Erinnerungen im Mönchstagebuch

Klösterliche Alltags- und Mikrogeschichte von österreichischen Prälatenklöstern im Fokus der Forschung. Von Gudrun Trausmuth
Pater Alkuin Schachenmayr, Vizerektor der Hochschule Heiligenkreuz
Foto: Trausmuth | Pater Alkuin Schachenmayr, Vizerektor der Hochschule Heiligenkreuz, hat die 11. Tagung des „Europäischen Instituts für Cistercienserforschung“ veranstaltet.

Vizerektor und Institutsvorstand Pater Alkuin Schachenmayr hatte zur zweitägigen 11. Tagung des „Europäischen Instituts für Cistercienserforschung“ (EUCist) der Philosophisch-theologischen Hochschule Benedikt XVI. in Heiligenkreuz eingeladen. Nach einer wertschätzenden Darlegung des klassischen kirchenhistorischen Zugangs in Bezug auf klösterliche Forschung, definierte Schachenmayr das Programm der diesjährigen Veranstaltung, die unter dem Titel „Religiöse Volkskunde der österreichischen Prälatenklöster in der Frühen Neuzeit“ stand, als „dynamischen Perspektivenwechsel mit Bezug auf Bereiche, die sonst wenig Beachtung bekommen, nämlich Alltags- und Mikrogeschichte“.

Die Tagungsbeiträge lösten die motivierende Ankündigung Schachenmayrs ein: Das „Konzert“ der Vorträge – wie der Veranstalter es formulierte – eröffnete der Regensburger Kulturwissenschaftler Daniel Drascek mit einem Blick auf die klösterliche Erinnerungs- und Konfliktbewältigungskultur im 17./18. Jahrhundert: Anhand von Auszügen aus Mönchsdiarien zeigte Drascek unterschiedliche Qualitäten dieser schriftlichen Form des Erinnerns auf, die in ihrer subjektiven Komponente „seditativ“ wirken, zugleich aber auch die Funktion der Solidarisierung mit der Gemeinschaft haben könne. Drascek präsentierte das bis dato kaum wahrgenommene Mönchstagebuch als hoch spannende und ergiebige Quelle relevanter Forschung.

Eine politische Dimension der Handhabung des klösterlichen Raumes beschrieb im Folgenden Pater Alkuin Schachenmayr – Kirchenhistoriker und Theaterwissenschaftler – in seinen Ausführungen über „Semidramatisches in barocken Prälatenklöstern“ am Beispiel des Visitatorenempfangs: Um dem Erzbischof der neu gegründeten Diözese Wien, Kardinal Kolonitsch, zu vermitteln, dass sich sein Visitationsrecht ausschließlich auf die Stiftspfarrkirche, nicht aber auf die Abteikirche beziehe, empfing ihn der Konvent am 28. Juni 1731 nicht wie üblich vor der romanischen Klosterkirche, sondern auf der anderen Seite des Stiftshofes, an der Kaiserstiege, um ihn auf Umwegen in die Pfarrkirche zu führen. Ebenso präsentiere sich die stark ritualisierte Fußwaschung am Gründonnerstag als semidramatisches Moment, führte Schachenmayr aus: auch hier gebe es einen präzise etablierten Ablauf des Geschehens hinsichtlich räumlicher, gestischer, symbolischer Ebene, wobei auch die inszenierende Dimension durch verschiedene Momente unterstrichen werde.

Matthias Pernerstorfer, Direktor des Wiener Don Juan-Archivs, wandte sich in seinem Vortrag dem beeindruckenden Heiligenkreuzer Kreuzweg zu, indem er ausführte, inwiefern den damaligen Abt Robert Leeb eine 1731 erfolgte Reise ins Heilige Land zur Gestaltung des Kreuzweges und zur „bewussten Hinwendung zu dieser neuen Andachtsform“ inspirierte.

Dem Anspruch, den eigenen Lebensunterhalt durch Viehzucht und Ackerbau zu erwirtschaften, kam die klösterliche Gemeinschaft von Heiligenkreuz so erfolgreich nach, dass bereits früh die Errichtung von Wirtschafts- und Lagerhöfen zur Notwendigkeit wurde. Wie Peter Czendes in seinem Vortrag über „Heiligenkreuzer Stadthöfe“ als Beispiel für „frühkapitalistische Reinvestition“ darlegte, führte der erwirtschaftete Überschuss in der Folge auch zur Errichtung von Stadthöfen, die ursprünglich als Absatzmärkte für die erfolgreiche landwirtschaftliche Produktion fungierten. Wirtschaftshistorisch interessant auch die Ausführungen von Sepp Gmasz über „Die Pfarre Mönchhof in der Grundherrschaft des Stiftes Heiligenkreuz an der Wende vom Feudalismus zur Marktwirtschaft“: ein spannender Einblick in die wechselvolle Geschichte einer Stiftspfarre, in deren Situation sich wirtschaftspolitische Meilensteine widerspiegeln; als Beispiel sei das Maria-Theresianische „Urbar“ angeführt, das – in der Intention der Sanierung der Staatsfinanzen – unter anderem eine Erhöhung der bäuerlichen Arbeitsdienste mit sich brachte.

Ausgehend von der enormen Ruine einer Wallfahrtskirche im Gebiet der Pfarre Windigsteig am Fuße des Zisterzienserstiftes Zwettl, referierte die Doktorandin Iris Haslinger über eine große Wallfahrtsbewegung ab 1 500, die sich rund um die heute verfallene Kirche Maria Rafings formiert hatte. Im Zuge der Wallfahrtsbewegung kam es zur Gründung einer Bruderschaft, welcher neben praktisch-ökonomischen Funktionen unter anderem auch jene der persönlichen Identifikation durch sichtbare äußere Zeichen zukam, sowie die Öffnung eines gemeinsamen sozialen Raumes als Schnittstelle zwischen den Schichten. Dem Phänomen frommer Bruderschaften wandte sich auch der Historiker Vladimir Manas zu: er präsentierte die Gestalt des Cisterciensers Pater Christian Gottfried Herschmentzl, der als Instrument und in der Intention einer „lokalen spirituellen Verwaltung“ eine ländliche Bruderschaft gründete.

„Ansichten von Stiftspfarren als Instrumente klösterlicher Repräsentation“ legte der Leiter der topografischen Sammlung des niederösterreichischen Landesarchivs, Ralph Andraschek-Holzer vor: am Beispiel mehrerer Gemälde und Kupferstiche führte er Varianten der Bildkomposition und -strukturierung aus dem 18. und 19. Jahrhundert vor, in deren je unterschiedlicher Akzentuierung der topografischen und baulichen Verhältnisse er ein fruchtbares Feld kulturhistorisch relevanter Fragestellungen ortete.

Gelehrte Mönche waren öffentlich präsent

Die nicht friktionsfreien Beziehungen der Heiligenkreuzer Äbte und der ständischen Politik im Ungarn des 18. Jahrhunderts nahm der ungarische Historiker Andras Forgó in den Blick: Nach der Befreiung Ungarns von den Osmanen wirkten die geistlichen Orden des Kaiserreiches aktiv an der „Rekatholisierung“ Ungarns mit: das Zisterzienserkloster am Gotthardsberg etwa, wurde unter dem Heiligenkreuzer Abt Robert Leeb wiederbesiedelt, was mit Anspruch von Sitz und Stimme an der „Oberen Tafel“ des Landtages des Königreichs Ungarns einherging. Als dem Abt dennoch nur ein Platz an der „Unteren Tafel“ zugeteilt wurde, verweigerte er sich in der Folge der Präsenz im Landtag.

Leonhard Scherg wandte sich dem Stand der cisterciensischen Laienbrüder im frühneuzeitlichen Zisterzienserstift Bronnbach zu und präsentierte, ausgehend von einem Vergleich von Professurkunden, die Spezifika dieses Standes der „Konversen“ innerhalb der klösterlichen Gemeinschaft.

Im Folgenden fragte Thomas Wallnig nach „Cistercienser(n) in der res publica literaria“, einem Netz frühneuzeitlicher Gelehrter. Obwohl die übliche Außenperspektive von einem Widerspruch zwischen „Monastizismus und Gelehrsamkeit“ geprägt war, habe es demgegenüber sehr wohl gelehrte Mönche gegeben, die im Kommunikationsraum der „res publica literaria“ präsent waren.

Den Abschluss der Heiligenkreuzer Tagung über „Religiöse Volkskunde in österreichischen Prälatenstiften in der Frühen Neuzeit“ bildete der Beitrag von Joachim Werz: Er wandte sich dem „Concionatorium alphabeticum“, einer Heiligenkreuzer Handschrift, zu. Dabei handelt es sich um eine über Beispiele funktionierende Predigtanleitung, deren thematische Anordnung dem Alphabet folgt. Werz‘ Ausführungen machten deutlich, wie lohnend eine intensivere Hinwendung zu der in der Predigtforschung nur sehr selektiv behandelten cisterciensischen Predigtkultur wäre.

Der „dynamische Perspektivenwechsel“, der nach Tagungsveranstalter P. Alkuin Schachenmayr die EUCist11 bestimmte, umfasste Wirtschaftshistorisches genauso wie Kulturhistorisches, Frömmigkeitsgeschichte ebenso wie Politisches oder Liturgisch-Dramatisches, und vermittelte einen spannenden Einblick in das enorme Potenzial der Forschung zur frühneuzeitlichen religiösen Volkskunde.

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