der echten Suche nach dem inneren Gott notwendigerweise die unkonditionierte Liebe zum Nächsten folgen muss – und zwar nicht als zähe Selbstüberwindung, sondern als Auflösung der Grenzen zwischen den Individuen.

Diese Erkenntnis – das sozialaktivistisch kontaminierte Wort „Botschaft“ trifft es nicht im mindesten – ist aber keine Neuheit, sie verweist auf die tiefsten Seinsebenen des Mysteriums von Mensch und Heiligkeit und berührt sich nicht ganz ohne Grund mit analogen Lehren, die unabhängig auch etwa durch Buddha oder Laotse formuliert wurden. Das Wahre, Gute und Schöne ist immer ewig, allgegenwärtig und überzeitlich, und so sollte denn auch die Tatsache, dass es sich im Laufe der Geschichte analoger Formen bedient, mal durch bewusste, mal unbewusste Einbeziehung von Einzelnen oder Institutionen, nicht zu relativistischem Reduktionismus führen, sondern ganz im Gegenteil zur inneren Suche nach dem tieferen Wesen jener allgegenwärtigen Heiligkeit.

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