Ungeschminkt

Es herrscht „Alarmstufe Grün“

Eskalation ist das neue Normal. Ständig ist es „5 nach 12“ und / oder „alternativlos“. Manchmal wirkt das Empörungs-Engagement aber auch einfach nur komisch.
Vandalismus an Van Gogh gemälde
Foto: Just Stop Oil (PA Media) | „Klima-Terroristen“ versuchen die Gesellschaft zu erpressen, indem sie Kulturgüter vandalisieren: Hier wurde das Bild Van Gogh Gemälde «Sonnenblumen» von 1888 in London mit Dosensuppe beworfen.

Im Zeitalter digitaler, (a-)sozialer Kommunikation wird es immer schwerer, angesichts täglicher Empörungsausschläge die eigene politische Botschaft werbewirksam zu platzieren. In Berlin etwa hat man sich längst daran gewöhnt, dass die Taxifahrer einen immer nur mit Umwegen von A nach B bringen, weil gerade wieder eine Baustelle, eine Demonstration oder ein auf die Fahrbahn geklebtes, infantiles Hindernis umfahren werden muss.

„Bereits nach wenigen Stunden ging das Gejammer los,
weil Porsche den Sachbeschädigern und Hausfriedensbrechern,
die sich empört via Twitter meldeten,
kein Wunschessen servierte, ihnen kein Töpfchen hin- und dafür Licht und Heizung abstellte“

Wo jede Harmlosigkeit zum Eklat stilisiert wird, haben es nicht nur echte Skandale schwer, zur Kenntnis genommen zu werden, es forciert auch die Notwendigkeit, immer noch einen draufzulegen. Nur Anfänger und die „Zeugen Jehowas“ stehen noch mit stillen Plakaten und ernsten Gesichtern stumm an einer Straßenecke. Wobei ich die unermüdliche Dame an der A 40 mit dem großen Jesus-Plakat wirklich liebe. Für die Seite 1 der Bild, die Tagesschau oder das Tagesranking der Social-Media-Kanäle reicht das freilich nicht aus.

Die Profis unter den Aufmerksamkeits-Defizitären haben das eigene Kamerateam gleich selbst dabei oder wenigstens wohlgesonnene Journalisten im Schlepptau, um die „Aktion“ nicht nur festzuhalten, sondern sofort über den Erdball zu transportieren. „Ich twittere, also bin ich“ als das moderne Credo für die Erstsemester an der Aktivistenfront. Wenn es davon kein Instagram-Video gibt, ist es nicht passiert.

Lesen Sie auch:

Infantile Sprache vom „Doppel-Wumms“ 

Eskalation ist das neue Normal. Ständig ist es „5 nach 12“ und/oder „alternativlos“. Die Apokalypse naht oder wenigstens das nächste Killer-Virus, das uns alle ausrotten wird, wenn wir nicht auf Onkel Lauterbach hören und brav unsere FFP2-Masken in der Bahn tragen. Alles ist immer „mega“ oder „ultra“ oder wenigstens „krass“. Kein Wunder, wenn man das Gefühl hat, immer mehr Leute seien übergeschnappt. Die Erderwärmung ereignet sich vorrangig in Form überhitzter Gemüter. Und selbst unser sprachlich dröger Bundeskanzler „Scholzomat“ Olaf garniert die Verkündigung politischer Entscheidungen wie das 200-Milliarden-Energiepaket jetzt obenauf mit der Wort-Kirsche, das sei ein „Doppel-Wumms“ – die Medien haben hoffentlich den großen Knall gehört!

In Sachen Klima-Aktivismus ist die Szene paradox. Während „Ich will, dass ihr in Panik geratet“-Greta gerade sympathisch erwachsen wird und die grüne Atomkraft empfiehlt, ist der Klimanachwuchs, den sie rief, noch in einer Art Dauerpubertät gefangen und führt sich auf wie Vierjährige, die im Supermarkt schreiend am Boden liegen, weil Mutti ihnen den Griff ins Süßigkeiten-Regal verboten hat.

Lesen Sie auch:

Es geht darum Aufmerksamkeit zu erpressen - auf Teufel komm raus!

Sollte sich die naturwissenschaftliche Theorie bewahrheiten, dass alles, was zum Überleben in der Natur nutzlos ist, sich evolutionsbiologisch überlebt, erscheint es weitsichtig, dass sich die Nichterwachsenwerdenwollenden (genderneutral!), die sich gerade im Namen der Klimarettung auf Fahrbahnen, Fußböden und in Museen festkleben, selbst „Die letzte Generation“ genannt haben. Es besteht also Hoffnung auf Ruhe.

Noch nehmen die jungen Klima-Terroristen aber das „Macht kaputt, was euch kaputt macht“ der 68er-Generation wörtlich, und versuchen sich in der inszenierten Zerstörung von Kunstschätzen, um die Aufmerksamkeitsspirale noch weiter zu überdrehen. Eine Torte auf die Mona Lisa werfen, Tomatensuppe auf van Goghs Sonnenblumen oder gerade Kartoffelbrei auf den Monet in Potsdam: Ihr Gratismut perlt bislang auf den schützenden Glasscheiben der Malerei ab. Würde man wirklich einen Millionenschaden riskieren, könnte Papas Rechtsschutzversicherung ja auch mal aussteigen.

Wenn sie nicht bekommen was sie wollen, jammern sie

Aber ich will nicht undankbar sein bei so viel Engagement zur Rettung des Universums, denn ab und zu sind sie unfreiwillig witzig. Letztens hatte sich die Gruppe „Scientist Rebellion“ in der VW-Autostadt im Porsche-Pavillon festgeklebt, um für ein Tempolimit und die Wiedereinführung des 9-Euro-Tickets zu protestieren. Bereits nach wenigen Stunden ging das Gejammer los, weil Porsche den Sachbeschädigern und Hausfriedensbrechern, die sich empört via Twitter meldeten, kein Wunschessen servierte, ihnen kein Töpfchen hin- und dafür Licht und Heizung abstellte. Unmenschliche Zustände sind das. Wie soll man sich am Boden festkleben und das Klima retten, wenn die zarten Fingerchen frieren?

Die Printausgabe der Tagespost vervollständigt aktuelle Nachrichten auf die-tagespost.de mit Hintergründen und Analysen.

Themen & Autoren
Birgit Kelle Claude Monet Extremismus Greta Thunberg Olaf Scholz Vincent van Gogh

Weitere Artikel

Die Schlüsselfiguren des Wahlabends waren nicht Laschet oder Scholz. Es sind Christian Lindner, Robert Habeck und Hans-Georg Maaßen.
27.09.2021, 11 Uhr
Sebastian Sasse
Eine unzuverlässige und wankelmütige Politik aus Deutschland und Frankreich hat die osteuropäischen Nachbarn verunsichert, aber auch deren Eigeninitiative und Selbstvertrauen gestärkt.
29.04.2022, 21 Uhr
Kristina Ballova

Kirche

Der hohe Wert von Wahrheit und Freiheit – Nächste Folge der losen Serie über die „Köpfe des Konzils“: Bischof Karol Wojtylas Akzentsetzung beim Zweiten Vatikanum.
29.11.2022, 19 Uhr
Christoph Münch
Papst Franziskus erinnert die Bischöfe an ihre Pflicht, für die Lehre einzustehen. Das zeigt: Seine „Basta-Kommunikation“ wirkt.
29.11.2022, 11 Uhr
Regina Einig
Ein Fazit, das der Görlitzer Bischof Ipolt aus den Gesprächen in Rom zieht ist, dass man auf dem Synodalen Weg nicht weiter machen kann wie bisher.
28.11.2022, 18 Uhr
Dorothea Schmidt