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Als Bonaventura die Franziskaner rettete

Zuerst musste der Heilige den noch jungen Orden vor der Spaltung bewahren – später begab er sich selbst auf Franziskus' Spuren.
Hl. Bonaventura
Foto: IMAGO/Mauro Magliani | Buch dabei: der heilige Bonaventura war beides - Gelehrter und Mystiker.

Als der junge Bonaventura (1221-1274), der später zu einem der größten Theologen des Franziskanerordens werden sollte, im Jahre 1235 zum Studium an die Universität Paris kam, war die Umwandlung der Minderen Brüder in einen Großorden in vollem Gange. In Paris bauten sie ab 1231 ein großes Ordenshaus. Dort ist Bonaventura in den Orden eingetreten, wahrscheinlich im Jahre 1243, nach Abschluss seines Studiums der Sieben Freien Künste.

Der Ordensnachwuchs erhielt zu dieser Zeit bereits eine akademische Ausbildung, und Franziskaner waren auch selbst in der Lehre tätig, denn der bedeutende Theologe Alexander von Hales, der 1236/37 schon betagt dem Orden beigetreten war, hatte seinen Lehrstuhl für Theologie mitgebracht. Nach dem Willen des Franziskus dagegen sollten seine Brüder durch ein vorbildliches Leben in Armut, Schlichtheit und Christusnachfolge wirken, als Wanderprediger ohne feste Bleibe. Das Leben Bonaventuras im großen Konvent von Paris sah ganz anders aus. Das Kloster bot ein gesichertes Umfeld und ermöglichte ihm die Fortsetzung seiner Studien. Prägend für ihn war vor allem die hohe wissenschaftliche Bildung seines Lehrers Alexander von Hales, dann erst die ferne, schon legendarische Gestalt des Franziskus. Nachdem er 1253 zum Magister promoviert worden war, lehrte er bis 1257 als vierter Nachfolger des Alexander von Hales auf dem franziskanischen Lehrstuhl für Theologie und verfasste sein „Breviloquium“, ein Lehrbuch für Theologiestudenten. Kurz, sein Leben war geprägt durch die akademische Welt.

Gegen Schwärmer und Besitzstandwahrer

Inzwischen verschärften sich die Auseinandersetzungen mit den weltgeistlichen Lehrern der Universität. Anfang 1256 war eine von Wilhelm von Saint-Amour verfasste Kampfschrift erschienen, die das Existenzrecht der Bettelorden infrage stellte. Bonaventura antwortete darauf mit einer wohlbegründeten Entgegnung. Sein souveränes Eingreifen in dieser Auseinandersetzung wird einer der Gründe dafür gewesen sein, dass er am 2. Februar 1257 zum Generalminister des Ordens gewählt wurde, als siebter Nachfolger des Franziskus. Der Orden benötigte einen herausragenden Kopf an seiner Spitze, der einerseits den Gegnern des Ordens auf gleichem Niveau entgegentreten konnte, der aber auch ausgleichend genug war, um die im Orden selbst verschärft aufbrechenden Auseinandersetzungen um das wahre Erbe des Franziskus zu schlichten und die auseinanderstrebenden Flügel zu binden. Eine schwärmerische Richtung des Ordens, die sogenannten Spiritualen, beharrten fundamentalistisch darauf, die Lebensform der Frühzeit unverändert beizubehalten. Feste Häuser, Vorratshaltung und Vorsorge, jegliche Form des Besitzes oder der Geldverwendung, auch über Treuhänder, waren für sie Abfall vom Stifterwillen. Der Orden drohte an der Spannung zwischen dem hohen, ja uneinholbaren Ideal und den organisatorischen Notwendigkeiten wieder zu zerbrechen.

Bonaventura, der über zwanzig Jahre im Hörsaal und auf dem Katheder verbracht hatte, stand damit vor einer schwierigen Aufgabe. Er musste den Orden, der bereits über dreißigtausend Brüder in zweiunddreißig Provinzen hatte, durch eine seiner schwersten Krisen führen. Zu seinen ersten Amtshandlungen gehörte die Teilnahme an der kirchlichen Untersuchung gegen seinen abgesetzten Vorgänger Johannes von Parma, der auf seinem Fundamentalismus beharrte.

Die noch lebenden Alten der Frühzeit begegneten Bonaventura mit Vorbehalten, ja Feindschaft. Mit Langmut und Milde ertrug er ihre Grillen, wenn sie ihren Spott über ihn ausschütteten, etwa wenn Ägidius, der dritte Bruder, der sich Franziskus angeschlossen hatte, ausrief: „Paris, Paris, du bist der Ruin für den Orden des heiligen Franziskus!“ Maßvoll und geduldig, aber doch unbeirrt folgte er seinem Kurs zur Konsolidierung des Ordens. Er wollte einen organisatorischen Rahmen schaffen, der den neuen Aufgaben angemessen war und gleichzeitig die Spiritualität des Franziskus lebbar machte. Dabei handelte er nicht nur als nüchterner Sachwalter und Organisator. Es ist gewiss etwas auf ihn übergesprungen vom Feuer der unbedingten Hingabe der noch lebenden Alten an ihr Ideal. Sehr genau hörte er zu, wenn sie von Franziskus und ihren eigenen Erfahrungen berichteten, denn er sah, dass sie in Bereiche vorgestoßen waren, die er mit den Schlussketten des wissenschaftlichen Denkens nicht hatte erreichen können. Bonaventura wollte diesem Geist des Franziskus und seiner ersten Brüder an den Orten der Frühzeit näherkommen, als er sich 1259 auf die Spuren seines Ordensvaters begab, zuerst im Rietital, dann auf dem Berg La Verna.

Unterwegs zum Symbolismus des heiligen Franziskus

Das Hochtal von Rieti ist auch heute noch eine abgeschiedene Welt für sich. Franziskus fand hier ideale Bedingungen für seine Lebensform. In den unwegsamen Höhenzügen gab es Grotten, die sich als Rückzugsorte eigneten. Vier franziskanische Klöster hüten Reste der Einsiedeleien des Franziskus als Heiligtum. Eine Grotte in der Einsiedelei von Greccio war im Jahre 1223 Ort einer der zeichenhaften Inszenierungen des Franziskus, mit denen er direkt die Herzen der Menschen berührte. Für die Feier der Heiligen Nacht ließ er dort einen Stall mit Krippe, Ochs und Esel aufbauen: Er wollte sich die Armut, in die der dreieinige Gott zu seiner Menschwerdung als Jesus Christus herabgestiegen war, bildhaft vor Augen führen. In Greccio bezog Bonaventura in dem Kloster, das man über der ehemaligen Einsiedelei errichtet hatte, eine der Zellen, die noch heute in dem alten Gemäuer, das aus dem Fels hervorzuwachsen scheint, zu sehen sind.

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Im Refektorium, wo im Kamin das „gemeinschaftliche Feuer“ des Konventes brannte, hat Bonaventura den Alten zugehört. Ganz genau behielt er ihre Worte im Ohr, sodass er noch gegen Ende seines Lebens Ägidius zitierte, der ihn vor dem Streben nach Wissen ohne Liebe gewarnt hatte. Immer besser gelang es ihm, sich in ihr symbolisches Denken und mystisches Erleben hineinzufühlen. Das begriffliche Denken behielt für ihn seine Gültigkeit als Erkenntnisweg, aber der Symbolismus, wie er auch die ältere Mönchstheologie geprägt hatte, wurde für ihn mehr und mehr zu einem darüber hinausführenden Zugang. Franziskus war ein Meister religiöser Symbolik, die seine starke suggestive Wirkung erklärt. Bonaventura suchte einen Weg, diese herausragende Bedeutung des Franziskus festzuhalten, ohne in die sektiererischen Übertreibungen der Spiritualen zu verfallen.

Den Stigmata auf der Spur

Das war es sicher auch, was ihn bewegte, als er im Herbst des Jahres 1259 das Rietital verließ, um auf dem Berg La Verna in der Toskana das Ereignis der Stigmatisierung des Franziskus am Ort des Geschehens besser zu verstehen. Unterhalb des Monte Penna (1283 m) auf einem La Verna genannten Plateau lag die Einsiedelei der Brüder. Sie bestand nur aus Hütten am Rande schroffer Klippen, die hier aus dem Wald aufragen. Ein klaffender Abgrund trennt das Plateau von einem Felsen, auf den sich Franziskus zuletzt zurückgezogen hatte, als sein Bedürfnis nach Einsamkeit immer größer wurde und die mystisch erfahrene Nähe Gottes immer überwältigender. Um seine dort eingerichtete Zelle zu erreichen, musste man über einen Baumstamm balancieren, den die Brüder über den Abgrund gelegt hatten. Mitte September 1224 gipfelten dort seine Erfahrungen in der Vision eines Engels mit sechs Flügeln. Im Alten Testament, bei Jesaja (6,2), sind solche Seraphim beschrieben, aber der Seraph in der Vision des Franziskus war gekreuzigt, ein Prägeengel, der ihm die Wundmale Christi aufprägte.

Als Bonaventura nach La Verna kam, war der Ort dieses Geschehens noch nackter Fels. Erst 1263 wurde die Stigmatakapelle errichtet. Der Felsen, auf dem die Zelle des Franziskus stand, ist heute mit einem Labyrinth aus Kapellen umbaut. Neben dem Zugang zur Stigmatakapelle führt eine Treppe hinunter in die Kapelle des heiligen Bonaventura. Es ist die Zelle, die er sich für seinen Aufenthalt dicht beim Ort des Geschehens errichten ließ.

Vom Gelehrten zum Mystiker

Von seinem Schreibpult aus brauchte er nur die Hand auszustrecken, um den kalten runzeligen Stein zu berühren, auf dem Franziskus in höchster mystischer Versenkung die Stigmata empfangen hat. Die intensiv nachempfundene Vision des Franziskus gab ihm den Grundgedanken zu seinem mystischen Hauptwerk, dem „Itinerarium mentis in deum“, seinem „Pilgerbuch der Seele zu Gott“, das die sechs Flügel des von Franziskus geschauten Engels auslegt als sechs Stufen zur mystischen Schau: „Sie beginnen bei den Geschöpfen und führen bis zu Gott, zu dem man in rechter Weise nur durch den Gekreuzigten gelangt.“

Die Zeit auf La Verna hat Bonaventura verändert: „Das ,Itinerarium mentis in Deum‘, das Bonaventura aus diesen Wochen der Einsamkeit mitbrachte, ist ein erstes Zeichen einer neuen geistigen Gestimmtheit. Von diesem Büchlein an tritt immer mehr die Gestalt des heiligen Franz beherrschend in die Mitte seines Denkens, und zwar jener Franz, den man zutreffend ,das Christusbild des Mittelalters‘ genannt hat“ (Benedikt XVI.). Bonaventura sah realistisch, dass Franziskus in Regionen mystischer Erfahrung vorgedrungen war, die nur ganz wenigen vorbehalten sind. Aber er wollte sich in dessen geistigen Pilgerweg so weit wie möglich hineinversetzen und hineinleben, ihn begehbar machen für andere und ein Itinerarium, eine Reisebeschreibung liefern für den Pilgerweg der Seele in Gott hinein. Und dieser Weg ist kein sicher gebahnter Weg, den wir allein finden können: „Denn wie sehr auch die Stufen in unserem Inneren wohlgeordnet sein mögen, es nützt nichts, wenn Gottes Hilfe uns nicht zur Seite steht.“

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