Die Kirche und das Gelände des ehemaligen Klarissenkonvents Ribnitz gehören zu den schönsten Frauenklosterkirchen Mecklenburgs. Hohe Kreuzrippengewölbe spannen sich über den Raum, ihre Bemalungen tragen noch immer die Farben des späten Mittelalters. Hier, wo einst der Konvent täglich das Stundengebet sang, steht heute eine der bedeutendsten Sammlungen mittelalterlicher Kunst in Mecklenburg.
Die Geschichte beginnt im frühen 14. Jahrhundert. Fürst Heinrich von Mecklenburg, genannt der Löwe (gest. 1329), gründete zusammen mit seiner Gemahlin Anna ein Kloster für den Orden der Heiligen Klara. Die Klarissen, der weibliche Zweig der franziskanischen Bewegung, lebten in strenger Armut und in einer tiefen Christusfrömmigkeit. Ihr Leben war von Stille, Gebet und Arbeit geprägt.
Besonders eindrucksvoll ist die Figur der „Heiligen Dorothea“. Die farbig gefasste Lindenholzskulptur entstand um 1370. Dorothea, die Märtyrerin mit dem Blumenkorb, galt im Mittelalter als Fürsprecherin für Hoffnung und Auferstehung. Ganz in ihrer Nähe steht eine Darstellung der Gottesmutter, „Maria auf dem Löwenthron“, ebenfalls um 1370 geschaffen, vermutlich in Schlesien. Auch die Gründerin des Ordens selbst ist präsent. Eine Figur der „Heiligen Klara“ aus Eichenholz, entstanden um 1330, erinnert daran, dass dieser Ort aus der franziskanischen Bewegung hervorgegangen ist. Klara von Assisi (1194-1253) hatte das Ideal radikaler Armut und Gottesnähe verkörpert. Besonders eindringlich wirkt der „Christus im Elend“, eine Figur aus der Werkstatt des berühmten norddeutschen Meisters Bertram, entstanden um 1370. Der leidende Christus sitzt hier mit gefesselten Händen, das Gesicht von Schmerz gezeichnet – ein Bild, das die Nonnen einst zur Betrachtung des Leidens Christi anregen sollte.
Farbige Meditationsbilder mit Szenen aus dem Leben Christi
Eine besondere Rolle spielte der Beichtvater Lambrecht Slaggert. Zwischen 1522 und 1533 wirkte er im Kloster Ribnitz. Auf seine Anregung hin entstanden um 1530 farbige Meditationsbilder, die Szenen aus dem Leben Christi zeigen: die Passion, die Kreuzigung, aber auch die Auferstehung. Diese Bilder waren für die geistliche Betrachtung gedacht. Die Nonnen sollten sich in die Szenen hineinversetzen, das Leiden Christi meditieren und daraus Kraft für ihr eigenes Leben schöpfen.
Mit der Reformation änderte sich das Leben im Kloster grundlegend. Wie viele andere Frauenklöster wurde auch Ribnitz in ein evangelisches Damenstift umgewandelt. Hier lebten nun unverheiratete Frauen aus dem Adel in einer geistlich geprägten Gemeinschaft, die jedoch nicht mehr den strengen Ordensregeln unterlag. Dieses Stift bestand erstaunlich lange – von 1599 bis 1961. Selbst in der DDR blieb es zunächst erhalten. Wappen der jeweiligen Domina, der Leiterin des Stifts, sind bis heute in der Kirche zu sehen. In den Schaukästen der Kirche liegen heute kleine Zeugnisse des evangelischen Lebens: Schreibgeräte, Taschenbücher, aber auch überraschende Dinge wie Kartenspiele, die zeigen, dass das geistliche Leben der Damen nicht nur aus Gebet bestand.
Eine der letzten Dominas war Olga von Oertzen. Sie leitete das Stift von 1946 bis 1961 und galt als ungewöhnliche Persönlichkeit. Zeitzeugen erzählen von ihrer Liebe zur Natur und zu Tieren, von ihrem Engagement im Roten Kreuz nach dem Zweiten Weltkrieg, als sie sich besonders für Flüchtlinge einsetzte. Und sie erzählen schmunzelnd, dass die Domina immer mit ihrem Hund unterwegs war und gelegentlich Zigarren rauchte – ein Bild, das kaum in die Vorstellung eines adeligen Damenstiftes zu passen scheint und doch zeigt, wie eigenwillig und lebensnah manche Persönlichkeiten der Geschichte waren.
„Gold des Nordens“
Kloster Ribnitz ist heute nicht nur ein Ort kirchlicher Geschichte. In den Gebäuden des ehemaligen Konvents befindet sich das Deutsche Bernsteinmuseum – eine der bedeutendsten Sammlungen zum „Gold des Nordens“. Bernstein, das fossile Harz urzeitlicher Wälder, hat die Kultur der Ostseeregion seit Jahrtausenden geprägt. Unter Lupen können Besucher Tiereinschlüsse betrachten: kleine Fliegen, Libellen und sogar eine Eidechse oder einen Gekko, die vor Millionen Jahren im Harz eingeschlossen wurden. Neben naturkundlichen Exponaten zeigt das Museum auch kunstvolle Arbeiten aus Bernstein. Besonders beeindruckend sind die barocken Kunstwerke aus dem 17. Jahrhundert. Ein Bernsteinkreuz aus der Werkstatt des Danziger Künstlers Christoph Maucher, entstanden um 1670, leuchtet in warmem Goldton. Daneben stehen Figuren des Hl. Antonius von Padua, Darstellungen von Aposteln und Maria sowie ein kunstvoller Christuskopf. Ein Tischkreuz und ein Hausaltar aus Königsberg, geschaffen um 1620, zeigen, wie stark Bernstein auch in der christlichen Kunst verwendet wurde. Sein warmes Licht galt als Symbol für Ewigkeit und göttliches Licht.
Ein eigener Raum widmet sich dem berühmten Bernsteinzimmer, jenem legendären Kunstwerk des 18. Jahrhunderts, das ursprünglich für den preußischen König geschaffen und später im Katharinenpalast bei Sankt Petersburg installiert wurde. Seit dem Zweiten Weltkrieg gilt es als verschollen. Das Museum erzählt die Geschichte dieses Kunstwerks und trennt sorgfältig zwischen Mythos und historischer Realität.
Deutsches Bernsteinmuseum / Kloster Ribnitz
Im Kloster 1–2
18311 Ribnitz-Damgarten
Öffnungszeiten
April–Oktober: täglich 9:30–18:00
November–März: täglich 9:30–17:00
Eintritt
Erwachsene 7 €
Kinder etwa 3 €
Der Autor schreibt als Historiker mit dem Schwerpunkt Ostdeutschland.
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