Zivilisationsbruch

Das Römische Imperium ging auf hohem Niveau unter

Der „Untergang des römischen Reiches“ lässt sich jetzt im Rheinischen Landesmuseum Trier sinnlich nacherleben. Eine sehenswerte Ausstellung, die mit großem Aufwand inszeniert wird und auch neueste Forschungsergebnisse präsentiert.
Plünderung Roms durch die Barbaren 410
Foto: Stühlmeyer | Die Plünderung Roms durch die Barbaren 410, wie sie sich der französische Historienmaler Joseph-Noël Sylvestre 1890 vorgestellt hat.

Wenn es eine Messlatte für Landesausstellungen gibt, muss deren Skala nach der Eröffnung der brillanten Präsentation „Der Untergang des Römischen Reiches“ deutlich verlängert werden. Denn was das Rheinische Landesmuseum, das Museum am Dom und das Stadtmuseum Simeonstift Trier hier an Erlebnis- und Lernräumen zum Thema geschaffen haben, ist nicht nur von bundesweitem, sondern von internationalem Rang.

Der spiegelt sich nicht nur in der Liste der 700 Exponate aus 130 Museen und Sammlungen in 20 Ländern, die zusammenzutragen ein eigenes Abenteuer war, dem Budget von 5,7 Millionen Euro, denen 9,2 Millionen an Wertschöpfung für die Region gegenüberstehen oder den rund 300 Veranstaltungen in mehr als 20 Formaten, die im Begleitprogramm für Information, Unterhaltung und Vertiefung sorgen werden. Dass „Der Untergang des Römischen Reiches“, präsentiert in einer, wie Roger Lewentz, Innenminister von Rheinland Pfalz in der Eröffnungspressekonferenz humorvoll sagte, „,steinreichen‘ Stadt im römischsten Bundesland Deutschlands, in einer Liga mit der Dokumenta in Kassel“ spielt, hat vielmehr mit der besonderen Strahlkraft der Ausstellung zu tun, die man allein mit Zahlen und Fakten nicht erklären kann.

„Dieses wünschenswerte Ergebnis zu erreichen, ja die Erwartungen
in jeder Hinsicht zu übertreffen, sodass das internationale Interesse
renommierter Museen wie etwa dem von Herkulaneum groß genug ist,
dass deren Leiter und Kuratoren persönlich anreisen werden,
haben sich die Veranstalter erhofft und sie haben es erreicht“

Die Quelle des Charismas der Präsentation sind die klugen Köpfe hinter den Vitrinen. Marcus Reuter, Markus Groß-Morgen und Elisabeth Dühr als Leiter der drei Museen mit ihren hochkompetenten Teams haben das Landesmuseum, das Museum am Dom und das Stadtmuseum Simeonstift zu je eigenen Erlebnisschwerpunkten gemacht, die sowohl den Institutionen und ihrer je eigenen Stimme in der Museumslandschaft in idealer Weise entsprechen, als auch der Entfaltung und Vertiefung des Themas optimal dienen. Dieses wünschenswerte Ergebnis zu erreichen, ja die Erwartungen in jeder Hinsicht zu übertreffen, sodass das internationale Interesse renommierter Museen wie etwa dem von Herkulaneum groß genug ist, dass deren Leiter und Kuratoren persönlich anreisen werden, haben sich die Veranstalter erhofft und sie haben es erreicht. Und auch die Anzahl von schon jetzt mehr als 700 Gruppenanmeldungen zeugen für das überregionale Interesse.

Mit neuen Forschungsergebnissen kann die Ausstellung gleich mehrfach aufwarten. Ihre Präsentation ist eingebettet in das Gesamtkonzept und wird auf mehreren Ebenen erleb- und nachvollziehbar, sodass weniger die Einzelergebnisse hervorstechen, als vielmehr ein Gesamtbild entsteht, das dem Betrachter der Ausstellung ein tieferes Verständnis dessen vermittelt, was sich in den Jahrhunderten von der Spätantike bis ins frühe Mittelalter abspielte, wie die Transformationsprozesse und der Zerfall der vormals stabilen Ordnungen sich vollzogen und neue Strukturen entstanden, die in der Spur der alten blieben und sie zugleich gemäß den Erfordernissen ihrer Zeit wandelten.

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Auf- und Niedergang des Imperiums als Tagesablauf

Wer die Ausstellung besucht, sollte mit der Präsentation im Landesmuseum beginnen. Deren Konzept entwarf Duncan McCauley in Form des Tageslaufes. „Der ,Erzählende Raum‘, so MacCauley, „spricht die sinnliche und emotionale Wahrnehmung der Besucher an, er inspiriert und animiert.“ Eine faszinierende Idee, denn auf diese Weise wird „Der Untergang des Römischen Reiches“ das, wie alle Reiche der Erde, von endlicher Dauer war, in den natürlichen Erlebenszusammenhang eingeordnet und der Untergang Roms schwingt sich in das schwindende Licht der untergehenden Sonne ein. Der Soundtrack der Ausstellung, der sich, zunächst kaum hörbar, bis zum Herzklopfmoment beim Brand Roms entfaltet, unterstützt dieses Konzept nicht nur auf hilfreiche Weise, er macht zusammen mit der Lichtinstallation in den Räumen und an den Vitrinen den Besuch des Museums zu einer ganzheitlichen, Körper, Geist und Seele umfangenden Erfahrung.

Denn der Besucher vollzieht in der Weggeschichte, als die Marcus Reuter und sein Team die Präsentation gestaltet und bei der sie jedes Stück durch aufmerksame Wahrnehmung mit Herz und Verstand an den genau richtigen Platz gestellt haben, mit allen Sinnen nach, wie das Reich funktionierte, lernt die vielen Facetten der unter dem Namen Völkerwanderung bekannten Migrationsbewegungen kennen, nimmt wahr, welch maßgebliche, weil nachhaltig destabilisierende Rolle die schließlich im Zweijahresturnus stattfindenden Bürgerkriege beim Untergang spielten oder taucht im Flammenraum in das lodernde Feuer ein, das seine Spuren auch in den dort präsentierten, direkt aus Rom kommenden und bei der Plünderung beschädigten Münzen hinterlassen hat. In den Vitrinen über die Vandalen nimmt der Besucher staunend wahr, dass diese nur scheinbar barbarischen Stämme römische Verträge weiter nutzten und ihre Häuser geschmackvoll einzurichten verstanden.

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Das Christentum wirkte stabilisierend

Das Christentum, das im Gegensatz zu dem, was Historiker des 19. Jahrhunderts postulierten für den Untergang des Römischen Reiches ebenso wenig verantwortlich ist wie der heute ins Spiel gebrachte Klimawandel oder die Völkerwanderung, die beide allenfalls Risse im Gesamt verursacht haben, wird im letzten Teil der Ausstellung anhand seiner Vertreter und deren Handeln als stabilisierender Faktor, wesentlicher Gestalter des Übergangs und Verantwortungsträger in schwieriger Zeit sichtbar gemacht.

Letztere Thematik bildet zugleich den Fokus für die Ausstellung im Museum am Dom, die „Im Zeichen des Kreuzes – eine Welt ordnet sich neu“ überschrieben ist und aufzeigt, welche Rolle die Kirche bei der Weitergabe römischer Traditionen spielte. Highlight dieser in lichten Farben und mit schwebendem Soundtrack gestalteten Schau sind der Nachbau des Translationsschreines des Bistumsheiligen Bischof Paulinus und die faszinierenden forensischen Untersuchungsergebnisse, die zeigen, dass die Reliquien nachweisbare Spuren genau jener Orte tragen, an denen Paulinus sich aufgehalten hat.

Das Fortwirken Roms in der Bildungsgeschichte

Das Stadtmuseum Simenonstift fokussiert in seiner eindrucksvolle geistige Tiefenbohrungen präsentierenden Ausstellung „Das Erbe Roms. Visionen und Mythen in der Kunst“ und zeichnet anhand von eindrucksvoll aussagekräftigen Bildern, Statuen und geschickt präsentiertem Quellenmaterial die Geschichte des Römischen Reiches als Projektionsfläche für die je zeitgenössischen Wunschträume und Visionen von Menschen nach, die Geschichte geschrieben, aufgeschrieben und angetrieben haben.

Zusätzlich zu den großartigen Präsentationen der drei Museen hat die Trierer Schatzkammer der Wissenschaftlichen Bibliothek eine eigene Ausstellung vorbereitet, in der Direktor Michael Embach das Fortwirken Roms in der Bildungsgeschichte des Mittelalters anhand kostbarer Handschriften sichtbar macht. An deren Beginn findet sich der Besucher zwischen geographische und einer kosmographische Kenntnisse ins Bild setzenden Weltkugeln wieder, in deren Zentrum die im Hortus deliciarum der Herrard von Landsberg abgebildeten Sieben freien Künste stehen. Ihre erkenntnisvermittelnde- wie stabilisierende Lernordnung ist das entscheidende Geschenk des Römisches Reiches, das zu bewahren unsere Zukunft sichern kann. Mit dieser Ausstellung ist Trier, wie Malu Dreyer in ihrem Grußwort beim Festakt zur Ausstellungseröffnung betonte nun endgültig zum „Zentrum der Antike in Deutschland“ geworden.


„Der Untergang des römischen Reiches“, in: Rheinisches Landesmuseum Trier,
Weimarer Allee 1, 54290 Trier, geöffnet bis 27. November, Di. – So., 10.00 – 18.00 Uhr,
im Internet unter untergang2022 at trier-info.de

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