Europäische Erzählung gesucht

Konzepte für Europa gibt es schon lange. Manche Ideen sind weiterhin wirkmächtig. Ein Blick auf die Klassiker. Von Felix Dirsch
Europa-Sterne
Foto: Foto: | Das Projekt Europa bleibt spannend. Die Sterne für die Europäische Union werden an einem Aussichts-Ballon in Berlin angebracht. Kay Nietfeld/dpa

Braucht Europa eine große Erzählung? Die Meinungen sind auch in diesem Punkt gegensätzlich. Übergreifende Narrationen sind seit Jahrzehnten verabschiedet. Es bleibt aber bei vielen Beobachtern der Europäischen Union (EU) ein Unbehagen: Gewiss sind Leitideen immer kontrovers. Eine einzige Erzählung als grundierende gab es nie und wird es auch nie geben. Kann man deshalb aber auf sie verzichten?

Die beiden wichtigsten miteinander konkurrierenden Deutungsmuster lauten: Abendland- versus Global-Player-Erzählung. Die Vertreter der Ersteren sehen die EU in erster Linie für den eigenen Bereich zuständig. Weitere Beitritte, etwa der der Türkei, sollten möglichst vermieden werden, da durch eine solche Erweiterung die kulturelle Heterogenität gefördert werde und das Verbindende schwinde. Manche Interpreten (wie der Politologe Herfried Münkler) monieren bei dieser Variante die islam-aversen Elemente sowie angebliche Unterkomplexität. Diese Sichtweise von der Rolle der EU wird auf staatlicher Ebene hauptsächlich in östlichen Ländern des Kontinents vertreten. In den westlichen Staaten dominiert das Global-Player-Modell (bei allerdings wachsenden Widerständen). Die EU sollte demnach über die Peripherie hinaus stabilisierende Maßnahmen ergreifen, im Nahen Osten wie im nördlichen Afrika. Übrig bliebe im Fall der Verabschiedung von Leitideen eine pragmatisch-technokratische Begründung für die Tätigkeit der EU-Institutionen. Konkret bedeutete das nichts anderes, als dass die Union nur noch durch den Aspekt der Umverteilung und (meist eher unbestimmter) Werte zusammengehalten würde. Diese politischen Schwerpunkte stehen in der Praxis ohnehin klar im Vordergrund. Reichen sie aber in Gänze aus? Ein Blick auf ältere Entwürfe kann bei der Beantwortung der Frage hilfreich sein.

Zu den wichtigen Vorläufern des heutigen Global-Player-Modells darf der in der Donaumonarchie aufgewachsene Gründer der Paneuropa-Union, Richard Graf Coudenhove-Kalergi gezählt werden, Sprössling eines altösterreichischen Diplomaten und einer Japanerin. Der aus übernationalem Adel stammende Kosmopolit war wie geschaffen, nach dem Ersten Weltkrieg eine zündende Idee zu verfolgen: die Schaffung eines europäischen Staatenbundes. Der Weg zur Erreichung dieses Zieles war jedoch nicht immer eindeutig. Das Grundkonzept stellte der Graf in seiner programmatischen Abhandlung „Paneuropa“ vor. Manches Argument klingt bekannt: Kein Apologet eines „immer engeren Europa“ vergisst darauf zu verweisen, dass Europa heute ökonomisch, demographisch und politisch zunehmend marginalisiert wird. Andere weltpolitische Epizentren dürften an Gewicht noch zunehmen. Coudenhove-Kalergi wagt einen Blick auf zeitgenössische Tendenzen: Britannien (damals noch ein Weltreich mit ausgedehnten außereuropäischen Regionen) wachse aus Europa heraus. Ebenso löse sich das bolschewistische Russland von Europa (auch wegen seiner eurasischen Lage). Besonders der Aufschwung Asiens, vor allem Japans, rufe öfters ungläubiges Staunen hervor, sei doch aus Sicht vieler Kultur ausschließlich „Kultur der weißen Rasse“ („Paneuropa“ 1926, S. 32). Der Autor kommt zur Schlussfolgerung: „Europas Weltherrschaft ist für immer gestürzt“ („Paneuropa“, S. 15). Nur Paneuropa sei die Rettung! Zu den einschlägigen Themenfeldern zählt er auch die heute noch aktuelle Frage nach den geographischen Grenzen. Natürliche Limitierungen fehlen Europa, folglich rückt die Problematik der Kultur in den Mittelpunkt.

Katholiken waren für das Europa der Vaterländer

Das immer wieder in die Diskussion geworfene Ideal der „Vereinigten Staaten von Europa“ wird ebenfalls erörtert. Es bleibt nach Coudenhove jedoch unfruchtbar, während die „Vereinigten Staaten von Amerika“ längst ihren Siegeszug angetreten hätten. Deren Vorbildwirkung habe aber noch keine konkreteren Formen angenommen. Coudenhove hoffte, aufgrund der absehbaren Tendenzen in Richtung einer internationalen Ordnung (Haager Landfriedensordnung, Völkerbund) den richtigen Zeitpunkt für sein Projekt gefunden zu haben. Die folgenden Rückschläge hat er wenigstens in Umrissen vorausgesehen, beklagte er in hellsichtigen Prophezeiungen doch die Gefahren eines kommenden Krieges. Coudenhoves geistige Welt der 1920er Jahre gilt als umstritten, liegen doch partielle Übereinstimmungen mit dem Ideenkonglomerat der Konservativen Revolution vor, das antiparlamentarisch-antiwestliche Züge aufweist. Aufschlussreich ist das Gespräch, das er mit dem italienischen Philosophen Julius Evola 1933 in Rom anlässlich seines Treffens mit Mussolini führte (Julius Evola: Paneuropa and Fascism: Colloquium with Count R. N. Coudenhove-Kalergi, in: A Traditionalist Confronts Fascism, London 2015, S. 46 ff). Hervorzuheben ist jedoch, dass der europäische Vordenker Nationalismus sowie rassisches Denken ablehnte.

Das Mitglied der Wiener Großloge „Humanitas“ sah das Christentum naturgemäß aus der Perspektive eines Freimaurers: nämlich als eine der zwei „Revolutionen der Brüderlichkeit“, neben dem Buddhismus, wie es in Coudenhoves Erinnerungen „Ein Leben für Europa“ (1966, S. 375) heißt. Dass er der „abendländischen“ Neuausrichtung der Paneuropa-Union unter seinem Nachfolger Otto von Habsburg kritisch gegenüberstand, verwundert nicht. Für den „Botschafter Europas“ (Anita Ziegerhofer-Prettenthaler) bot das Christentum keine „Orientierungshilfe. Wünsche nach einer ,Rechristianisierung‘ schienen ihm gar ,reaktionär‘ …“. Dieses Urteil fällt die Historikerin und Biographin Vanessa Conze in ihrer 2004 publizierten Schrift „Richard Coudenhove-Kalergi“ (S. 12).

Nicht zufällig offenbart die katholisch geprägte Zeitschrift „Abendland“, die in den 1920er Jahren für relativ kurze Zeit erschienen ist, eine ablehnende Haltung gegenüber „Paneuropa“. Die Mitarbeiter des Periodikums brachten föderative Konzepte zum Aufbau Europas hervor. Der Romanist Hermann Platz wirkte als einer der umtriebigen Protagonisten. Er bemühte sich vor allem um die Verständigung zwischen den „Erbfeinden“ Deutschland und Frankreich. Der damalige Oberbürgermeister von Köln, Konrad Adenauer, unterstützte den Publizisten Platz. Autoren wie Friedrich Schreyvogel wollten dem Paneuropa-Konzept, das sie als Versuch, eine „Weltnation“ zu erschaffen, deuteten, eine Balance zwischen dem nationalen und dem übernationalen Element der Staatengemeinschaft gegenüberstellen. Man kann darin frühe Ansätze eines „Europas der Vaterländer“ erblicken, die später in der Umgebung Charles de Gaulles kursierten. Der Verleger Johann W. Naumann, Gründungsherausgeber der „Deutschen Tagespost“, konnte bald nach dem Zweiten Weltkrieg mit der 1958 eingestellten Zeitschrift „Das Neue Abendland“ an diese Traditionslinie anknüpfen. Die unmittelbare Gegenwart ist daran kaum anschlussfähig. Die Pariser Erklärung „Ein Europa, an das wir glauben können“ von 2017, unterzeichnet von konservativen Intellektuellen (Rémi Brague, Ryszard Legutko, Roger Scruton, Robert Spaemann und anderen), unterstreicht die Rolle des Christentums bei der Förderung der kulturellen Einheit. Offen betont wird dabei, dass der Niedergang des einst die Völker verbindenden Glaubens einhergehe mit den neuen Einheitsregularien, etwa dem „Imperium des Geldes“ und des Marktes oder dem „pseudoreligiösen Universalismus“, der nichts anderes darstelle als bürokratischen Zentralismus.

Relevante antizentralistische Konzepte stammen mitunter auch von Europäern, die sozialistischem Gedankengut verpflichtet waren. Altiero Spinelli (1907–1986) wirkte ursprünglich als Aktivist der italienischen kommunistischen Partei, brach dann aber in der Verbannung, zu der er von den regierenden Faschisten verurteilt wurde, mit seinen Ansichten. Mit anderen Mussolini-Gegnern bereitete er das Manifest von Ventotene vom Juli 1941 vor. Dieses wirkte über Widerstandszirkel auf die Frühzeit der europäischen Einigung nach 1945 ein. Als Europaparlamentarier konnte Spinelli nach jahrzehntelanger Arbeit noch 1984 ein Verfassungskonzept vorlegen. Er wollte die Teilung Europas in souveräne Nationalstaaten beenden und an deren Stelle ein föderatives Europa schaffen. Entsprechend seinen Vorstellungen sollte jedes Land die Möglichkeit besitzen, gemäß seiner Geschichte und Tradition nationale Gestaltungsspielräume zu nutzen, die allerdings begrenzt werden müssten. Partikularismen, etwa militärischer Art, sollten ausgeschlossen sein. Spinelli verwendete zwar wie Churchill die Formel von den „Vereinigten Staaten von Europa“, bevorzugte aber anders als dieser ein dem Bundesstaat vergleichbares Gebilde. Manches, was später in der Einheitlichen Akte (1986) und in der Wirtschafts- und Währungsunion 1992 verwirklicht wurde, stammt von Spinelli und diversen Zirkeln in seinem Umfeld. Einige seiner Initiativen gingen auch in den Maastrichter Vertrag ein.

Wenngleich Spinelli heute dem Modell der Global Players näherstehen dürfte als dem der Abendländer, wusste er doch um die Gefahren eines bürokratischen Zentralismus. Er kannte die europäischen Traditionen zu gut, um Einigkeit mit Einheit zu verwechseln. Zur grundlegenden Basis einer europäischen Gegenwartserzählung sollte eine Weisheit Johann Wolfgang von Goethes aus dem Jahre 1807 zählen: „Dinge sind ja selbst nur Verschiedenheiten, durch den Menschen gesetzt und gemacht; und die Verschiedenheiten, die er setzt und macht, wird er ja wohl auch als solche Verschiedenheiten, nämlich als das, wofür er sie erkennt, als verschieden aussprechen können.“ Nur die penible Beachtung der Notwendigkeit einer concordia discors kann die Entfremdung von den Weichenstellungen großer Europäer wie Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi oder Robert Schuman aufhalten. Alles andere wird die Krise wohl perpetuieren.

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