Weihnachten

Das große Willkommen für Christus

Wer das Glück hatte, in früher Kindheit den Advent und die Weihnachtstage in aller Festlichkeit zu erleben, trägt einen Schatz fürs Leben mit sich.
Weihnachten: Heilige Nacht in himmlischem Licht
Foto: imago stock&people (imago stock&people) | Die heilige Nacht in himmlischem Licht, wie sie sich Correggio in seinen Träumen gedacht hat.

Einmal im Jahr kehren wir heim und begegnen unserem eigenen Ursprung. Unserem inneren Bethlehem gewissermaßen. Die Tradition, dass Menschen zu Weihnachten zu ihren Familien eilen, ist nur die äußere Geste einer seelischen Bewegung. Die Tage im Kreise von Verwandten sind das Ritual einer Sehnsucht nach Selbstvergewisserung. Wir verspüren ein Hingezogensein zu einem Zauber, den wir seit frühester Kindheit mit machtvoller Vertrautheit spüren.

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In die Welt geworfen

Geworfen ins Dasein, wie Heidegger sagt, verbannt in die Fremde, wie die Gnostiker klagen, erleben wir am Heiligen Abend das glitzernde Behütetsein, das Leuchten des Baumes, das Glöckchen, das von der Ankunft des Christkindes kündet und das seine Resonanz in uns findet, weil in uns selber der Funken des göttlichen Weltneulings glimmt. Wenn hinterm Vorhang sich die vertikale Spannung zwischen Himmel und Erde strafft, fühlt sich alles sehr geborgen an, sehr sanft und sehr geheimnisvoll.
Würden wir eine Umfrage durchführen, so könnte wohl jeder von uns so eine frühe Empfindung wachrufen. Und wenn wir richtig Glück haben, so begleitet uns diese weihnachtliche Zärtlichkeit ganz diskret ein Leben lang.

Bei mir war es ein eigentümliches biografisches Durcheinander, dem ich dieses Gefühl verdanke. Meine Mutter war Anfang 40, als sie mich als dritten Knaben zur Welt brachte. Auf den Fotos betrachtet sie mich mit sichtlicher Seligkeit ob meines späten Erscheinens. Viel mehr als diese Fotos sind mir nicht geblieben. Ein Jahr später starb sie und hinterließ mich mit meinem ratlosen Vater und zwei halbwüchsigen Brüdern. Drei Männer und ein Baby – das wurde erst viel später als Lebensmodell mit komödiantischem Potenzial entdeckt.

In den sechziger Jahren ging es urwüchsiger zu und bei meinem Vater gab es ohnehin nichts zu lachen. Also gelangte ich zur Pflege ins Haus eines Pastors in meiner Geburtsstadt. Seine Frau war vernarrt in Kinder, konnte aber selber keine gebären. Umso herzlicher nahm sie mich als Erstling auf, als wollte sie die unbefleckte Empfängnis preisen, mit der ich in ihren Armen landete. Kurz darauf kamen noch zwei neugeborene Adoptivkinder hinzu, meine Pflegegeschwister, und zu dritt wuchsen wir vier Jahre lang heran. Als ich mit gut zwei Jahren spät getauft wurde, wurden meine Pflegeeltern als Taufpaten eingetragen.

Verheißungen im Advent

Es gibt ein Foto, das inzwischen wieder in meinem Bücherregal steht, schwarzweiß im Holzrahmen. Wir schreiben Dezember 1965. Ich bin eineinhalb, trage noch Windeln, dazu einen dunklen Wollpulli, Strumpfhosen und Puppenschuhe. Das erste Weihnachten bei den Pflegeeltern. Ich habe ein Holzauto in der Hand und stehe mit gebanntem Blick vor den brennenden Kerzen des Nadelbaums. Das Lametta hängt wie funkelnde Regentropfen von den Zweigen.

Immer, wenn ich auf dieses Foto schaue, spüre ich jenes Weihnachtsgefühl in mir. Schon die Adventszeit begann als etwas Verheißungsvolles, was meine Patentante mit Hingabe zu inszenieren wusste. Auf einmal wurde alles geschmückt, an den Fenstern prangten selbstgebastelte Sterne, ausgeschnitten in schwarzem Tonpapier, hinterlegt mit buntem Transparentpapier. Nachmittags wurde gebastelt. Die mit Uhu verklebten Kinderfinger griffen nach den Keksen und Plätzchen, die wir zuvor gemeinschaftlich in der Küche gebacken hatten, während ich wonnig vom rohen Gebäckteig naschte. Tag für Tag wurde ein Türchen am Adventskalender geöffnet, jeden Sonntag wurde ein Lichtlein mehr auf dem Adventskranz entzündet, zum Nachmittagskaffee drehten sich die Propeller der kerzenbetriebenen Weihnachtspyramide und der Duft des Räuchermännchens zog durchs Haus.

Kernkompetenz für Weihnachten

In ihrem Pastorenhaushalt konnten meine Pflegeeltern so etwas wie eine Kernkompetenz für Weihnachten für sich beanspruchen. Zu den Mahlzeiten wurde nicht nur das Tischgebet gesprochen, sondern nach dem Essen den ganzen Advent hindurch auch die Weihnachtsgeschichte vorgelesen. Den Singsang der Stimme meines Patenonkels habe ich bis heute im Ohr, wie er diesen unerhörten Thriller aus den Evangelien in gefälligen Häppchen vortrug und uns Zwerge auf diese Weise vertraut machte mit der wundersamen Jungfrauengeburt zu Bethlehem, mit dem Stern, der den drei Heiligen Königen als Statthalter der Menschheit den Weg wies, mit dem Schrecken des Kindermordes von Herodes, dieses Putins zu Beginn der Zeitrechnung, mit der Flucht der Heiligen Familie samt dem Gotteskind in die Fremde ins ferne Ägypten und später mit der glücklichen Heimkehr nach Nazareth.

ass die Erzählung vom Jesuskind auch als Bildungsroman im Miniaturformat gelesen werden kann, als Schilderung einer menschlichen Entwicklung durch Anfechtung, Errettung und Reifung, begriff ich natürlich erst viel später. Als kleiner Junge war mir die Jesusfigur intuitiv vertraut, weil ihn vieles umgab, was ich in seiner Geheimnisfülle nicht verstand, er aber dennoch von lauter Liebe umhüllt war. Und galt dies nicht auch in gewisser Weise für einen halb verwaisten Knaben wie mich, den es auf sonderbaren Wegen in dieses Gottesnest verschlagen hatte?

Geschenke machen den Reiz aus

Natürlich machten die Geschenke das Weihnachtsfest ungemein reizvoll und wir Kinder wurden reichlich bedacht. Fotos zeigen mich auf einem Plastiktraktor in die Pedale tretend meine Runden im Wohnzimmer ziehen. Oder mit Rotkreuzhaube die Kinderapotheke betreibend. Das Wesentliche aber, was mein Herz bis heute höher schlagen lässt, meine Weihnachtssehnsucht, die mich nie wieder verlassen hat, ist etwas anderes. Die Geschenke waren dafür nur ein Gleichnis. Es war die Festlichkeit eines großen Willkommens. Weihnachten ist das Fest des Kindes, wir haben das von klein auf gespürt. Drehte sich nicht alles um uns? Und war der Jesusknabe nicht unser Stellvertreter durch alle Zeiten? Wie bei Urvölkern und manchen Mafia- Familien wurde ein Geburtstag vier Wochen lang gefeiert, die Ankunft des Menschensohnes mit „Apfel, Nuss und Mandelkern“, wie Theodor Storm ausrief, zelebriert. Am Heiligabend dann das Krippenspiel!

Gegenüber im Gemeindehaus, ein Klinkerbau mit Sechzigerjahre-Charme, wurde im großen Saal der Gottesdienst gefeiert und das Krippenspiel aufgeführt. Die älteren Kinder der Kirchengemeinde waren dabei verkleidet als Maria, Josef, Könige, Hirten und Engel. Ei, was glühten mir die Wangen im Zuschauergestühl. Der Gesang des Engel-Chors, die hellen Stimmen der Kinder, die dort in ihren endlosen weißen Gewändern standen und durch die oberen Oktaven trällerten, um die Geburt des Christkindes zu bejubeln.

Ich habe diesen Lobpreis immer auch persönlich genommen. Nicht aus Hochmut, dazu war meine Kinderseele durch die Verwerfungen meiner frühen Jahre zu verzagt. Vielleicht konnte ich nach all den Verunsicherungen unmittelbar nach meiner Geburt durch die vielen Krankenhausaufenthalte meiner Mutter und schließlich ihren Tod sowie dem Unvermögen meines Vaters, einem lebenslangen emotionalen Analphabeten, mir Geborgenheit zu vermitteln – vielleicht konnte ich dieses versäumte Willkommen bei meinen Pflegeeltern nachholen. Ganz besonders zur Weihnachtszeit über den Transmissionsriemen des Christkindes, dem alle Liebe, alles Zutrauen im Himmel wie auf Erden gewiss war.

Leben als Strafe

Später, ich war fünf Jahre alt, verheiratete sich mein Vater erneut und holte mich zurück. Ein anderes Leben begann, nach dem gästeintensiven Redehaushalt meiner Pflegeeltern nun der besucherlose Schweigehaushalt meines Vaters. Dumpfes Brüten, beißender Frust. Oft dachte ich, so müsse der Tod sich wohl anfühlen, von dem mir erzählt worden war, dass Christus ihn überwunden hat. Heute weiß ich genauer, was damit gemeint ist. Die Weihnachtsfeste bei Vater und Stiefmutter entbehrten jeder Festlichkeit, jedes Lobpreises, jeder Seligkeit. Leben als Strafe, so schien es mir, vertont allein durch das hektische Aufreißen von Geschenkpapier, dessen stumme Berglandschaft hernach entsorgt wurde; nie war Gesang zu hören und erst recht kein Lachen.

Heute treffe ich nur auf wenige Menschen, die eine solch intensive Weihnachtserinnerung aus ihrer Kindheit spazieren führen. Und die deshalb noch immer in der Lage sind, sich vom Weihnachtsfest verwandeln zu lassen, sprich, sich aus der gewohnten Dreidimensionalität des Alltags in eine Dimension des Zaubers katapultieren zu lassen. Denn was ist aus Weihnachten üblicherweise geworden? Ein verkitschtes Gesellschaftsspiel, der jährliche Konsumzenit des Einzelhandels und eine Strafexpedition in den Narrenkäfig der Blutsverwandten. Wenn ich von Leuten höre, dass sie Weihnachten hassen, dass sie vor dem Fest am liebsten fliehen, vorzugsweise in den Süden, wo nicht mal Schnee sie an die Festtage erinnern – dann möchte ich solche Menschen unwillkürlich in den Arm nehmen und trösten.

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Lebensfülle als Klangteppich

So, wie es meine Pflegemutter, Patentante und Vizemami oft getan hat. Und sie konnte verdammt gut trösten. Sie drückte mich an sich, mein Kindskopf versank in ihrem wogenden Busen voller Wohlgeruch, die Welt fühlte sich nur noch warm und friedlich an. Weihnachten ist ja auch die Zeit, in der das Jahr an seinem Ende ausatmet, zur Ruhe findet und Anlauf nimmt ins Neujahr.

Ein bisschen so ging es bei uns allabendlich zu, wenn ich mit meinen beiden Pflegegeschwistern zu Bett gebracht wurde. Im Kinderzimmer las meine Patentante uns eine Geschichte vor und sang das Schlaflied. Ich lag am Fenster und schaute zum Mond hinauf und hörte in ihrer Stimme am Himmel die goldnen Sternlein prangen.
Seither sind mir immer wieder Menschen begegnet, die mich spüren ließen, dass unsere Welt ein grundfreundlicher Ort ist. Das Lachen und der Gesang meiner Patentante ist für dieses Lebensgefühl der Klangteppich geblieben.

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