An Tagen wie diesen ist die iPhone-App der „Jerusalem Post“ meine bevorzugte Informationsquelle. Wenn die Welt untergeht, wird das in Jerusalem garantiert als Allererstes verkündet werden. Vor ein paar Tagen las ich dort die Meldung, dass ein Sprengkopf einer iranischen Rakete nur einige Dutzend Meter von der Altstadt Jerusalems, nur einige Hundert Meter vom Tempelberg entfernt, eingeschlagen sei. Man mag sich das apokalyptische Szenario eines Treffers dieses islamischen Pilgerorts nicht ausmalen. Ich glaube nicht, dass die muslimische Welt den Iran dafür in Haftung nehmen würde. Als Westler wäre es in so einem Moment wahrscheinlich besser, sich nicht in Karachi oder in den Banlieues von Brüssel aufzuhalten.
Wir haben uns nach Jahrzehnten relativen Friedens derart an Stabilität gewöhnt, dass es uns schwerfällt, uns bürgerkriegsähnliche Situationen vorzustellen; dabei sind, historisch gesehen, Phasen der Stabilität ja der eigentliche Ausnahmezustand. Vielleicht bin ich für Untergangsszenarien aber auch einfach besonders empfänglich, da beide meine Eltern Flüchtlinge waren (mein Vater aus dem sowjetisch besetzten Sachsen, meine Mutter aus dem kommunistischen Ungarn) und plötzliche, radikale Umbrüche in meinem Familiengedächtnis fest verankert sind.
Rennfahrer und Exilanten
Aber abgesehen davon bin ich schon lange davon überzeugt, dass wir in einem Weltuntergangszeitalter leben. Ich finde, die Vorzeichen sind längst überall sichtbar. Man nehme nur die Architektur. Oder die Kunst. Was von dem, was da seit knapp einem Jahrhundert fabriziert wurde, war denn für die Ewigkeit vorgesehen? Eines der deutlichsten Vorboten ist für mich der Zustand der großen abendländischen Königshäuser. Wer wissen will, was aus der alten Welt geworden ist, muss sich nur die Verfassung der Häuser Habsburg und Bourbon ansehen. Der künftige Chef des einstigen „Erzhauses“, also des ersten aller Geschlechter, ist Hobby-Rennfahrer; der letzte Chef des Hauses Bourbon bettelt derzeit darum, aus seinem Wüstenexil in die spanische Heimat zurückkehren zu dürfen.
Im Schatten des Epstein-Skandals, der neben der norwegischen auch die englische Monarchie zunehmend diskreditiert, wirken die Verfehlungen des alten Juan Carlos plötzlich wie Banalitäten. Ich habe inzwischen meine Zweifel, ob das britische Königshaus – das ja einst als Inbegriff von Stabilität galt – die gegenwärtigen Umbrüche überstehen wird. Charles wirkt wie ein angeschlagener, müder König aus einem Shakespeare-Drama, sein Sohn William auf mich geradezu lustlos. Er hat auch schon mehrfach kundgetan, dass ihm der ganze Pomp und das Brimborium eine Last seien und dass er sich auch nicht als Oberhaupt der Church of England sehe. Wahrscheinlich ist er zu ungebildet, um zu wissen, dass ohne all das die britische Monarchie verfassungsrechtlich ziemlich nackt dastünde.
„Es ist die Zeit der Könige nicht mehr“, schrieb Nietzsche in „Also sprach Zarathustra“ und fügte noch an: „Was sich heute Volk heißt, verdient keine Könige.“ Aus heutiger Sicht muss man hinzufügen, dass dies auf Gegenseitigkeit beruht und das Volk auch solche Royals nicht verdient hat.
Der Autor ist Journalist und Schriftsteller.
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