Feuilleton

Exzessive Kopfgeburten

Im Schock der Moderne: Der Schriftsteller James Joyce starb vor 75 Jahren. Von Burkhardt Gorissen
James Joyce mit stechendem Blick
Foto: IN | Mit stechendem Blick: James Joyce.

James Joyce kam am 2. Februar 1882 in Dublin zur Welt. Er besuchte verschiedene von Jesuiten geführte Schulen und studierte Literatur und Sprachen am University College, das seinerzeit ebenfalls unter jesuitischer Obhut stand. „Komm rauf, Kinch! Komm rauf, du feiger Jesuit!“, heißt es gleich in den ersten Zeilen seines Hauptwerks „Ulysses“. Und der dicke Buck Mulligan intoniert „In troibo ad altare Dei“, als müsste ein gotteslästerliches Geläut am frühen Morgen der Kehle entspringen, wo doch gegen sieben im alten Dublin die Glocken zum Angelus geläutet haben durften, wie damals überall in der katholischen Welt, in einer Zeit, als Frömmigkeit noch kein Ausdruck relativistischer Obliegenheiten darstellte. Und Kinch? „Über den fadenscheinigen Stulpenrand sah er die See“… Da fängt Sprache an, Sprache zu werden, nein, besser, Sprache zu sein. „Ulysses“ ist ein Weltroman, kein Allerwälzroman.

Was trieb diesen Joyce? Hielt er die Jesuiten für feige?

Eher nicht. Er, der viele Augenoperationen erleiden musste, weil eine Augenkrankheit immer wieder sein Augenlicht trübte, hatte seine eigene Sicht auf die Dinge. Er stand in ferner Nähe zum Katholizismus, jener Kinch, eigentlich Stephen Dedalus, das ist Joyce' Alter Ego, dessen feinsinnige Dialektik an der intellektuellen Gedankenschärfe der Jesuiten geschult ist. Selbst die aus der „Schule der Atheisten“ (Arno Schmidt) kommen, müssen zugeben, mancher Joyce'sche Ausflug in die große, tiefe Welt der Metaphysik, scheint jenen jesuitischen Exerzitien geschuldet, die Joyce im spannungsreichen Unterricht seiner jesuitischen Lehrer erfahren haben durfte. Nur katholisch, das wollte er nicht sein, da war Joyce als Kind seiner Zeit ganz gefangen in der Moderne. Jener Moderne, deren mannigfaltiges Wissen er im „Ulysses“ in Form eines Inneren Monologes kaleidoskopartig kunstvoll auffächerte. Diese Technik wird als seine große Entdeckung gefeiert. Sie ist es nicht. Édouard Dujardin legte 1887 dafür in seinem in den unteren Kategorien der Weltliteratur aufgelisteten Roman „Die Lorbeerbäume sind geschnitten“ die Grundlage. Das soll Joyce' Entdeckerqualitäten keineswegs schmälern, erst unter seiner Federführung (ein Wortspiel, das ihm gefiele), schält sich der Innere Monolog in seiner ganzen changierenden Vielgestaltigkeit heraus. Ein Alleinstellungsmonopol, das ihm bis heute gilt, denn Joyce' Epigonen, Arno Schmidt oder Alfred Döblin als ihre Belangreichsten, hausen weit unter dem Horizont des Meisters aus Dublin.

Bei Döblin allerdings muss man eine Ausnahme machen. Noch tiefer Epigonen wie Brinkmann oder Jahnn, im kulturbolschewistischen Elfenbeinturm, der zum Gefangenenturm wird, wenn man ihn als einzigen Blickwinkel zur Welt nimmt. Wer soll auch das Original erreichen, wenn es nur ein Original bleiben kann? Will man's toppen oder wenigstens gleichtun, da steht man denn zwangsläufig hinter dem Meister zurück, macht sich hier und da anheischig mit Spielereien im Joyce'schen Stil; was sich daraus ergibt, sind enzyklopädische Fata Morganen, die im mathematischen Morast von Morphemen, Items, Doppel-, Hinter- und Unsinnigkeiten steckenbleiben, krampfhaft um Originalität bemüht. Nein, Joyce hatte selbst in seinem homerischen Gelächter, das wohl eher einem zickenhaften Gemecker als einem pandämonischem Ausbruch glich, mehr Facetten, als seine Epigonen in ihren epischen Ergüssen.

Als der Erste Weltkrieg tobte, hatte Joyce schon ein kleines Oeuvre geschaffen, sein Gedichtband „Chamber Music“ zählte dazu, einige Erzählungen für den geplanten Novellenband, der später unter dem Titel Dubliners erschien, und der autobiographische Roman Ein Porträt des Künstlers als junger Mann, für den Joyce modellhaft seine eigene Kindheit und Jugend, seine Auseinandersetzungen mit dem Katholizismus und seine literarische Entdeckerzeit benutzte. Die Kopfgeburt Stephen Dedalus begann zu wachsen. Der Verkauf seiner Bücher tendierte gegen Null. Joyce gehört zu den in Feuilletons und Fachzeitschriften häufig besprochenen und als Genie angepriesenen Schriftstellern, doch er teilt das Schicksal vieler literarischer Geistesheroen: er wird wenig gelesen. Nicht, dass seine Bücher heute nicht gekauft würden, im Gegenteil, vor allem der „Ulysses“ hat alle Jubeljahre Hochkonjunktur. Aber die meisten Leser stellen das Werk nach den ersten Kapiteln in den Schrank.

Erst recht geht es denen, die sich an „Finnegans Wake“ heranwagen so. Warum hat der durch „Ulysses“ mit einem Schlag weltbekannt gewordene Autor dieses amorphe Werk überhaupt geschrieben? Joyce, der Monolith, drohte hinter dem „Ulysses“ unsichtbar zu werden, wohl deshalb dachte er daran, den Geniestreich durch einen Hypergeniestreich zu toppen. Doch mehr als einen Weltroman schafft ein Autor wohl kaum. Gewiss, „Finnegans Wake“ setzte in der Weltliteratur neue Maßstäbe. Jedenfalls behauptet das die Literaturkritik, besser gesagt jener Teil, der aus echten Connaisseuren und notorischen Gescheitmeiern besteht, die das Undurchdringliche zum Gesetz erheben, um sich über den schäbigen Rest der Welt zu erheben. Joyce selbst war ironischer. Die Frage, warum er„Finnegans Wake“ in einer so rätselhaften Sprache verfasst habe, beantwortete er so: „Um die Kritiker dreihundert Jahre lang zu beschäftigen.“ Sein Bruder Stanislaus konstatierte erbittert: „Ich lehne es jedenfalls ab, mich von einem literarischen Derwisch in einem wirren Tanz herumwirbeln zu lassen.“

Wen interessiert's? Finnegan tanzt und seine Figuren mit ihn. Die Hauptfigur Humphrey Chimpden Earwicker, ein stotternder Wirt im finstersten Dublin, verwandelt sich in Adam, Noah und Joyce' eigenen Vater, in Cäsar und Lord Nelson, in einen Griechen und Trojaner, Franken und Normannen. Seine Ehefrau Anna Livia Plurabelle, die bekannteste Figur des Romans, durchläuft ähnliche Metamorphosen; als Göttin, Urmutter, Eva des Paradieses und die Isolde der Tristan-Sage flüstert sie vom Sündenfall und vom Raub der Sabinerinnen und rauscht als Fluss Liffey durch die Stadt Dublin dem Meer entgegen. Der Text ist verkapselt wie eine Muschel. Wer anfängt zu lesen, braucht Genie oder Humor, um entweder verstehen zu wollen oder nicht verstehen zu können. Hier wird der Text zur Ouroboros-Schlange. „Finnegans Wake“ steht wie eine Drohung über dem „Ulysses“, doch das opulente Opus verstaubt im Hinterstübchen der Weltliteratur, zwischen Dada und Freuds „Zur Psychopathologie des Alltagslebens“. Oder wie es im Werk selbst heißt: „… Flußflaufs, vorbei an Adam und Eva, von KüstenKurven zur BruchtBiegung, führt uns durch einen kommodien Ouikuß der Rezierkuhlation zurück nach Haus Castell und Emccebung…“. Natürlich, die Literatur des 20. Jahrhunderts ist eine Parade der Nervösen, der Haltlos-Exzessiven, die mit Morphium viele kleine Tode sterben, Joyce blieb als Ire dem Alkohol zugetan.

Wer Joyce' Arbeit angemessen würdigen will, muss sich seine Zeit vergegenwärtigen. Die Menschen, durch Industrialisierung und Technisierung ihres Kompasses beraubt, verharrten im Schock der Moderne. Die alten Strukturen brachen auf, alte Sicherungssysteme, die Familie, funktionierten nicht mehr, eine Landflucht begann, und die Städte, sie waren ein Moloch, der Seelen zerfraß. Die Kunst, wie immer nichts anderes als Abbild und Nachbild des Seienden, suchte nach Antwort. In der Zeit, als James Joyce mit den gewohnten Lesegewohnheiten brach, indem er die psychologische Vielsinnigkeit eines Textes, ja, eines Wortes, herausarbeitete und bis in die kleinsten Verästelungen atomisierte, brach auch Arnold Schönberg mit den bis dahin gewohnten Hörgewohnheiten. Indem er die Methode des Komponierens mit zwölf nur aufeinander bezogenen Tönen (1921) einführte, konnte erstmalig der kakophonische Lärm der Städte eingefangen werden, der jedem harmonischen Kontrapunkt zuwiderlief. Und ein anderer Meister war es, der, von der Ruhelosigkeit dieser Zeit infiziert, etwas Neues schuf, Pablo Picasso. Während Joyce und Schönberg die bis dato gewohnten Lese- und Hörgewohnheiten defragmentieren, defragmentierte Picasso die gewohnten Sehgewohnheiten, was sich an seiner kubistischen Phase (um 1910) ablesen lässt – Gesichter und Körper mutieren zu scheinbar zufällig zusammengewürfelten Erscheinungen. Die Welt schrumpfte zum rein irdischen Konstrukt, die Menschen, nunmehr selbst Meister ihres eigenen Schicksals, mussten, ihrer Ganzheit beraubt, in Fragmente des Daseins aufgespalten werden.

Genau da setzte Joyce an und landete bei einer Odyssee durch die Menschheitsgeschichte. Im Februar 1922 stellt er sein Opus vor, das das intellektuelle Leserpublikum über Jahrzehnte zu enthusiastischen Lobpreisungen oder zu heftiger Kritik animierte. Da war die Kunst wieder groß, nicht politisch motivierte Ramschware, sondern der Künstler als Geistesheros, einem Abgott des griechischen Götterhimmels gleich, der die Religion ablöste und den Glauben an die Welt, sogar an das Gute, bestimmte. Die in der Romantik gesäte Saat war aufgegangen, wenn auch vielleicht ganz anders, als es ein Franz Schubert erträumte: „Oh holde Kunst (...) ein heiliger Akkord von dir/ Den Himmel bess'rer Zeiten mir erschlossen“ (Text: Franz von Schober). Der Traum äußerte sich nun in heftigen Panikattacken und wich plötzlich jener Hektik, die nach immer neuen Impulsen verlangte, die die gleißenden Lichter der Großstadt gewährten, keine Beruhigungsmittel, nein lauter kleine dämonische Hiebe, die immer neue Impulse evozieren. Das Leben war nicht mehr der träge Fluss des dörflichen Idylls, sondern ein reißender Strom, der das urbane Leben verformte. Die Nervösen seien das Salz der Erde, behauptete Joyce' Zeitgenosse Marcel Proust. Auch Joyce war ein Nervöser, mit Salz unter dem Fuß.

22-jährig verließ Joyce Dublin und lebte abwechselnd in Paris, Triest und Zürich. Gedanklich hängen blieb er jedoch zeitlebens in Dublin. Als habe sein Gedächtnis diese Vergangenheit eingefroren, schilderte er in Ulysses die Ereignisse eines einzigen Tages, des 16. Juni 1904. Noch heute wird in abgöttischer Geworfenheit dieser Bloomsday genannte Tag von den Hardcorefans unter den Joyce-Anhängern begangen. Wer weiß, vielleicht werden Joyce zukünftig noch ganz andere Kränze geflochten. Dazu müsste allerdings der Tag kommen, an dem „Finnegans Wake“ nacherlebt wird. Doch dafür müsste man wahrscheinlich das menschliche Denken quantentechnisch konfigurieren. James Joyce hätte seinen Spaß daran. Vielleicht würde er, wie weiland in Zürich, im „illuminiertem Zustand“ (also arg angeheitert) seinen berüchtigten „Spinnentanz“ zum Besten zu geben, indem er seine hagere Gestalt auf den Eschenstock stützte und die ungelenk schlaksigen Beine in die Luft würfe, als wäre sein Schutzengel anwesend oder wenigstens Jeremias Gotthelf. James Joyce, der große Kreuz- und Querkopf hat vor 75 Jahren die Erde verlassen. Möge Gott seiner Seele gnädig sein.

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