Die zweite Hälfte des 18. Jahrhunderts war in allen Bereichen eine Zeit der Umbrüche: sozial, wissenschaftlich-kulturell, ökonomisch. Die feudale Welt der Schlösser und Residenzen mit ihren Schätzen öffnete sich, und es entstanden einige der bedeutendsten Museen der Welt. 1753 wurde das British Museum gegründet, 1769 öffneten die Uffizien in Florenz ihre Sammlungen, 1793 folgte der Louvre. In Rom war mit den Kapitolinischen Museen bereits 1734 das erste öffentliche Museum der Welt entstanden. Im 19. Jahrhundert kamen der Madrider Prado (1819), das Alte Museum in Berlin (1830) und die Alte Pinakothek in München (1836) hinzu.
In diese Reihe gehört auch die ALBERTINA. Ihren Grundstock legten 1776 Herzog Albert von Sachsen-Teschen und seine Gemahlin Erzherzogin Marie Christine mit mehr als tausend Druckgrafiken, die ihnen der Diplomat und Kunstkenner Giacomo Durazzo überließ. Bis heute bildet die Grafiksammlung mit rund 65.000 Zeichnungen und mehr als einer Million druckgrafischer Blätter aus sechs Jahrhunderten das Herzstück des Museums. Beeindruckend ist dabei nicht nur ihr Umfang, sondern vor allem ihre Qualität: Dürers „Feldhase" und die „Betenden Hände", Zeichnungen von Michelangelo, Raffael, Leonardo, Rembrandt und Rubens sowie von Klimt und Schiele gehören zu den Spitzenwerken der Kunstgeschichte.
Im Laufe der Zeit wurde die Sammlung um Malerei, Skulptur, Fotografie, Architektur und Gegenwartskunst erweitert. Neben dem habsburgischen Palais, in dem sich die ALBERTINA bis heute befindet, verfügt das Museum über zwei weitere Standorte: die 2020 im historischen Künstlerhaus am Karlsplatz eröffnete ALBERTINA modern, die sich auf die Kunst nach 1945 konzentriert, sowie das Schaudepot für Gegenwartskunst in Klosterneuburg. Die ALBERTINA versteht sich als modernes Museum mit 600 Jahren Kunstgeschichte.
Herr Gleis, Sie sind seit Anfang 2025 Generaldirektor der ALBERTINA. Zuvor leiteten Sie die Alte Nationalgalerie in Berlin. Was hat Sie zu diesem Wechsel bewogen? Könnte Ihre Entscheidung vielleicht etwas über die besondere Eigenart der ALBERTINA verraten?
Das Besondere an der ALBERTINA ist, dass sie Kunst aus sechs Jahrhunderten – von der Gotik bis zur Gegenwart – unter einem Dach vereint. Sie beherbergt eine der großartigsten Sammlungen der Welt. Als ich mich beworben habe, habe ich aus Neugier in der Online-Sammlung die Namen verschiedenster Künstlerinnen und Künstler eingegeben. Zu meiner Überraschung gab es fast immer Treffer. Das zeigt, wie außergewöhnlich reichhaltig diese Sammlung ist.
Für einen Kunsthistoriker ist es natürlich besonders spannend, mit einer solchen Sammlung Ausstellungen zu entwickeln und immer wieder Neues zu entdecken. Im Oktober eröffnen wir etwa die Ausstellung „Her Story. Künstlerinnen der Albertina". Erstmals wurde der Bestand systematisch nach Werken von Künstlerinnen durchforstet. Dabei sind faszinierende Wiederentdeckungen und bislang kaum bekannte Positionen ans Licht gekommen. Genau diese Verbindung aus großer Tradition und ständig neuen Entdeckungen macht die ALBERTINA so einzigartig.

Die ALBERTINA blickt auf 250 Jahre Geschichte zurück. Marie Christine von Habsburg-Lothringen und Albert von Sachsen-Teschen begannen 1776 mit dem Aufbau ihrer Sammlung. Das Jahr fällt nicht nur mit der Unabhängigkeitserklärung der Vereinigten Staaten zusammen, es ist auch das Erscheinungsjahr von Adam Smiths „The Wealth of Nations". Und es liegt in den letzten Jahren des Ancien Régime, das 1789 mit der Französischen Revolution sein Ende fand. Spielte die politische „Großwetterlage" bei dieser Entscheidung eine Rolle?
Mit Sicherheit. Die Gründung der ALBERTINA fällt in eine Zeit tiefgreifender politischer und geistiger Umbrüche. 1776 steht nicht nur für die amerikanische Unabhängigkeitserklärung, sondern auch für den Höhepunkt der europäischen Aufklärung. Albert von Sachsen-Teschen gehörte zu den bedeutenden Freimaurern seiner Zeit und bewegte sich in einem Umfeld, das von den Idealen der Aufklärung – Vernunft, Bildung und Humanität – geprägt war.
Die Sammlung war von Anfang an enzyklopädisch gedacht. Kunst sollte nicht allein repräsentieren, sondern bewahrt, erforscht und kommenden Generationen zugänglich gemacht werden. Dieser Gedanke, kulturelles Erbe dauerhaft zu sichern und durch Kunst Bildung zu vermitteln, prägt die ALBERTINA bis heute.
In der Jubiläumsausstellung rückt die ALBERTINA den Anteil Marie Christines von Habsburg-Lothringen stärker ins Licht. Können Sie das näher erläutern?
Marie Christine von Habsburg-Lothringen war weit mehr als die Gemahlin Alberts von Sachsen-Teschen. Sie brachte nicht nur die finanziellen Mittel für den Aufbau der Sammlung mit, sondern war selbst von Klein auf im Malen und Zeichnen unterrichtet und eine talentierte (Amateur-) Künstlerin und leidenschaftliche Sammlerin. Einige ihrer eigenen Werke zeigen wir in der Jubiläumsausstellung. Darüber hinaus setzte sie sich gezielt für Künstlerinnen und Künstler ein und förderte sie unter anderem durch Pensionen und Aufträge. Ihr Beitrag zur Entstehung der ALBERTINA war wesentlich größer, als lange angenommen wurde.
Zugleich richtet sich der Blick der ALBERTINA nicht nur zurück, sondern vor allem nach vorn. Mit Otto Waalkes haben Sie eine ungewöhnliche Hommage ins Haus geholt, mit Richard Prince zeigen Sie international bedeutende Fotokunst. Wie kam es zu diesen beiden Ausstellungen?
Die ALBERTINA besitzt eine Fotosammlung mit rund 120.000 Werken und ist damit das größte Ausstellungshaus für Fotografie in Österreich. Deshalb zeigen wir regelmäßig internationale Positionen der Fotokunst – zuletzt etwa Francesca Woodman oder Gregory Crewdson, nun Richard Prince.

Gleichzeitig ist es mir wichtig zu zeigen, dass Kunst auch Freude bereiten darf. Die Intervention von Otto Waalkes zeigt den beliebten Comedian von einer weniger bekannten Seite: Otto ist akademisch ausgebildeter Maler. Zum 250-jährigen Jubiläum habe ich ihn eingeladen, ausgewählte Meisterwerke der grafischen Sammlung neu zu interpretieren und mit seinem unverwechselbaren Humor zu kommentieren – respektvoll, aber mit einem Augenzwinkern. Gerade solche Perspektivwechsel eröffnen neue Zugänge zur Kunst.
In der ALBERTINA gibt es nicht nur klassische Führungen, sondern auch besondere Angebote, etwa Führungen für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen. Wie ist dieses Format entstanden, und wie wird es angenommen?
Die ALBERTINA bietet seit vielen Jahren ein umfassendes barrierefreies Vermittlungsprogramm. Inklusion und Barrierefreiheit sind für uns zentrale Anliegen. Neben Angeboten für Menschen mit Demenz und ihre Angehörigen gibt es spezielle Programme für Blinde und Sehbehinderte, für gehörlose Menschen mit Gebärdensprachdolmetschung sowie Führungen von und für Menschen mit Trisomie 21. Unser Ziel ist es, möglichst vielen Menschen einen selbstverständlichen Zugang zur Kunst zu ermöglichen. Die große Nachfrage bestätigt, wie wichtig diese Angebote sind.
Auch die Möglichkeit, dass Kinder selbst künstlerisch tätig werden, ist nicht selbstverständlich. Planen Sie, solche partizipativen und inklusiven Formate weiter auszubauen?
Bald nach meinem Amtsantritt haben wir als Erste in Österreich Kindervernissagen eingeführt. Das bedeutet, dass Kinder neue Ausstellungen noch vor der offiziellen Eröffnung für Erwachsene erleben können. Junge Menschen für Kunst zu begeistern, erfordert kreative Ansätze und ein Verständnis für ihre Lebenswelt. Genauso wichtig ist die Form der Vermittlung: digitale Angebote, interaktive Stationen und partizipative Elemente wie jüngst in der Ausstellung Faszination Papier machen den Museumsbesuch zu einem Erlebnis. Kunst soll nicht als Frontalunterricht verstanden werden, sondern Neugier wecken und eigene Kreativität fördern. Ein gutes Beispiel war die weltweit erste Ausstellung zum zeichnerischen Werk von Damien Hirst. Dort konnten Besucher und Besucherinnen eine vom Künstler entwickelte Zeichenmaschine selbst bedienen und Teil des kreativen Prozesses werden. Solche Formate werden wir dort weiterentwickeln, wo sie inhaltlich sinnvoll sind. Auch unser Familienangebot haben wir mit der neuen Family Card und zusätzlichen Programmen gezielt erweitert.
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