Logo Johann Wilhelm Naumann Stiftung Wendepunkte großer Geister

Als Simone Weil sich als Mystikerin offenbarte

In einer neuen Feuilleton-Serie werden Wendepunkte im Leben großer Geister dargestellt. Zu Beginn geht es um die bedeutende französische Philosophin und Sozialaktivistin (1909-1943).
Simone Weil gilt als eine der großen Philosophinnen und Mystikerinnen des 20. Jahrhunderts.
Foto: via www.imago-images.de (www.imago-images.de) | Simone Weil gilt als eine der großen Philosophinnen und Mystikerinnen des 20. Jahrhunderts.

Es war bereits um Mitternacht, als die Philosophin Simone Weil am 28. März 1942 direkt von Bahnhof in Carcassonne zur Rue de Verdun Nr. 53 eilte, um den seit 1918 nach schwerer Verwundung bettlägerigen Schriftsteller Joë Bousquet aufzusuchen. Der übliche Weg für Besucher führte über einen langen Flur vor eine Tür zu seinem Zimmer im ersten Stock des alten Bürgerhauses. Nach höflichem Klopfen durfte man eintreten und stand zunächst im Dunkeln hinter einem schweren, lichtundurchlässigen Vorhang, den man wie bei einer Theateraufführung beiseiteschieben musste.

Lesen Sie auch:

Dann öffnete sich gewissermaßen die Bühne, wo im Dämmer des stets abgedunkelten Raumes Bousquet halb aufgerichtet im Bett schrieb, las oder im Gespräch mit Freunden war. Oft waren es Gäste aus der Künstler- oder Literatenszene, denn sein Zimmer hatte sich zu einem Treffpunkt französischer Intellektueller entwickelt. Am Kopfende lagen in Reichweite Stapel seiner bevorzugten Bücher, vor ihm waren Briefe, Notizhefte und Zeitungen ausgebreitet. Ein schwerer Dunst von Medizin, Kräutertee und der Opiumpfeife, die seine Schmerzen linderte und ihm Bilder für seine surrealistischen Romane eingab, nahm einem den Atem. Der spärliche Schein der wenigen Lampen fiel auf die Werke teils befreundeter Künstler, insbesondere von Max Ernst, mit denen die Wände bis hinauf zur Decke dekoriert waren. 

Ein Gespräch unter Enthusiasten der Kultur

Simone Weil konnte den Weg zu Bousquet durch den sogenannten „Künstlereingang“ nehmen, der über eine Seitentreppe engen Freunden direkten Zugang ermöglichte, denn sie wurde von Jean Ballard begleitet, dem Herausgeber der südfranzösischen Kulturzeitschrift Cahiers du Sud. Bousquet schrieb für diese Zeitschrift und arbeitete an einer Sondernummer zum Thema „Der Geist Okzitaniens und der mediterrane Mensch“, für die auch Weil Artikel beigesteuert hatte – unter dem Pseudonym Emile Novis, denn sie war als Jüdin unter der Vichy-Regierung auch im unbesetzten Teil Frankreichs gefährdet und stand kurz vor der Emigration über Marseille, wo sie seit Herbst 1940 mit ihren Eltern lebte. Persönlich kannten sich die beiden noch nicht. Zunächst war Bousquet, der sich gerne von jungen attraktiven Frauen umschwärmen ließ, enttäuscht von der Erscheinung dieser „Frau, hager wie eine Bohnenstange unter einer riesigen Baskenmütze“, gehüllt in eine um ihren Leib schlackernde schwarze Pelerine, geriet aber bald in den Bann ihrer zwingenden geistigen Ausstrahlung, ihres forschenden Blicks und ihrer eindringlichen Art zu sprechen.

Nachdem Ballard sich zwei Stunden später verabschiedet hatte, ging das Gespräch noch bis in den frühen Morgen. Spontan entstand ein vorbehaltloses gegenseitiges Vertrauen. Das Anliegen Weils war vor allem, von dem hochdekorierten Veteranen ein Empfehlungsschreiben an die französische Exilregierung in London zu erhalten, das die von ihr geplante Gründung einer Gemeinschaft von Sanitäterinnen unterstützte, die unmittelbar im Kampfgeschehen die Verwundeten versorgen sollten. Bald aber kamen auch andere Themen zur Sprache, die beide bewegten und denen sie in unnachgiebiger Selbstbefragung nachspürten: Verletzungen, Traumata und Leid ebenso wie die Mystik. So lässt es sich aus dem späteren Briefwechsel der beiden erschließen. 

Zwei Liebhaber der Mystik

Bousquet befasste sich intensiv mit den Mystikern, suchte damit aber den Weg ins eigene Ich und die Intensivierung des Lebens, eine religiöse Praxis kannte er nicht. Mit dem mystischen „abandon“, der Selbstentsagung, verband ihn das Bestreben, im Einverständnis mit Schmerz und Leid seinen Zustand zu „naturalisieren: „Geh, gib dich deinem Schmerz hin und denke nicht, dass er enden könnte.“ Der Tod war ihm bei wiederholten gesundheitlichen Krisen stets gegenwärtig, aber als Mahnung, den Augenblick zu leben. Seine am Surrealismus orientierten Romane, waren ihm ein Mittel zum Überstieg seines leidvollen Lebens und zur Vervollständigung seines „halbierten Leibes“ in den Phantasmen der Imagination: „Der Traum wird mir das wirkliche Leben wiedergeben.“

Simone Weil dagegen, lange Aktivistin der syndikalistischen Linken und während des Studiums unter dem Spitznahmen „Rote Jungfrau“ bekannt war, hatte sich seit 1935 durch religiöse Erfahrungen dem Christentum angenähert. Ende 1938 erfuhr sie dann unvorbereitet und mit ungeheurer Intensität die göttliche Gegenwart. Bei den metaphysischen Dichtern des 17. Jahrhunderts hatte sie das Gedicht „Love“ von Georges Herbert (1593-1632) entdeckt, wo es unter anderem mit Anklängen an das Altarsakrament heißt: „Du musst, spricht Liebe, niedersitzen und mein Mahl genießen. So setzte ich mich denn und aß.“ Sie meditierte es, bis sich dann plötzlich das Außerordentliche ereignete. Beglaubigt wurde ihr diese Erfahrung noch ein weiteres Mal. Auf Vermittlung des nahezu blinden Dominikanerpaters Joseph-Marie Perrin, mit dem sie lange religiöse Gespräche führte und die Möglichkeit der Taufe erwog, fand Sie im Herbst 1941 Beschäftigung auf dem Weingut des autodidaktischen Bauernphilosophen Gustav Thibon. 

Das Vaterunser als Quelle der Mystik

Mit ihm studierte sie Platon und vor allem das Vaterunser auf Griechisch. Dieses christliche Gebet wurde zum Auslöser für erneute mystische Erhebungen. Sie las es jeden Morgen mit „unbedingter Aufmerksamkeit“, wobei sie regelmäßig entrückt wurde. Simone Weil hatte bis zum Treffen mit Bouquet ihre Begegnungen mit dem Göttlichen noch niemandem offenbart. Auch in dem nächtlichen Gespräch deutete sie das nur an. Sie rezitierte für Bousquet das Gedicht „Love“ und offenbar sprach sie auch über das Neue Testament auf Griechisch. Der Riegel vor der für sie selbst unglaublichen Erinnerungen daran hatte sich in dem vertrauensvollen Gespräch mit Bousquet ein Stück weit gelöst. 

Nach den Ostertagen, die sie in Benediktinerabtei En Calcat verbrachte, war sie am 6. April wieder zurück in Marseille. Am 13. setzte mit einem Brief von ihr an Bousquet die bemerkenswerte Korrespondenz ein, in der Simone Weil sich als Mystikerin offenbarte. Zu Anfang spricht sie noch verschlüsselt über das, worum es ihr ging. Nur der unverstellte Blick auf die Realität führe zum Wahren und Guten. Sie sieht Bousquet auf einem guten Weg dahin, womit sie tatsächlich durchblicken lässt, dass sie seinem Rückzug in die surrealistische Traumwelt missbilligt. Bousquet antwortete wegen einer erneuten gesundheitlichen Krise erst Ende April. Er suche vielleicht nichts anderes als das Glück und das Vergessen des Todes, schreibt er und bekräftigt sein literarisches Credo, das „Leben zu träumen“.

Die "unverschleierte Realität" suchen

Aber er hatte genau verstanden, was sie mit dem Hinweis meinte, man müsse die „unverschleierte Realität“ suchen, und drängte sie, von ihren mystischen Erfahrungen zu berichten. „Sie würden viel Schönes über die göttliche Liebe schreiben“, lockt er sie. Das tat sie dann tatsächlich in ihrem Schreiben vom 12. Mai, kurz vor ihrer Einschiffung nach New York. Zunächst kam sie noch einmal auf die Notwendigkeit zu sprechen, die Realität unverhüllt ins Auge zu fassen, denn die Träumerei sei Lüge. „Sie schließt die Liebe aus. Die Liebe ist real.“

Dann schließlich schilderte sie zum ersten Mal, was sie zuerst dreieinhalb Jahre zuvor erfahren hatte, nämlich die übernatürliche und reale göttliche Liebe. Ohne darauf vorbereitet zu sein, denn „selbst das Wort Gott hatte keinen Platz in meinen Gedanken“ und ohne etwas über die Mystik gelesen zu haben, begegnete ihr, „eine Gegenwart, persönlicher, gewisser und realer als ein menschliches Wesen, unfassbar für Sinne und Imagination, analog der Liebe, die durch das zärtlichste Lächeln eines geliebten Wesens hindurchschimmert. Von diesem Augenblick an glitt der Name Gott und Christus unwiderstehlich und mehr und mehr in mein Denken."

Ein Dialog mit Nachwirkungen

Damit waren die Schleusen geöffnet für das, was sie bis dahin über dreieinhalb Jahre mit sich herumgetragen hatte, ohne darüber zu sprechen. Zwei Tage nach dem Brief an Bousquet, entstand ihre an Père Perrin gerichtete „Spirituelle Autobiographie“, in der sie ihren Glaubensweg und ihre mystischen Gottesbegegnungen eingehend schilderte. In New York dann füllte sie Heft um Heft in fliegender Hast mit Gedanken über Gott und Religion.

„Es ist also Joë Bousquet zu danken, dass Simone Weil zur mystischen Schriftstellerin wurde“, konstatieren die Weil-Experten Florence de Lussy und Michel Narcy, die den Briefwechsel der beiden herausgegeben haben. Auch auf Bousquet blieb die Begegnung nicht ohne Nachwirkungen. Wenige Monate danach, im August 1942 erklärte er gegenüber Abbé Gabriel Sarraute, sein Leben in der Religion, in der er aufgewachsen war, beenden zu wollen.

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Hartmut Sommer Credo Eucharistie Jesus Christus Max Ernst Platon Simone Weil Vaterunser

Weitere Artikel

Kirche

Der neueste Skandal um die Verwendung der Kunst von Marko Rupnik, der des sexuellen Missbrauchs beschuldigt wird, zeigt die Kommunikationsdefizite des Vatikans.
25.06.2024, 11 Uhr
Sebastian Ostritsch
Die Eucharistische Prozession macht Halt in Champion, dem einzigen anerkannten Marienerscheinungsort der USA. Mehr als 2.000 Gläubige schließen sich dort der Prozession an.
24.06.2024, 14 Uhr
Kai Weiß
Wieder eine Aufgabe für den Sekretär von Benedikt XVI.: Die Zeit der gespannten Beziehungen zu Franziskus ist beendet.
24.06.2024, 12 Uhr
Guido Horst
Der Bischof von Dresden-Meißen lud ein, eigene Grenzen und Ängste zu überwinden und Jesus ganz zu vertrauen. Landesbischof Bilz lobte die verschiedenen Gruppen der Kirche.   
23.06.2024, 14 Uhr
Meldung