Pandemie

Corona – wie bringen wir das zu Ende?

Wie die Corona-Zeit möglichst bald zu Ende gehen kann, darüber machen sich – trotz derzeit steigender Infektionszahlen – Fachleute und Kulturskeptiker, Politiker und Gesundheitsversorger Gedanken.
Studie:«Schönes» Coronavirus als weniger ansteckend empfunden
Foto: Uncredited/Centers for Disease Control and Prevention/AP/dpa | Wie lange wird uns das Coronavirus noch begleiten? Wahrscheinlich wird es wird eine saisonbedingte Belastung bleiben.

In einem „Vorschlag zur Güte“ (Die Welt, online 21.11.21) äußerte sich der Münchener Philosoph und stellvertretende Vorsitzende des Deutschen Ethikrates Julian Nida-Rümelin pragmatisch. Er schlägt ein Ende in drei Schritten vor. Erstens: Das Ziel im Auge behalten, dass es nicht zu einer Überlastung der Intensivstationen und des Gesundheitswesens kommt. Zweitens: Eine Impfpflicht für Zielgruppen wie Hochvulnerable und deren Kontaktpersonen in Kliniken, Altenbetreuung und Pflege in Verbindung mit einer allgemeinen Impfpflicht mit Priorisierung für Ältere. Drittens: nach einem ausreichenden Impfschutz dieser Gruppen könnten die Maßnahmen zur Kontrolle des Infektionsgeschehens schrittweise zurückgenommen werden. Ein Impfangebot für Kinder ab fünf Jahren könne dazu führen, dass an Schulen auf Testungen, Quarantänemaßnahmen und Maskenpflichten verzichtet werden kann. Dann wäre ein Ende des epidemischen Ausnahmezustands der Gesellschaft erreicht oder erreichbar.

Infektion mit SARS-CoV-2 verursacht meist eine Erkältungskrankheit

Er begründet seine Einschätzung wie folgt: „Die Weltgesellschaft ist zu mobil, und die gesundheitlichen Folgen sind für einen großen Teil der Bevölkerung zu gering, als dass man mit einem völligen Verschwinden dieser Infektionskrankheit rechnen sollte.“ Seine Vision von der Zukunft: Es komme im günstigsten Fall zu infektiöseren, aber harmloseren Varianten des Virus, die sich durchsetzen. Damit würde Covid-19 zu den allgemeinen „Erkältungskrankheiten“ gehören, die jedes Jahr erneut auftreten. Ein Punkt sei dabei ganz entscheidend, nämlich das Abflauen der Angst aller Beteiligten, was er durch die Eingruppierung von Coronainfektionen unter die „Erkältungskrankheiten“ garantiert sieht.

Moralisieren, Diffamieren und Ausgrenzen hilft nicht

Zudem sei festzustellen: Der größte Teil der Bevölkerung sei kooperativ, und Maßnahmen, die durch Angebote unterstützt und durch Strafen sanktioniert werden, dienten dem gesellschaftlichen Frieden besser als „Moralisieren, Diffamieren oder die Praxis der sozialen Ausgrenzung der Ungeimpften“. Teilweise hat er mit seinen Anmerkungen wohl ins Schwarze getroffen.

Forscher merken derzeit jedoch an, dass die Überlastung der Intensivstationen (in der Versorgungforschung als Hospitalisierungsrate gefasst) kein idealer Alarmfaktor für die schnelle Eindämmung einer Virus- infektion ist. Die Konferenz der Ministerpräsidenten hatte Mitte November die Hospitalisierungsinzidenz zum neuen Entscheidungskriterium für Infektionsschutzmaßnahmen in der Bevölkerung erklärt. Dieser Wert hält fest, wie viele Patienten pro 100.000 Einwohner in den vergangenen sieben Tagen wegen einer Corona-Infektion mit Symptomen (Lungenentzündung, COVID-19) in ein Krankenhaus beziehungsweise eine Intensivstation aufgenommen wurden.

Dann gilt: Stufe 1 ab 3,0 bedeutet 2G flächendeckend bei Gaststätten, Friseur und Veranstaltungen erforderlich. Stufe 2 ab 6,0 verpflichtet zu 2G plus Testung und Stufe 3 ab 9,0 zieht Veranstaltungsverbote und Kontaktbeschränkungen nach sich. Die Ermittlung dieses Wertes ist wegen des Krankheitsverlaufs jedoch so zeitverzögert, dass damit kein frühzeitiges Reagieren auf eine Bedrohung möglich ist. Die Hospitalisierungsrate gibt jedoch einen Eindruck davon, welchen Schaden das Virus in der Bevölkerung anrichtet. Für Maßnahmen zur frühen Beendigung oder Abkürzung der Pandemie ist der Wert wenig geeignet.

Bekämpfung von Viren muss nicht neu erfunden werden

Die Sicht von der SARS-CoV-2-Infektion als Erkältungskrankheit wird von einem aktuellen Beitrag im renommierten „New England Journal of Medicine“ (11. November 2021, S. 1825) gestützt. Arnold S. Monto von der Abteilung für Epidemiologie der Universität von Michigan in Ann Arbor empfiehlt in seinem Beitrag „The Future of SARS-CoV-2“, nicht stets alles neu zu erfinden. Das Meiste über Verlauf und Bekämpfung einer Virusinfektion, die selten auch in Form einer Lungenentzündung tödlich sein kann, ist von den Wellen des Influenza-Virus bekannt, die jedes Jahr in den Wintermonaten über den Globus ziehen. Jeder reagiert anders auf das Virus. Hier gibt es deutliche Parallelen zur Corona-Infektion: Es handelt sich um eine Virus-Erkrankung der Atemwege, gefährdet sind vor allem ältere Menschen, Schutz bietet eine jährliche Impfung (derzeit nur bei der älteren Bevölkerung), deren Immunschutz im Laufe der Zeit nachlässt. Der Impfstoff gegen Influenza ist in manchen Jahren unwirksam, weil er nicht gegen die Influenza-Variante schützt, die sich am stärksten ausgebreitet hat, et cetera.

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Impfstoffe gewähren keine „sterile Immunität“ Monto kritisiert zunächst die SARS-CoV2-Impfstoffe auf mRNA-Basis, von denen zunächst eine zu optimistische Sicht bestand. Die Übertragung des Virus wurde damit nicht – wie gehofft – verhindert, auch wenn die Impfung wirksam eine symptomatische COVID-19-Erkrankung verhindern konnte. Auch geimpfte Personen können bei einer Infektion leichte Symptome entwickeln, vor allem aufgrund nachlassender Immunität, nachgewiesen durch verringerte IgA-Antikörper-Spiegel im Blut.

SARS-CoV-2 ist nicht zu eliminieren

Eine Eliminierung von Covid-19 schien zunächst möglich, vor allem weil das SARS-Virus aus dem Jahre 2002 wieder verschwunden ist. SARS-CoV-2 tat dies nicht, sondern es breitet sich in verschiedenen Städten und Regionen und auch bei Superspreader-Ereignissen aus. Wegen der Genveränderungen des Virus schreibt Monto: „Ich denke, dass jetzt klar ist, dass wir dieses Virus in der Bevölkerung nicht werden eliminieren können und dass wir langfristige Pläne entwickeln sollten, damit wir nach diesen untragbaren Infektions- und Erkrankungsanstiegen eine vollständige Kontrolle erreichen.“

Sein Resümee: Das pandemische Corona-Virus wird eine saisonbedingte Belastung bleiben. Es gesellt sich zu den bekannten saisonalen Viruserkrankungen, von denen die Influenza-Grippe die gefährlichste ist. Wie bei der Influenza können regelmäßige Impfungen schwere Erkrankungssymptome mildern oder den Tod durch eine Virus-Lungenentzündung verhindern. Die Wiederholungs-Impfung (Booster-Impfung) muss empfohlen werden, weil der Impfschutz im Laufe von sechs Monaten nachlässt. Die gleichzeitige Impfung gegen Grippe und Corona sei möglich, wobei mit Corona-Impfstoff in den Muskel und gegen Influenza unter die Haut gespritzt wird – idealerweise an unterschiedlichen Armen. Der Weltgesundheitsorganisation (WHO) wird dabei in Zukunft womöglich die Aufgabe zufallen, jedes Jahr eine neue Corona-Virusvariante zu identifizieren, die der Impfstoff in Schach halten soll. Der Unterschied zwischen beiden Impfungen bestehe derzeit darin, dass die neuen Corona-Impfstoffe gegen SARS-CoV-2 wesentlich wirksamer sind als die gegen die Influenza. Und dass nur ein geringer Prozentsatz der Bevölkerung gegen Influenza geimpft ist.

Erste Arzneimittel gegen COVID-19 zugelassen

Dass es trotzdem Impfdurchbrüche und schwere Verläufe geben wird, verstärkt nur die Notwendigkeit, dass auch Arzneimittel gegen die Erkrankung selbst – wie etwa virushemmende Mittel oder Mittel gegen die Virusentzündung in der Lunge entwickelt werden müssen. Zwei synthetische Antikörper der Firmen Roche und Regeneron gegen die COVID-19-Erkrankung hat die Europäische Arzneimittelbehörde in diesem Monat bereits zugelassen. Es besteht aus zwei monoklonalen Antikörpern, die – ähnlich wie die Standardtherapie im Krankenhaus – in der Lage sind, die Lungenentzündung durch das Virus zu bremsen.

Wir müssen mit Corona-Infektionen leben lernen, wie wir auch gelernt haben mit den Influenzaviren zu leben, schließt Monto. Unter solchen Bedingungen wäre dann auch das „Ende“ der Corona-Epidemie absehbar, das derzeit aber nicht mit einem Verschwinden des Coronavirus gleichgesetzt werden kann.

 

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