Weimar

Ewiggestrige Empörung

Zuviel Sexismus: Ein Künstlerkollektiv hat das Goethehaus in Weimar mit Klopapier beworfen. Die Aktion offenbart ein gefährliches Welt- und Menschenbild.

Nun hat es einen deutschen Nationaldichter erwischt – Goethe ist des Sexismus' überführt, angeklagt und abgeurteilt durch die Kunst höchstselbst. Denn das Prinzip der Gewaltenteilung gilt nicht für unsere Künstler, ihres Zeichens Hüter der Moral, sodass sie als Richter und Henker zugleich in Aktion treten dürfen.

In diesem Fall bestand die „Aktion“ des Künstlerkollektivs Frankfurter Hauptschule darin, einen absurd-grotesken Tanz zu filmen und anschließend das Goethehaus in Weimar mit Klopapier zu bewerfen. Die stilistisch irgendwo zwischen Eurhythmie und Synchronturnen des BDM angesiedelte Choreographie wurde anschließend mit Goethes Heideröslein unterlegt, gesungen von plärrendem Kinderchor. Die Initiatoren wollen mit diesem Video auf das ihrer Ansicht nach empörende Frauenbild Goethes, vor allem aber wohl auf sich selbst hinweisen.

Legitimer Blick auf Goethes Frauenbeziehungen

Man kann dieser Aktion durchaus etwas abgewinnen. Zwar sind zwischenmenschliche Beziehungen immer vielschichtig und für Außenstehende nur begrenzt fassbar. Dennoch ist es legitim, Goethes Beziehung zu Frauen zu beleuchten. Abgesehen davon äußert sich hier eine bissige Selbstironie, die dem Gros der politischen Kunst leider nicht eigen ist. Statt hirnloser, aggressiver Agitation Tänze mit Klopapier auf Stangen– auch ein satirisches Bild für das eigene Wirken. Vielleicht sind sich die Künstler bewusst, dass postmodernes Pathos einen derartigen Hang zur Lächerlichkeit hat, dass man es besser von vornherein mitparodiert.

In den Verlautbarungen der Gruppe manifestiert sich diese erfrischende Einstellung allerdings kaum. Im Interview mit dem Online-Magazin Bento (ein Ableger des Spiegel Online) wird die kulturmarxistische Agenda heruntergeleiert, als wären die siebziger Jahre in vollem Gange – was sich bereits in der Organisation als „Kollektiv“ äußert: Ewiggestrige kulturmarxistische Nostalgie; die Avantgarde hat sich im Vorgestern verheddert. Wenn etwa exemplarisch am Umgang mit dem Heideröslein kritisiert wird, Kinder müssten dies in der Schule unreflektiert auswendig lernen, obwohl es eine Vergewaltigung (verharmlosend) thematisiere, arbeitet man sich damit an einem zumindest antiquierten, wenn nicht frei erfundenen Vorwurf ab: Wer weiß, vielleicht war das so in preußischen Schulen anno 1912. Heute kann man froh sein, wenn überhaupt auswendig gelernt werden muss, und Sinn der Behandlung eines solchen Werkes im Schulunterricht ist ja gerade die Entschlüsselung der hinter dem Text liegenden Ebenen.

Ein aufmerksamer Schüler könnte den „Frankfurter Hauptschülern“ überdies erläutern, dass Autor und Werk nicht identisch sind, und dass das Schildern eines Phänomens nicht bedeutet, dass man es gutheißt oder fordert – Goethe als Vertreter einer rape culture darzustellen, ist in etwa so schlüssig, wie Krimiautoren die Förderung von Kapitalverbrechen vorzuwerfen.

Was nicht passt, wird unterschlagen

Hier handelt es sich um eine Herangehensweise an Kunst, die das gesamte Leben einer gesellschaftspolitischen Agenda unterwerfen will. Es gibt keine Paradoxa, keine Nuancen. Dass der Dichter des Heiderösleins nicht bloß ein einfaches Mädchen geschwängert hat (worauf die Frankfurter Hauptschüler seine Beziehung zu Christiane Vulpius reduzieren), sondern entgegen der moralischen Vorstellungen seiner Zeit mit ihr zusammenlebte und sie schließlich heiratete: Das passt nicht in die Gleichung, also wird es ignoriert und unterschlagen.

Diese Künstler hinterfragen ihre eigenen Axiome nicht, ihnen kommt nicht in den Sinn, dass Menschen weder mechanische Rädchen eines Systems sind, noch Leibeigene einer Ideologie, sondern freie, aber eben auch widersprüchliche Kreaturen, die sich nicht in opportune Schubladen stecken lassen.

Diese Komplexität ist zu viel für 68er-Reenactment, deshalb wird sie gnadenlos heruntergebrochen: Wer nicht liebt, lebt und dichtet, wie Antisexismus diktiert, ist Sexist. Ob man den Vorgang an sich nun witzig, lächerlich oder unangemessen findet, ist Ansichtssache. Das zugrunde liegende Welt- und Menschenbild ist falsch und gefährlich.

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