Filmrezension

„Babettes Fest“: Ein besonderer Weihnachtsfilm

Warum „Babettes Fest“ ein besonderer Weihnachtsfilm ist.
Filmszene aus  „Babettes Fest“
Foto: DT | Man trifft sich zum Essen, zu dem Babette (oben) geladen hat. Der Film zeichnet hier langsam und ausführlich das nach, was sich äußerlich und innerlich in den Tischgenossen bewegt. Fotos: Screenshot

Nachdem wir zwei Weihnachtsfeste hintereinander aus Gründen hygienischer Vorsicht menschliche Kontakte zu vermeiden angehalten wurden, wird uns in diesem Jahr geraten, auf Weihnachtsbeleuchtung und warme Stuben zu verzichten, um der Energiekrise zu begegnen.

Angstverbreitung als Erziehungsmittel

In beiden Fällen mischen sich in die pragmatischen Kataloge von Handlungsanweisungen stets Gesinnungsbefehle. Die Maßnahmen sollen nicht nur konkret effizient sein, sie sollen auch eine allgemeine Haltung anerziehen. Und zwar mit einer Methode, die in der Welt der Pädagogik längst ins Museum gestellt wurde: Angstverbreitung. Sie führt gegenwärtig dazu, dass Menschen sich selbst nach der Zeit allgegenwärtiger Coronawarnungen maskieren, auch wenn sie mutterseelenallein im Wald spazieren gehen, und derzeit auf den beleuchteten Weihnachtsbaum im Wohnzimmer verzichten, obwohl dessen Stromverbrauch durch die Bestückung mit LED-Leuchtköpern in der gesamten Weihnachtszeit nicht einmal einen Euro kostet.

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Ähnlich verhält es sich mit dem Essen. War bislang der Verzicht auf zu viel oder zu gesundheitsschädliche Ernährung eine Methode, dem eigenen Körper die Gesundheit zu erhalten, ist es jetzt die ganze Welt, deren Klima durch reduziertes und vor allem durch veganes Essen gerettet werden soll. Auch beim einsamen Mahl in der Singlewohnung entscheidet sich der Klimagerechte für die Askese. Und zwar mit dem wohligen Gefühl, das Richtige zu tun, wenn er sich den Genuss versagt.

Säkularer Calvinismus

Es ist eine Form von säkularem Calvinismus, mit dem derzeit die Welt ihrer Unbedenklichkeit in Sachen Genuss, Behaglichkeit und Geselligkeit beraubt wird. Mitsamt ihrer bunten Farben, die man aus der Mode schon lange verjagt hat, um ihren Platz durch ein schwarz-graues Einheitsdesign zu ersetzen.

Freude und Glück sind für das rechte Tun vorbehalten. Oder für eine moralapostolische Gesinnung jenseits religiöser Bezüge, die sich ungeachtet dessen möglicherweise tatsächlich aus der calvinistischen Vorstellung ableitet, dass Irdisches von Idealem ablenkt und man als Mensch die sichtbare Welt eher aushalten muss als genießen darf. Nicht anders als der Calvinist, der um der Reinheit seines Gottesverhältnisses willen die Welt asketisch negiert, versagt man sich um der Reinheit seines ökologischen Gewissens willen den Genuss als Einstieg in die Klimakorruption.

Mehr als nur ein Essen

Mitten hinein in diese Phänomenologie eines neuen Reformismus, der gegenwärtig Welt und auch Kirche bestimmt, lässt der auf der gleichnamigen Erzählung der dänischen Schriftstellerin Tania Blixen (1885–1962) basierende Film „Babettes Fest“ eine leise aber umso entwaffnendere Stimme erklingen.

1987 hat Gabriel Axel die 1958 erschienene Novelle zu einem nah am Text bleibenden Drehbuch gemacht. Seine Regieleistung besteht dabei unter anderem darin, die Erzählung nicht einfach nur zu verfilmen, sondern ihr eine Synästhesie zu verleihen. Über Bild und Ton werden verschiedene Sinneseindrücke produziert und vermischt, um dem Sujet der Novelle und der darin zentralen Inszenierung eines festlichen Gastmahls entgegenzukommen, das mehr ist als nur ein Essen.

Anspruchslosigkeit und Angst

Obwohl es tatsächlich nicht in erster Linie um das flankierende Drumherum eines Diners geht, sondern um dessen Substanz: um Essen und Trinken. Die Welt des Pietismus des 19. Jahrhunderts, in die Tanja Blixen führt, ist der Hintergrund ihrer Novelle. Diese Welt ist bar jeder Freude am Dinieren. Freude ist in dem kleinen, abgelegenen fiktiven Ort Berlevaag am Fuße eines norwegischen Fjords beschränkt auf fromme Konventikel unter Leitung des rechtschaffenen Pfarrers.

In Bibellesung, Predigt und gemeinschaftlichen Gesängen findet die Gemeinde Erbauung und wird versichert, dass die Welt eine vorübergehende Bühne ist, über die man – gerechtfertigt allein durch den Glauben und ohne Zuhilfenahme einer erdhaft sakramentalen Vermittlungsinstanz – seiner endgültigen Bestimmung entgegengeht. Das Leben der Gemeinde ist folglich von Anspruchslosigkeit und der Angst geprägt, durch irdische Bedürfnisse den Weg zum Heil zu verlieren.

Schlichte Genüsse, die immer feiner werden

Brotsuppe und Stockfisch sind die schlichten Genüsse, die auf den Teller kommen – und auch bei der Bewirtung eines Gastes darf es nur ein karger kalter Imbiss mit einer Tasse Kaffee sein. Die beiden Pfarrerstöchter Martine und Philippa, die ihr Vater nach den Reformatoren Martin Luther und Philipp Melanchthon genannt hat, spielen in ihrer Schönheit und Begabung, gleichzeitig aber auch in ihrer Scheu, zu heiraten oder aus ihren Begabungen etwas zu machen, eine zentrale Rolle. Verehrer aus der Welt des Militärs und der Oper, die in zufälligen Begegnungen mit den jungen Damen unversehens ihrer Schönheit verfallen, werden abgewiesen.

Nachdem der Pfarrer schon Jahre verstorben ist und die unverheirateten Damen einen Alltag zwischen Ordentlichkeit und frommem Gesang führen, findet dieses Leben eine unverhoffte Wende in der Ankunft einer Französin, der Witwe Babette, die 1871 während des Deutsch-Französischen Krieges in Konflikt mit der Staatsgewalt geraten war und als Flüchtling in Berlevaag landet. Sie findet Aufnahme im Haus der Schwestern und arbeitet dort fortan als Köchin. Man liebt sie für ihren Fleiß und bewundert, wie sie die einfachen Mahlzeiten stetig verfeinert und dennoch die Haushaltskasse immer weniger belastet.

Zwischen calvinistischer Weltverachtung und genussvoller Bejahung der Welt

Nach Jahren des gemeinsamen harmonischen Lebens der drei Frauen gewinnt Babette zehntausend Franc bei der Teilnahme an einer Lotterie. Ein grandioser Geldsegen und für Babette Anlass, sich für die jahrelange Gastfreundschaft der beiden Schwestern zu revanchieren. Die Gelegenheit ist überdies günstig, denn es gilt den hundertsten Geburtstag des verstorbenen Pfarrers zu feiern.

Babette entschließt sich, zu diesem Anlass ein besonderes, ein französisches Diner zu kochen, was die Schwestern nicht abzulehnen wagen, obwohl allein die Vorstellung von einem derartigen Geschehen an der pietistischen Gefühlslage rüttelt. Hier beginnt die Erzählung mit der Inszenierung des schier unversöhnlichen Gegensatzes zwischen calvinistischer Weltverachtung und der genussvollen Bejahung der Welt als Geschenk für den Menschen.

Meisterköchin des Pariser Café Anglais

Babette, die sich am Ende als ehemalige Meisterköchin des Pariser Café Anglais entpuppt, sorgt durch ihre Absicht und mehr noch durch die darauf folgenden konkreten Vorbereitungen auf das Festmahl für Entsetzen und bange Erwartung bei den Pfarrerstöchtern und den Gemeindemitgliedern. Denn sie haben allesamt von dem, dessen Gedächtnisfeier nun mit einem französischen Diner begangen werden soll, gelernt, dass kulinarischer Genuss etwas Verbotenes ist, das – wie alles andere Schöne und Bunte und Wohlige – ablenkt von der Reinheit des Gottesverhältnisses, dem das Irdische im Wege steht.

Nur mühsam schleppen sie sich schließlich zum Haus der Schwestern, um das Martyrium des verbotenen Wohlgeschmacks über sich ergehen zu lassen, nicht ohne sich zuvor gegenseitig zu versichern, dass sie ihre Zungen nicht von den Geschmäckern des Essens betören lassen wollen und sie rein erhalten werden und „behüten für das höhere Geschäft des Lob- und Dankgesanges“, wie ein weißbärtiger Bruder in der präventiven Versammlung sagt.

Einem Pontifikalamt vergleichbare kulinarische Liturgie

Man trifft sich also zum Essen, zu dem Babette geladen und deren Zutaten sie eigens in Frankreich besorgt hat. Der Film zeichnet hier langsam und ausführlich das nach, was sich äußerlich und innerlich nun in den Tischgenossen bewegt, zu denen auch Lorens Löwenhjelm gehört. Der einst abgewiesene Bewunderer von Martine ist mittlerweile General und in der Welt herumgekommen. Ein Besuch bei seiner in der Nähe wohnenden Tante hat ihn zufällig an die Tafel gebracht.

Er weiß als einziger die Speisenfolge als das zu identifizieren, was sie ist: eine einem Pontifikalamt vergleichbare kulinarische Liturgie, bestehend aus Schildkrötensuppe, Blini Demidoff mit schwarzem Kaviar, Wachteln im Sarkophag mit Gänseleber und Trüffelsauce, Baba au rhum als Dessert. Dazu  Amontillado-Sherry, Veuve Cliquot Champagner und Clos de Vougeot Pinot Noir.

Die Wandlung der Essenden

Welten begegnen sich. Und bleiben nicht so wie sie waren. Der Film kommt hier zu seinem inszenatorischen Höhepunkt. In einer besonderen Mischung aus Bild und Ton vollzieht er die Wandlung der Essenden. In der bildlichen und akustischen Darstellung der brodelnden Töpfe und der Speisenden werden Geschmacksnuancen nicht nur an Auge und Ohr des Zuschauers, sondern auch auf seine Zunge getragen. Und man erlebt sozusagen live, wie die Vorbehalte dem Irdischen gegenüber durch die Begegnung mit seiner Kultivierung eingeebnet werden.

Der General fasst dies in einer Tischrede zusammen, in der er quasitheologisch in Anknüpfung eines Wortes des verstorbenen Pfarrers auf das Verhältnis von Natur und Gnade eingeht und es unmerklich katholisiert: „Gnade und Wahrheit, meine Freunde, sind einander begegnet. Rechtschaffenheit und Himmelssegen sollen vereint sein wie in einem Kuss.“

Die Erfahrung der Güte der Schöpfung

Als die Abendgesellschaft schließlich nach Hause geht, sind alle gewärmt und berührt und in ihrer Seele verwandelt: durch die Erfahrung der Güte der Schöpfung, durch die Versöhnung, die daraus fließt und die noch am Abend alte Zwistigkeiten hatte beheben lassen, durch die Einsicht, dass Gott die Menschen nicht in die Welt wie in ein Gefängnis sperrt, sondern ihnen mittels seiner Gnade hilft, sie zu einem Ort des Heils zu machen – durch den Genuss, in dem sich das Ewige einen Ort des Vorgeschmacks gesucht hat, durch die Freude an der Gnade, die die Natur nicht ersetzt, sondern vollkommen macht. Welch eine Botschaft, gerade heute, wo der Mensch droht, sich nach der Emanzipation von seinem Schöpfer auch noch seiner selbst zu entledigen.

Sicherlich nicht zufällig ist es winterlich verschneit in der Erzählung vom warmen und wohligen Gastmahl der Babette. Aber das macht den Film noch nicht zu einem Weihnachtsfilm. Sondern weil er eine sanfte, wortlose Predigt ist über das Geheimnis der Weihnacht, in der Gott Fleisch wurde und diese Welt aufs Neue dem Menschen geschenkt hat, dass er sie nutze und an ihr selig werde.

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