Ich war nicht auf der Suche nach Liebe. Ich suchte die Gesetze.“ In den 1980er-Jahren begegnet eine niederländische Philosophiestudentin, Marie, im Laufe von sieben Jahren sieben Männern: dem Astrologen, dem Epileptiker, dem Philosophen, dem Priester, dem Physiker, dem Künstler und dem Psychiater. An diesen Männern interessiert sie vor allem der Intellekt, das Wissen, das sie befähigt, die Welt zu beurteilen. Sie versucht, die Gesetze ihrer Disziplin, die sie sich für ihr Leben gewählt haben, zu ergründen, sucht nach eigener Wahrheit und Halt in einer unsicheren Welt.
Der 1991 in den Niederlanden und 1993 auf Deutsch erschienene erste Roman von Connie Palmen wurde zum Bestseller und begründete den weltweiten Erfolg der niederländischen Schriftstellerin. Das Buch gibt die Richtung vor, der sie folgen wird – zu „I. M. Ischa Meijer. In Margine“; „Die Freundschaft“; „Luzifer“; „Logbuch eines unbarmherzigen Jahres“; „Du sagst es“, um nur einige zu nennen. Hier ist schon der eigenwillige Ton vorhanden, den sie später perfektionieren wird: eine Mischung aus intensiver Emotionalität, gebrochen durch Lakonie und Selbstironie. Das Bedürfnis nach Nähe und der gleichzeitige Wunsch nach Autonomie. Die Suche nach Wahrheit, Spiritualität und Verlässlichkeit, alles fundiert mit umfassender Belesenheit und tiefgreifender Kenntnis der großen Werke der Weltliteratur, Philosophie und Religion. Anlässlich ihres 70. Geburtstags Ende letzten Jahres wieder aufgelegt in einer neuen Ausgabe, immer noch in der Originalübersetzung von Barbara Heller – und immer noch spannend und aktuell.
Der erste für würdig befundene Kandidat der Ich-Erzählerin Marie ist der Astrologe, der ihren Lebensweg in den Sternen sieht und ihr das Schriftstellerdasein vorhersagt, der letzte der Psychiater, den sie nur noch braucht, um einen Zuhörer für die gewonnene Selbsterkenntnis zu bekommen und sie so zu manifestieren. Der Epileptiker, ein Mitstudent, dem sie bei einem Anfall auf der Straße hilft, vermittelt ihr seine Sichtweise von Krankheit: „Das Einzige, was Krankheit lohnend macht, das ist die Kristallisation des Ich in einer umfassenden Bildsprache. Nur durch Metaphern wird Krankheit zum Erlebnis, nur so findet man sich in einer Gesellschaft wieder, in die man sonst nie geraten wäre, nämlich in der von Engeln oder Teufeln, je nachdem.“
Der Künstler bricht die Blockaden auf
Beim berühmten Philosophieprofessor wird Marie später ihr Examen ablegen, bis dahin vermittelt er der jungen Frau das Gefühl, endlich gefunden zu haben, wonach sie gesucht hatte – ohne zu wissen, was genau sie eigentlich suchte. Der Priester, der auch ein bekannter Autor ist, enttäuscht sie zutiefst, er will nicht mehr Priester sein, sondern als Mann von ihr wahrgenommen werden. „Man kann nicht Schriftsteller und Priester zugleich sein, das eine ist in gewisser Weise die Deformation des anderen.“
Der Physiker, ein französischer Freund des inzwischen verstorbenen Astrologen, erzählt von der Quantenmechanik und von Albert Einsteins Bonmot „Gott würfelt nicht!“ Und dass er demzufolge nicht an den Zufall geglaubt habe. Marie verliebt sich in ihn, vielleicht auch, weil der verheiratete Physiker nach der kurzen Episode nach Paris zurückfahren wird.
Herzensdame oder Kreuzbube?
Die große Liebe jedoch erfährt Marie mit dem Künstler. Er bricht die Blockaden auf, sie kann schreiben. Und sie schreibt über die wegweisenden Begegnungen mit den sieben Männern, die wir hier in Romanform vorliegen haben. Fast alle diese Männer – Koryphäen in ihrem Fachgebiet – begegnen ihr mehr oder weniger zufällig, auch wenn sich die Zusammentreffen als schicksalhaft erweisen sollen. Und über feine Netze sind sie auch alle miteinander verwoben. Es sind ausschließlich Männer, deren Erkenntnissen die junge Frau folgt, denn:
„Die Männer machen die Gesetze. Durch die Gesetze verbinden sie weit Auseinanderliegendes, Himmel und Erde, Seele und Körper. (…) Und dann lesen sie mit ihren Gesetzen in der Hand die Welt. Und dich dazu. Wenn dies, dann jenes. Wenn so, dann so. Sie lesen einen wie ein Buch. Ich habe ihnen zugehört, ich habe gehört, was sie über die Welt zu sagen hatten, über mich vor allem. (…) Ich war zu verfügbar und gerade dadurch unerreichbar. Ein Joker war ich, ohne festen Platz, ohne feste Form, überall einsetzbar. Sie konnten aus mir machen, was sie wollten, ihre Herzdame, ihren Kreuzbuben. Es passte immer. (…) Ich liebe Männer. Sie sind einsam. Im Grunde wollen sie alle das Gleiche: Sie möchten heilig werden, göttlich. Aber es steht dem Menschen nicht zu, göttlich zu sein. Ein Mensch ist menschlich, und das ist schon schwierig genug. (…) Gott gehört nach oben, nach unten, überallhin, nur nicht ins Innere des Menschen. Göttlich sein zu wollen ist ein teuflisches Unterfangen.“ Eine fundamentale Erkenntnis der damals dreißigjährigen Connie Palmen. Und ein fantastischer, bis heute gültiger Erstling.
Connie Palmen: Die Gesetze, übersetzt von Barbara Heller, Zürich: Diogenes Verlag, 2025, 256 Seiten, Hardcover, EUR 19,–
Die Rezensentin lebt als freie Kulturjournalistin in Berlin.
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