Erschrocken über die Schönheit physikalischer Gesetze

Ein Roman holt die Erkenntnisse aus der Quantenmechanik von Werner Heisenberg in die Gegenwartsliteratur. Von Barbara Strahm
Werner Heisenberg
Foto: IN | Der Physiker Werner Heisenberg.
Werner Heisenberg
Foto: IN | Der Physiker Werner Heisenberg.

„Im ersten Augenblick war ich zutiefst erschrocken. Ich hatte das Gefühl, durch die Oberfläche der atomaren Erscheinungen hindurch auf einen tief darunter liegenden Grund von merkwürdiger innerer Schönheit zu schauen, und es wurde mir fast schwindelig bei dem Gedanken, dass ich nun dieser Fülle von ästhetischen Strukturen nachgehen sollte, die die Natur dort unten vor mir ausgebreitet hatte...“ Der dies als junger Mann von noch nicht 24 Jahren im Sommer 1925 empfand und 1969 in einer Art Lebensrückblick auf seine wissenschaftliche, menschliche und philosophische mitwebende Verwobenheit mit der theoretischen Atomphysik publizierte, war der Physiker und spätere Nobelpreisträger Werner Heisenberg.

Im Augenblick des tiefen Erschreckens war ihm die erste mathematische Formulierung der neuen Quantenmechanik gelungen, der in 1927 die Formulierung der sogenannten Heisenberg'schen Unschärferelation folgte, die, ebenso wie Einsteins vermeintliche Aussage „alles sei relativ“, ebenso unverstanden in die Populärsprache Eingang gefunden hat. 1933 verkündete das schwedische Nobelpreiskomitee, das die Vergabe des Nobelpreises für Physik seit 1929 wegen angeblich fehlender preiswürdiger Entdeckungen ausgesetzt hatte, es spreche diesen Pries 1932 Werner Heisenberg „für die Begründung der Quantenmechanik...“ zu und den für 1933 den Physikern Schrödinger und Dirac, ebenfalls für deren Leistungen auf dem Gebiet der Quantenmechanik.

Heisenbergs Erleben des tiefen Erschreckens vor der Schönheit der ihm sich offenbarenden Strukturen und Zusammenhänge „tief unter“ den „atomaren Erscheinungen“ ging nach dem Ort seines Stattfindens als sogenanntes „Helgolanderlebnis“ in die Geschichte der theoretischen Physik ein.

„Dieselben ordnenden Kräfte in Natur und in der Seele“

Es gibt eine den ganzen Menschen erfassende, physisch spürbare Erlebensform des Erkennens von archetypischer Qualität wider, in der den Menschen ein sich unvermittelt aufbrechendes, durch bewussten Willen nicht herstellbares und doch durch bewusstes Erkennen erzeugtes Gefühl der Zeugenschaft ablegenden Teilhabe an einem „dem Sein“ zugrunde liegenden „Prinzip“ durchströmt. Es ist ein zutiefst re-ligiöses, das heißt, den Menschen an einen Urgrund rückbindendes Erleben und stets verbunden mit „heiligem Schrecken“. Einem Menschen, dem nicht auch zutiefst „Schönheit“ erfahrbar ist, widerfährt es nicht. Heisenberg war nicht der einzige Naturwissenschaftler oder Mathematiker, dem solches widerfuhr, aber lebendiger und bildhafter als er in seinem „Helgolanderlebnis“ hat es wohl bisher keiner zum Ausdruck gebracht. Als rationalen Abglanz seines Erlebnisses als junger Mann formulierte Heisenberg später in seinem Lebensrückblick: „Es sind die gleichen ordnenden Kräfte, die die Natur in allen ihren Formen gebildet haben und die für die Struktur unserer Seele, also auch unseres Denkvermögens verantwortlich sind.“

Die Quantenmechanik, an deren Begründung und Entwicklung Werner Heisenberg solch herausragenden Anteil hatte, verlässt die raumzeitlichen Kausalitätsgewissheiten der sogenannten klassischen newtonschen Physik, erfasst Bedeutungszusammenhänge als bestimmende Bestandteile von Synchronizitätsereignissen und bewegt sich in mathematisch darstellbaren Bereichen, die sich einem sprachgebundenen, physikalischen Verstehen entziehen. Die philosophische Bedeutung davon ist ungeheuerlich und kaum zu umreißen, denn das Mittel der Philosophie ist die Sprache, eben jenes Instrument menschlichen Denkens, dessen Darstellungsmöglichkeiten sich die Quantenphysik so sehr entzieht.

Dies hat offenbar auch der Autor des hier zu besprechenden Romans „Das Prinzip“ so empfunden, der als Philosoph und Ich-Erzähler des Romans an einem wirklichen, die bloße Wortwidergabe der Heisenbergschen Unschärferelation übersteigenden Verständnis ihrer Bedeutung im Examen so grandios gescheitert sei, dass er die Physik als Naturwissenschaft hinfort aufgibt, sich aber nun umso mehr am Menschen Heisenberg und dessen grundlegender Befähigung zum Empfinden von Schönheit – auch als Zeitgenosse des unsagbar Schrecklichen – aufarbeitet. Wir verdanken diesem inneren und äußeren Prozess des Ich-Erzählers eine Hereinholung Heisenbergs in die Gegenwartsliteratur, die allein schon ein Wert an sich ist, der man aber wünschen möchte, dass sie andernorts aufgegriffen und in breitere Wirkung verwandelt werden möge. Die Sprache des Romans ist wortreich gewunden, überaus bildhaft, teils wie narzisstische Selbstübersteigung anmutend und streckenweise in Manieriertheit ermüdend. Sie richtet sich in direkter Rede an Heisenberg als äußeren Adressaten der inneren Auseinandersetzung des Autors mit sich selbst, die sich als poetisch kritische Hinterfragung Heisenbergscher Lebenswege und -handlungen gestaltet. Wer von Heisenberg „nichts“ weiss, aber J. Ferrari schätzt, wird hoffentlich durch diesen Roman angeregt, sich näher mit Heisenbergs eigenen populären Schriften zu befassen, aus denen Ferrari sich so großzügig wörtlich bedient.

Jérôme Ferrari: Das Prinzip. Secession Verlag für Literatur 2015, 130 Seiten, ISBN-13: 978-3905951653, EUR 19,95

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